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Plastikabfall: Das Problem mit dem Medizinmüll

Die Pandemie erzeugte gigantische Mengen Plastikmüll – und niemand weiß, wie man ihn wieder loswird. Doch schon vor Corona war die Entsorgung medizinischer Abfälle ein Problem.
Gebrauchte Masken, Handschuhe und Spritzen in einem Mülleimer.

Die Coronapandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Sie ist auch eine Krise für die Umwelt. Nach hunderten Millionen registrierten Fällen weltweit haben die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung gigantische Mengen an medizinischen Abfällen erzeugt. Das betrifft Masken und Tests, aber auch Handschuhe, Nadeln und andere nur einmal verwendete Wegwerfprodukte für medizinisches Personal in Kliniken.

Laut einem 2022 erschienenen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das Problem global, betrifft aber besonders stark ärmere Länder. Dort wird der Abfall entweder einfach in offenen Gruben verbrannt oder in veralteten Anlagen, die keine Abgasreinigung haben.

In ihrer Studie berechnete die WHO, dass zwischen März 2020 und November 2021 rund 87 000 Tonnen persönlicher Schutzausrüstung und anderer Medizinprodukte in Länder wie die Demokratische Republik Kongo oder nach Bangladesch transportiert wurden. Das meiste davon war Einwegmaterial, das einmal benutzt und dann entsorgt wird. Diese Schätzung erfasse aber lediglich Lieferungen der Vereinten Nationen und ihrer Partner, sagt Ute Pieper, eine unabhängige Beraterin in Berlin, die Staaten über Behandlungsoptionen medizinischer Abfälle informiert. Nicht enthalten seien die enormen Mengen Material, das diese Länder aus anderen Quellen beschafft hatten.

Kein neues Problem

Bereits vor der Pandemie waren medizinische Abfälle ein großes Problem. Viele Gesundheitseinrichtungen konnten schon vor 2020 ihren Müll nicht sicher entsorgen, und die globale Krise hat das Problem verschärft. »Die Pandemie wirft ein Licht auf die unzureichenden Systeme zur Entsorgung medizinischer Abfälle, die dringend überarbeitet werden müssen«, sagt Ruth Stringer, die am WHO-Bericht mitarbeitete. Sie ist internationale wissenschaftliche und politische Koordinatorin von »Healthcare without Harm« einer Organisation, die Nachhaltigkeitsprogramme für Kliniken und Gesundheitseinrichtungen entwickelt.

Im Idealfall würde man medizinische Abfälle – unabhängig davon, ob sie im Zusammenhang mit Covid-19 angefallen sind – sterilisieren und dann direkt recyceln. Aber dafür muss man die verschiedenen Komponenten des Plastikmülls trennen, und vielen Ländern fehlt dazu die Kapazität. »Eines unserer größten Probleme dabei ist, dass die Abfälle nicht bereits auf den Stationen der Kliniken getrennt werden«, sagt Amos Gborie, Direktor der Abteilung für Umwelt- und Arbeitsmedizin beim Nationalen Gesundheitsinstitut von Liberia. »Deswegen ist gutes Management ein Thema.«

In Liberia landet gesammelter Abfall oft in kleinen, schlecht überwachten Verbrennungsöfen, die nicht den internationalen Standards entsprechen, und in zahlreichen Schwellenländern ist die Situation vergleichbar. Solche Öfen geben viele giftige Schadstoffe ab, und auch die Verbrennungsasche ist potenziell gesundheitsschädlich. In den Rauchschwaden finden sich Chemikalien wie Dioxine und Furane, die von der Weltgesundheitsorganisation als Krebs erregend beim Menschen eingestuft werden.

Mülltrennung bei medizinischen Abfällen

Ihre Konzentrationen seien »mehrmals hundertfach höher, als für atmosphärische Emissionen empfohlen«, sagt Stringer. »In Eiern, die nahe solcher Verbrennungsöfen für medizinische Abfälle gelegt wurden, sind Konzentrationen an Dioxinen und Furanen dokumentiert worden, die 13-mal so hoch waren wie die EU-Grenzwerte.« Hennen und Eier nehmen diese fettlöslichen Giftstoffe auf und reichern sie an, was die Eier gesundheitsschädlich macht.

»Ohne die Nadeln kann man alle bei Impfungen anfallenden Abfälle, einschließlich Verpackungen und Impfstoffbehältern, vollständig recyceln«Ruth Stringer, »Healthcare without Harm«

Einige Länder experimentieren inzwischen damit, medizinische Abfälle zu trennen, um Recycling und Entsorgung zu erleichtern. Kliniken in Liberia zum Beispiel nutzen neuerdings Abfalleimer in unterschiedlichen Farben, um die verschiedenen Stoffe zu sortieren. Healthcare Without Harm wirbt für Geräte, die Nadeln von Kanülen abschneiden, um »Stichverletzungen« zu vermeiden. »Ohne die Nadeln kann man alle bei Impfungen anfallenden Abfälle, einschließlich Verpackungen und Impfstoffbehältern, vollständig recyceln«, sagt Stringer. »Wir können den Abfall vollständig verschwinden lassen.«

Autoklaven, die medizinische Abfälle mit Dampf sterilisieren, bieten weitere Möglichkeiten fürs Recycling, und Hersteller können ihre Produkte auch von Anfang an mit Blick auf die Wiederverwertung designen. Masken zum Beispiel haben metallene Nasenstege, Filter aus Polypropylen und Gummibänder. Integriert in ein Produkt sind die Komponenten nicht recycelbar, aber wenn man sie voneinander trennt, kann man die Teile auf vielerlei Weise wiederverwenden.

Wann sind Handschuhe wirklich nötig?

Ein anderes wichtiges Ziel sei es, von der übermäßigen Benutzung bestimmter Schutzausrüstung wegzukommen, sagt Pieper. Das betrifft vor allem Einweghandschuhe, die einen erheblichen Teil des weltweiten medizinischen Abfalls ausmachen. Medizinisches Personal, das geringen Risiken ausgesetzt ist – zum Beispiel beim Impfen – , nutzt die Handschuhe oft aus Gewohnheit oder aus Angst vor Ansteckung. Dabei deutet die Datenlage vor allem auf ausgeatmete Tröpfchen als den Hauptweg der Ansteckung, nicht aber auf Kontaktinfektionen, erklärt Pieper. Laut Richtlinien der WHO sind die Handschuhe nur bei der Versorgung von Covid-Erkrankten nötig.

Der Umwelt wäre ebenfalls sehr geholfen, wenn man neben einer stärkeren Abfallvermeidung und verbessertem Recycling zudem die kleinen Verbrennungsöfen los wäre, sagt Pieper. Sie finden sich oft an kleinen Kliniken oder Gesundheitseinrichtungen, sind meist aus Ziegeln oder anderen lokal verfügbaren Materialien gebaut und erlauben eine sehr günstige Entsorgung. Allerdings sind sie oft defekt und blasen giftige Chemikalien in die Luft.

Laut Pieper bieten diese Öfen auch »nichts anderes als einfaches Verbrennen«. Seine Abteilung habe dieses Problem kürzlich mit einem Team angegangen, das Abfälle in den Kliniken von Monrovia einsammelt und in einen zentralen Entsorgungsbetrieb bringt. Liberische Beamte begännen außerdem, Gebühren von privaten Kliniken zu erheben, um die Entsorgung der angefallenen Abfälle zu bezahlen, sagt Gborie.

Stringer begrüßt solche Veränderungen. »Es ist Zeit, sich auf sichere, klimaschonende und umweltfreundliche Systeme zu konzentrieren«, sagt sie. »Die technischen Lösungen haben wir. Was wir brauchen, sind die Ressourcen und der politische Wille, sie umzusetzen.«

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