Physiologie: 32 Darmwinde pro Tag sind normal

Menschen produzieren deutlich mehr Darmwinde als bisher angenommen. Manche lassen sie bis zu 60-mal täglich ab – das liegt um ein Mehrfaches über den bisherigen Schätzwerten. Eine Arbeitsgruppe um Brantley Hall von der University of Maryland berichtet darüber im Fachjournal »Biosensors and Bioelectronics: X«.
Die Forscherinnen und Forscher haben kleine, batteriebetriebene Geräte entwickelt, die sich diskret an der Unterwäsche befestigen lassen. Mit elektrochemischen Sensoren überwachen diese Apparate rund um die Uhr, wann Winde abgehen. Die Sensoren sprechen auf typische Bestandteile von Darmgasen an: Wasserstoff, Methan, Kohlenstoffdioxid, Schwefelwasserstoff und Stickoxide.
19 gesunde Erwachsene – Männer und Frauen – erklärten sich bereit, die Geräte jeweils eine Woche lang zu tragen. Unterwegs auf Reisen und bei schweren körperlichen Anstrengungen konnten die Apparate abgelegt werden; auch während des Nachschlafs mussten sie nicht unbedingt am Körper bleiben. Nach Ablauf der Woche sammelte das Forschungsteam die Geräte wieder ein und wertete die Messdaten aus.
Die Ergebnisse überraschten: Gesunde Erwachsene produzieren demnach durchschnittlich 32 Darmwinde pro Tag. Das ist mehr als doppelt so viel wie die rund 14, die in der medizinischen Literatur bisher als täglicher Mittelwert angegeben werden. Zudem wiesen die Daten auf enorme individuelle Unterschiede hin: Manche Versuchspersonen ließen 4-mal täglich Luft ab, andere 59-mal.
Die erstaunlich großen Diskrepanzen zu älteren Angaben rühren zum Teil daher, dass sich frühere Untersuchungen oft auf Selbstauskünfte stützten. Diese sind jedoch durch Aufmerksamkeits- und Erinnerungslücken der Probanden, fehlerhafte Angaben sowie die Schwierigkeit, sich während des Schlafs selbst zu beobachten, beeinträchtigt. Zudem haben Menschen sehr unterschiedliche Eigenwahrnehmungen ihrer Körperfunktionen.
Darmwinde zu messen, liefert Hinweise auf die Aktivität des Mikrobioms, denn der Wasserstoff in den Gasen stammt praktisch ausschließlich von Darmmikroben. Da die Mikrobengemeinschaft, die unseren Körper besiedelt, eine enorme gesundheitliche Bedeutung hat, können solche Messungen von medizinischem Interesse sein. Deshalb möchte das Team nun in einem größeren Forschungsprojekt mit Hunderten teilnehmenden Personen möglichst objektiv ermitteln, in welchem Bereich sich die Flatushäufigkeit typischerweise bewegt, wie sie von der Ernährung, der Darmflora und von Krankheiten abhängt und wie sie sich etwa durch Diäten beeinflussen lässt.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.