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News: Pocken

Seit über 20 Jahren gilt die Krankheit als besiegt - und taucht jetzt als neue Bedrohung wieder auf: Pocken. Aus Angst vor terroristischen Anschlägen deckt sich das Bundesgesundheitsministerium mit Pockenschutzimpfstoff für die gesamte Bevölkerung ein.
Am 9. Dezember 1979 wurde in Genf ein historischen Dokument unterzeichnet: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte die Erde für pockenfrei. Die Pocken waren damit die erste und bisher einzige weltweit ausgerottete Krankheit.

Vorausgegangen war ein über hundertjähriger Kampf gegen den zur Familie der Poxviridae zählenden Orthopoxvirus variola. Als Erfinder der Pockenschutzimpfung – und damit der ersten Impfung überhaupt – gilt der englische Landarzt Edward Jenner (1743-1823), der 1796 wagte, einen achtjährigen Jungen mit harmlosen Kuhpocken zu impfen und ihn dann später mit echten Pockenviren zu infizieren. Der Junge überlebte das Experiment; sein Immunsystem war durch die Impfung gegen die Krankheit gefeit. Nach dem lateinischen Wort vacca für 'Kuh' bezeichnen Ärzte seitdem Schutzimpfungen auch als 'Vakzination'.

Es dauerte nicht lange, bis Schutzimpfungen mit dem verwandten, aber weniger aggressiven Vaccinia-Virus auch auf dem europäischen Festland eingeführt wurde: 1802 entstand in Berlin die erste öffentliche Impfstation, 1807 ließ Napoleon seine Truppen gegen Pocken impfen, und 1874 führte Deutschland die obligatorische Pockenschutzimpfung ein. Eine weltweite Impfkampagne startete die WHO 1967.

Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Während 1873 bei der letzten großen Pockenepidemie in Deutschland etwa 100 000 Menschen der heute immer noch unheilbaren Krankheit zum Opfer fielen – die Todesrate liegt bei 40 Prozent –, sank die Zahl der Erkrankungen durch die Massenimpfungen schnell ab. Der letzte natürliche Pockenfall trat in Deutschland 1972 auf, der letzte weltweit 1977 in Somalia. In Deutschland besteht seit 1976 keine Impfpflicht mehr.

Ganz pockenfrei ist die Welt jedoch nicht. Offiziell verfügen noch zwei Labors, das Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta und das Russische Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Nowosibirsk, über Pockenviren. Doch niemand weiß, ob Pockenviren irgendwo sonst noch auf der Welt geheim gelagert werden. Bei minus 20 Grad Celsius bleiben die Viren jahrzehntelang infektiös, und eine Verbreitung durch Versprühen wäre verhältnismäßig leicht möglich. Der Einsatz als Biowaffe bietet sich demnach an.

Auch wenn die Bundesregierung zurzeit nicht von einer akuten Bedrohung ausgeht, will sie vorbereitet sein. Die bereits existierenden 55 Millionen Impfdosen sollen bis zum Jahresende auf 100 Millionen aufgestockt werden. Falls es kritisch wird, sollen nach einem Dreistufenplan zunächst besonders gefährdete Personen und dann in der dritten Phase – wenn in Deutschland erste Pockenfälle auftreten – die gesamte deutsche Bevölkerung geimpft werden. Auch wer vor 30 Jahren und mehr noch geimpft wurde, soll mit einbezogen werden, da ein noch bestehender Impfschutz nicht als sicher gilt.

Leider ist die Impfung nicht ganz unkritisch. Häufig treten danach Fieber und gefährliche Nebenwirkungen wie Hirnhautentzündungen auf; mit ein bis zwei Todesfällen pro Million Geimpfter ist zu rechnen. Damit könnten in Deutschland 80 bis 160 Menschen an einer Massenimpfung sterben.

Diskutiert wird daher eine Vorimpfung mit dem modifizierten Vaccinia-Virus Ankara (MVA). Diesen abgeschwächten Pocken-Vorimpfstoff hat die Bayerische Landesimpfanstalt in den sechziger Jahren entwickelt, um den Nebenwirkungen der Pockenimpfung vorzubeugen. 1977 zugelassen – also nach Abschaffung der Impfpflicht –, wurden etwa 150 000 Personen mit MVA geimpft. Tatsächlich traten deutlich weniger Fieberanfälle nach den Impfungen auf; in einer Pockenepidemie musste sich der Impfstoff allerdings noch nie bewähren. Das Paul-Ehrlich-Institut zweifelt auch an, dass MVA Hirnhautenzündungen verhindern kann, da diese vermutlich nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch immunologische Reaktionen des Körpers ausgelöst werden könnten. So plant bisher nur Bayern eine Vorimpfung des Notfallpersonals mit MVA.

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