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Scheinmedikamente: Placebos wirken im Rückenmark

Placebos dämpfen die Schmerzwahrnehmung des Körpers bereits im Rückenmark, wo frühe neuronale Verrechnungsschritte noch vor der eigentlichen Bewertung des Schmerzes in höheren Gehirnzentren stattfinden. Dies schließen Falk Eippert vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und seine Kollegen nach Versuchen mit Freiwilligen, deren Reaktion auf kurze Hitzereize im Magnetresonanztomografen überwacht wurde [1].

Die Probanden hatten gesagt bekommen, sie würden an Tests teilnehmen, bei denen die Wirksamkeit einer betäubenden Salbe überprüft wird. Tatsächlich enthielt die aufgetragene Salbe als Placebo aber keinerlei Wirkstoffe; dennoch empfanden die Testpersonen deutlich weniger Schmerz. Dies war auch im fMRI-Bild zu erkennen: bei placeboberuhigten Teilnehmern ist eine an der Reizverarbeitung beteiligte Region im Rückenmark weniger aktiv als bei Probanden, die keine Creme aufgetragen hatten.

Demnach mindert die bloße Erwartung einer schmerzdämpfenden Wirkung die Weitergabe von Schmerzreizen schon im Bereich des Hinterhorns des Rückenmarks. Dies hatten auch Verhaltensexperimente schon nahe gelegt [2]. In der Region verstärkt oder hemmt eine zentralnervöse Verschaltung verschiedener einlaufender Neuronen die schmerzenden (nozizeptiven) Reize, löst Reflexreaktionen aus und reicht das Signal an das Gehirn weiter. Erst dann dringt der Schmerz ins Bewusstsein und wird emotional bewertet.

Diese Schmerzleitung kann im Rückenmark durch opiathaltige Schmerzmittel, aber auch durch körpereigene Endorphine unterbunden werden, die in die neuronalen Bewertungsprozesse im Hinterhorn eingreifen. Solche Endorphine scheinen auch unter dem Eindruck von Placebos rekrutiert zu werden, vermuten Eippert und Kollegen. Die Scheinwirkstoffe beginnen demnach bereits zu wirken, bevor den Behandelten ein Schmerz bewusst werden kann.

Eine solche Hemmung war schon seit 1965 von Vorreitern der Schmerzforschung wie Ronald Melzack als "Gate-Control-Theory" postuliert worden [3]. Die Schmerzweiterleitung zum Gehirn werde dabei durch ein "Tor" (Gate) zwischen Rückenmark und Großhirn blockiert. Das Tor stellte sich Melzack als neuronale Bewertungsinstanz vor, die hemmende und erregende Inputs von verschiedenen Neuronen erhält und die Signalweitergabe davon abhängig stoppt oder startet. Eippert und Kollegen zeigen nun, dass ein solches Tor im Hinterhorn im Rückenmark liegen könnte und sich schließt, wenn ihm aus dem Gehirn eine Placebowirkung über vor Ort freigesetzte Endorphine signalisiert wird. (jo)
42. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42. KW 2009

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  • Quellen
[1] Eippert, F. et al.: Direct Evidence for Spinal Cord Involvement in Placebo Analgesia. In: Science 326, S. 404, 2009.
[2] Matre, D. et al.: Placebo-Induced Changes in Spinal Cord Pain Processing. In: The Journal of Neuroscience26(2): S. 559–563, 2006. 404, 2009.
[3] Melzack, R. & Wall, P.D.: Pain mechanisms: A new theorie. In: Science 150: S. 971, 1965.

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