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Die Zukunft der Stadt: Planet Stadt

Unaufhaltsam wandert die Menschheit in die Städte, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt schon dort. Gibt es Grenzen für diesen Trend?
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Schwer liegt der Smog über Mexiko-Stadt und versperrt den Blick auf den nahen Vulkan Popocatepetl: Unzählige Autos, Fabriken und Kraftwerke verpesten die Luft der Metropole, in der mittlerweile rund 20 Millionen Menschen leben. Weit ist sie gekommen, Mexikos Kapitale, seit die Azteken hier ihre Stadt Tenochtitlán auf einer Insel im Texcoco-See gründeten – eine Art Venedig der Neuen Welt. Heute ist von alldem, nach der weit gehenden Trockenlegung des Sees, nur noch wenig übrig geblieben. Allein der Stadtteil Xochimilco, wo Sonntagsausflügler in kleinen Booten über die Kanäle schippern, erinnert an glanzvollere Zeiten. Ansonsten dominieren Asphalt und Beton das Stadtbild – und Abgase.

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Mexiko-Stadt | Scheinbar uferlos wuchert Mexico D.F., die Hauptstadt des lateinamerikanischen Staats, über den Horizont hinaus. Doch der Eindruck trügt: Seit einigen Jahren stagniert die Bevölkerungszahl der Metropole, da viele Menschen in andere Industriezentren abwandern – das gleicht den Zustrom vom Land aus.

Die dicke Luft über der Metropole, das Chaos in den Straßen und das Ausufern der Wohngebiete haben Mexiko-Stadt zum Inbegriff für unkontrolliertes städtisches Wachstum gemacht. Doch dieses Bild stimmt nicht mehr unbedingt, sagt der Stadtforscher Rainer Wehrhahn von der Universität Kiel: "Die Stadt stagniert in ihrer Entwicklung bereits seit zwei Jahrzehnten. Mittlerweile wandern viele Menschen von dort auch weiter in angrenzende Regionen, in die USA oder nach Nordmexiko. An der Grenze zu den Vereinigten Staaten haben sich ebenfalls Industrien angesiedelt, die die Menschen anlocken." Dazu kommt die stark gesunkene Geburtenrate in der Stadt, die mittlerweile deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegt. Mexiko-Stadt hat also womöglich ihre Obergrenze erreicht, der einst scheinbar unerschöpfliche Zustrom von Glücksrittern hat zu stottern begonnen.

Dezentralisierung in Südamerika

Ein Trend, der durchaus nicht untypisch ist für viele lateinamerikanische Städte: Ab einer bestimmten Einwohnerzahl verlieren die Metropolengiganten – die je nach Definition ab drei bis acht Millionen Bewohnern als Megastadt bezeichnet werden – offensichtlich ihren Reiz. Unternehmen und Menschen ziehen nun bevorzugt in aufstrebende, aber kleinere Städte im Umfeld, wo Luftverschmutzung, Verkehrsprobleme oder Kriminalität – vorerst – erträglicher sind. Das brasilianische Wirtschaftszentrum São Paulo ist ein Beispiel für diese Entwicklung, erläutert Wehrhahn: "Als die Stadt zu unübersichtlich und chaotisch wurde, begann ihre Einwohnerzahl zu stagnieren. Dafür wachsen andere Metropolen in einem Radius von 100 bis 500 Kilometer um São Paulo. Es entsteht ein megaurbaner Raum." Etwa 30 derartige Metropolregionen gibt es heute auf der Welt – die meisten in Lateinamerika und Asien.

Wer deren Dimensionen begreifen möchte, kann einen Blick auf die Rhein-Ruhr-Region in Deutschland werfen, deren Einwohnerzahl einigermaßen an die richtig großen Stadtungetüme heranreicht. Sie besitzt keinen zentralen Kern wie die klassischen europäischen Metropolen, sondern besteht aus vielen einzelnen Gemeinden von Köln bis Dortmund. In diese Richtung entwickeln sich viele urbane Räume weltweit, die momentan vielleicht noch als eine Stadt mit einem Zentrum gelten. "Man kann bei diesen Megastädten nicht mehr von einer Einheit sprechen. Das sind riesige, miteinander verflochtene Komplexe ohne monofunktionalen Kern", erklärt Fred Krüger, Geograf an der Universität Erlangen-Nürnberg, die neu entstehenden Gebilde.

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São Paulo | Kaum zu glauben: São Paulo weist innerhalb seiner Stadtgrenzen immer noch ursprünglichen Regenwald auf – selbst wenn die Wolkenkratzer die Bäume mittlerweile überragen. Auch die brasilianische Wirtschaftsmetropole stagniert in ihrem Wachstum, dafür wachsen die Städte in ihrem Einzugsbereich.

Vor allem in Lateinamerika werde diese Dezentralisierung auch von staatlicher Seite unterstützt, so sein Kieler Kollege: "Um São Paulo zu entlasten, fördert die Regierung die ökonomische Entwicklung 'kleinerer' Standorte oder baut dort beispielsweise neue Universitäten auf. Das gelingt aber nur, wenn die entsprechenden staatlichen Strukturen vorhanden sind – für Lagos in Nigeria oder Dhaka in Bangladesch trifft dies dagegen nicht zu." Im Gegensatz zu anderen Erdteilen ist die Urbanisierung in Lateinamerika zudem schon sehr weit vorangeschritten, da 70 Prozent der Bevölkerung in Ballungszentren wohnen.

Ungebremstes Wachstum in Afrika und Asien

Andere Regionen weisen dagegen noch einen "Nachholbedarf" bei der Verstädterung auf. Die beiden Multimillionenstädte Lagos und Dhaka wachsen deshalb, wie viele in Asien und Afrika, ohne Kontrolle und Organisation weiter. Und sie bestätigen den Trend zur rasanten Verstädterung, den die Vereinten Nationen für die beiden Kontinente ausgemacht hat: Weltweit wächst demnach die städtische Bevölkerung bis 2025 von heute 3,5 auf 4,5 Milliarden, während diejenige auf dem Land "nur" um 100 Millionen auf 3,5 Milliarden Menschen zunimmt. Ein Großteil des Zuwachses soll in afrikanischen und asiatischen Megastädten mit heute schon mehr als zehn Millionen Einwohnern stattfinden – etwa in Neu-Delhi mit einem Plus von 6,4 Millionen Menschen, in Mumbai mit einem Plus von 5,8 Millionen oder in Kinshasa mit 6,2 Millionen. Tokio, heute die größte Metropole der Welt, steigert sich dagegen lediglich um 300 000 Menschen auf 37 Millionen Bürger. Insgesamt lebt heute schon mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in einer Stadt: Tendenz stark steigend.

Wie groß diese Metropolen letztlich werden, kann niemand voraussagen. "Wachstumsgrenzen im eigentlichen Sinn existieren nicht. Es besteht kein Grund, warum Megastädte, die schon längst 20 oder 30 Millionen Einwohner haben, nicht noch größer werden können", meint Fred Krüger. Aber: "Man muss sich vom Konzept der Megastadt als Moloch verabschieden und sie vielmehr als Chance sehen – zumindest als relative Chance verglichen mit dem, was die Menschen der ärmsten Länder im ländlichen Raum erwartet", gibt Rainer Wehrhahn zu bedenken.

Mehr Chancen als Risiken

Immer noch wandern Menschen in die Ballungszentren ab, weil sie sich dort ein besseres Leben erwarten, selbst wenn sie zuerst in Barackensiedlungen mit katastrophalen Bedingungen unterkommen müssen: In vielen Städten Afrikas und Asiens dominieren Slumbewohner mit zwei Dritteln bis mehr als 80 Prozent der gesamten Einwohnerzahl. Dennoch suchen die Menschen genau dort ihr Heil, bricht Fred Krüger eine Lanze für die Zentren: "Den Reiz der Städte macht weiterhin vor allem die Aussicht auf Arbeit aus, die in Entwicklungsländern in den Städten deutlich größer ist als auf dem Land. Menschen, die Schwierigkeiten haben, dort ihre Existenz zu sichern, werten Metropolen nicht als größeres Risiko." Dazu kommen der bessere Zugang zu billigen Kommunikationssystemen, eine zumindest rudimentäre Gesundheitsversorgung und das immense Angebot an Waren und Dienstleistungen aller Art. In den Dörfern gibt es all das kaum.

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Favelas in Rio de Janeiro | Viele Zuzügler landen in der Stadt zuerst in den Slums und Favelas, den Armensiedlungen. Doch die Chancen, in der Stadt sein Auskommen zu finden, sind meist höher als auf dem Land – dieses Versprechen auf Glück zieht immer mehr Menschen an.

Trotz aller Probleme wie mangelnder Hygiene, Landkonflikten, mangelhafter Versorgung mit sauberem Trinkwasser, Luftverschmutzung, ausuferndem Verkehr oder Kriminalität wird die Welt also weiter verstädtern – auch wenn Mexiko-Stadt oder São Paulo zeigten, dass dieses Wachstum nicht unbegrenzt sein muss, so Rainer Wehrhahn: "Verstädterungsraten können auch zurückgehen, wenn wirtschaftliche Entwicklung und Dezentralisierung in einem Land generell einsetzen und diese Trends vom Staat gezielt gefördert werden. Lateinamerika kann da durchaus als Vorbild dienen."

18. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18. KW 2010

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