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News: Pflanzliche Langstreckenflüge

Wenn Baumsamen sich auf Reisen begeben, dient oft der Wind als Vehikel. Er bietet neben Kurztrips in die Nachbarschaft offenbar gar nicht selten auch Fernreisen in neue Gefilde - und das für dick und dünn.
Der Windstoß, der durch den Wald fegt, sorgt nicht nur für Großputz am Boden, indem er Blätter und kleine Äste aufwirbelt. Für manche Bäume ist er lebensnotwendig, denn er verfrachtet ihre Samen vom Ursprungsort an entfernte Stellen, wo sie keimen und eine neue Lebensgemeinschaft gründen können. Ohne den Ferntransport müsste sich der Nachwuchs direkt unter den dichten Fittichen der Mutter behaupten, und das ist bekanntermaßen oft schwierig.

Viele der betroffenen Arten haben spezielle Anpassungen entwickelt, die ihren Samen das Segeln zur neuen Heimat erleichtern, wie die Flügel der Ahornfrucht oder der Fallschirm der Linden. Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe von Samen, denen diese Hilfsmittel fehlen. Wie gelingt ihnen der Aufbruch in die Ferne? Für das stetige Lüftchen, das ihren Lebensraum durchzieht, sind sie meist zu schwer. Doch ist es wirklich effektiv genug, auf heftige Windböen und Wirbeln zu warten, die ihre Fracht in größe Höhen bringen, dafür aber einen unsicheren Fahrplan bieten? Ein Modell, das auch im Freiland seine Gültigkeit beweisen musste, bringt nun die Antwort.

Ran Nathan von der israelischen Ben-Gurion University und seine Kollegen postierten 45 Meter hohe Türme in einem 80 Jahre alten Laubwald, dessen Baumkronen etwa 33 Meter Höhe erreichten. Von dort aus sammelten sie in verschiedenen Stufen die fliegenden Samen ein und ermittelten die bevorzugte Reisehöhe. Mit diesen Daten überprüften sie ein zuvor entwickeltes Modell zu turbulenten Luftströmungen in der Kronenschicht von Wäldern, das die Wahrscheinlichkeit solcher Wirbel und die durchschnittliche Samenverbreitung vorhersagt.

Die Daten passten gut – das Modell hatte sich also bewährt. Und es brachte noch einige Neuigkeiten ans Licht. So stimmt beispielsweise die verbreitete Annahme nicht, die Zahl der Samen nehme mit der Entfernung von der Quelle kontinuierlich ab. Nathan und seine Kollegen fanden vielmehr ein zweigipfliges Muster: Zum einen lagerten sich Samen des Tulpenbaumes (Liriodendron tulipifera) in einer Entfernung von bis zu hundert Metern ab, wobei ihre Dichte wie erwartet mit wachsender Distanz zunehmend geringer wird. Dieser Nachwuchs wurde nicht über die Kronendecke hinausgewirbelt, sondern innerhalb des Waldes bei geringer Windstärke und schwacher Turbulenz verfrachtet. Weit jenseits davon, in einer Distanz von einem bis zehn Kilometern, bildete sich jedoch ein zweiter Niederschlagsstreifen von Samen aus. Diese hatten einen Flug über den Baumkronen hinter sich, zu denen ihnen die Wirbel verholfen hatten.

Auch ist es keineswegs so, dass mit dem Wind über die Bäume hinweg transportierten Samen grundsätzlich leichter sind als ihre Geschwister, die den kurzen Flug zum Boden antraten. Zwar spiegeln die Mittelwerte der am Boden gesammelten Samen diese Gewichtsverteilung wider, doch der Verteilung nach gehören die Stichproben statistisch gesehen offenbar zur selben Grundgesamtheit. Demnach hat das Gewicht auf die Transportform nur einen vernachlässigbaren bis gar keinen Einfluss: Auch schwere Exemplare werden von den Winden nach oben gerissen und können weite Reisen antreten.

Mit einer Häufigkeit von ein bis fünf Prozent sind solche Langstreckenflüge offenbar häufiger als bisher vermutet. So treffend das neue Modell nun aber ist, über den Erfolg des Fernreisens kann es nichts aussagen. Denn ob ein Samen sich in seiner neuen Heimat etablieren kann, hängt von einer ganzen Reihe an Faktoren ab: Ist das Gelände überhaupt geeignet, die Konkurrenz nicht zu groß, und hat der Nachwuchs noch genug Reserven, um buchstäblich Wurzeln zu schlagen?

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