Plattentektonik: Ein Stück Afrika mitten in Europa

Seit etwa 100 bis 120 Millionen Jahren rückt die Afrikanische nach Norden und Nordosten gegen die Eurasische Erdplatte und drückt dadurch die Gebirge unseres Kontinents nach oben. Die Alpen sind dabei nur eine der auffälligen Berglandschaften, die dadurch aufgefaltet wurden – und bis heute werden. Im Zuge dieser sogenannten alpidischen Orogenese entstanden auch kleinere Gebirgszüge wie die Rhodopen an der Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland. Die Rhodopen bestehen dabei tatsächlich aus einem Stück afrikanischer Erdkruste, die hier wieder an die Oberfläche trat – in einem Prozess, den Iskander Muldashev und Thorsten Nagel von der Technischen Universität Freiberg untersucht haben.
Mineralogische Untersuchungen von Gesteinen aus den Rhodopen hatten bereits gezeigt, dass das Material in etwa 100 Kilometern Tiefe unter der Erdoberfläche geformt worden war. Isotopenanalysen grenzten den Zeitraum, in dem dieser Prozess stattfand, auf 40 Millionen Jahre vor heute ein. Der Gebirgszug ist damit 30 bis 50 Millionen Jahre jünger als bisher angenommen: Ursprünglich waren Geologen davon ausgegangen, dass die hauptsächliche Auffaltung der Region schon vor 80 Millionen Jahren begonnen hat. Gleichzeitig deuteten die Gesteine an, dass sich das Gebirge aus Krustenteilen der Afrikanischen Platte zusammensetzt.
Diesen Aufstieg, als vertikale Extrusion bezeichnet, konnte man bislang nicht einheitlich klären. Neue Modellierungen der beiden Geowissenschaftler zeigen nun jedoch, wie dieser Prozess funktioniert haben dürfte. Demnach war der Auftrieb der versenkten afrikanischen Kruste groß genug, um die darüber liegende Kruste der Europäischen Platte trotz ihrer Stärke horizontal auseinanderzudrücken. »Das Besondere in den Rhodopen ist, dass trotz mehr als 100 Kilometer scheinbarer Dehnung des Gebiets die Erdkruste in diesem Bereich besonders dick blieb. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass große Mengen von Material aus der Tiefe nach oben kamen und in die darüberliegende europäische Kruste eindrangen«, sagt Nagel in einer Mitteilung. Normalerweise sorgt die plattentektonische Dehnung dafür, dass die Erdkruste in diesen Abschnitten ausdünnt. Die zuvor abgetauchten afrikanischen Plattenstücke stiegen wie ein Aufzug wieder nach oben und bildeten dadurch die Rhodopen, so die Forscher.
Weitere Gesteinsproben von der Nordseite des Gebirges sollen bald in ihrem Alter bestimmt werden. Stammten sie aus der Zeit von vor 40 Millionen Jahren, wäre dies ein weiterer Beleg dafür, dass die These der beiden Geologen stimmt.
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