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Biowaffen: Polio aus Pandoras Büchse

Es wird fleißig geforscht in den verschiedenen Laboratorien der Welt, und es sammelt sich viel Wissen darüber an, wie bestimmte Pathogene funktionieren, warum sie tödlich sind oder gar wie man sie noch tödlicher machen könnte. Dieses Wissen birgt ein nicht zu unterschätzendes Missbrauchspotenzial.
Warnung vor Biogefährdung
Immer wieder geraten Wissenschaftler ins Kreuzfeuer der Presse, weil sie Wissen produzieren, das missbraucht werden könnte. So synthetisierte im Jahre 2002 Eckard Wimmer und sein Team von der Stony-Brook-Universität in New York das Erbmaterial des Polio-Virus und stellte daraus ein künstliches Virus her – die erste Erzeugung eines Krankheitserregers im Labor. Und erst vor wenigen Wochen machte die Auferstehung des Erregers der Spanischen Grippe Schlagzeilen, der im Jahre 1918 rund fünfzig Millionen Menschen dahinraffte. Was machen die Wissenschaftler da? Liefern sie Anleitungen für Terroristen, wie diese der Menschheit am effektivsten zu Leibe rücken können?

Jan van Aken | Jan van Aken sieht in der Geheimhaltung das größte Problem der Biowaffen-Kontrolle.
"Die Resonanz bei der Presse [auf unsere Veröffentlichung] war überwältigend", erzählt Wimmer, Vater des synthetischen Polio-Virus. Aber leider fühle er sich von den Medien reichlich missverstanden, wie er auf der Konferenz "Science and Security" der Europäischen Molekularbiologischen Organisation (EMBO) am 28. Oktober in Heidelberg erklärte. Hier trafen sich internationale Experten aus verschiedenen Fachrichtungen, um über Maßnahmen gegen den potenziellen Missbrauch von Biowaffen zu diskutieren.

Eine Anleitung für Terroristen wollte Wimmer keineswegs geben; er hatte keine Informationen preisgegeben, die einem Terroristen zu Gute hätte kommen können. Schließlich war die Sequenz des Polio-Virus schon lange bekannt, und dass es theoretisch möglich sein müsste, auf Grund dieser Information ein funktionsfähiges Virus herzustellen, hatte kaum ein Virologe bezweifelt. Wimmer wollte lediglich zeigen, wie leicht es ist, ein solches Virus chemisch zu erzeugen, und darauf hinweisen, dass die Welt auf eine solche Gefahr nicht vorbereitet ist. "Wir sollten niemals aufhören, gegen Polio zu impfen", lautet Wimmers eindrückliche Mahnung.

Das "Dual-Use"-Problem

Wo die Einen den Missbrauch befürchten, betonen Andere den Nutzen. Da ist das Experiment von Wimmer kein Einzelfall. Es gibt wohl kaum einen Erkenntnisfortschritt, der nicht zu Gutem wie auch zu Schlechtem verwendet werden kann – "Dual Use" nennt sich das im Fachjargon. Wer gegen den potenziellen Missbrauch biologischen Wissens gewappnet sein will, muss sich damit beschäftigen, wie dieses Wissen missbraucht werden könnte – und bringt damit automatisch neues Wissen zu Tage, das wiederum missbraucht werden kann. Dabei bleibt es schier unmöglich, zwischen Forschung zur Verteidigung gegen und Forschung zur Herstellung von biologischen Waffen zu unterscheiden.

Wie auch am 6. Oktober dieses Jahres, als Jeffery Taubenberger und seine Mitarbeiter in der Wissenschaftszeitschrift Nature die Genomsequenz des Grippevirus publizierten, das 1918 die "Spanische Grippe" auslöste. In der gleichen Woche veröffentlichten Wissenschaftler um Terrence Tumpey eine Studie in Science, in der sie diese Sequenz nutzten, um das Pandemievirus zu synthetisieren und seine Virulenz an Mäusen zu testen. Sie stellten einen Erreger her, der vor 87 Jahren wütete und kurz darauf vom Erdboden verschwand. Und so streiten auch hier die Experten, ob wohl der Nutzen oder der mögliche Missbrauch dieser Information überwiegt.

"Die größte Gefahr geht nicht von Terroristen aus, sondern von Staaten"
(Jan van Aken)
Zwar haben die Wissenschaftler nun eine bessere Vorstellung davon, warum dieses Virus so letal ist, aber was nutzt diese Erkenntnis konkret? "Ich bezweifle, dass wir diese Information so dringend brauchen", sagt Jan van Aken, Leiter der Forschungsstelle Biowaffen der Universität Hamburg und Initiator des "Sunshine"-Projekts, das sich gegen Biowaffen wendet. Um die Letalität eines potenziell pandemischen Virusses zu beleuchten, hätte man auch gleich das Virus nehmen können, das uns aktuell bedroht – nämlich das Vogelgrippevirus H5N1, meint van Aken. Denn tödlich ist H5N1 auch, nur wird es nicht von Mensch zu Mensch übertragen.

Zwei Möglichkeiten gibt es, zu verhindern, dass heikles Wissen in die falschen Hände gerät: Man kann die Veröffentlichung unterbinden – oder aber auch die Produktion des Wissens selbst. Der ersteren Option haben sich die Herausgeber wichtiger Fachjournale bereits angenommen. Im Januar 2003 publizierten sie eine Stellungnahme, in der sie sich zu ihrer Verantwortung in Sicherheitsfragen bekennen. Die Zurückhaltung von Manuskripten soll dann erwogen werden, wenn der mögliche Schaden gegenüber dem gesellschaftlichen Nutzen überwiegt. In vielen wissenschaftlichen Journalen durchlaufen Artikel mit Missbrauchspotenzial eine doppelte Begutachtung: Sie werden sowohl auf wissenschaftliche Qualität als auch auf biologische Sicherheit geprüft.

Geheimhaltung zwecklos

Das mag vielleicht nach einer passablen Lösung klingen. Aber verhindert dies wirklich, dass Informationen in die falschen Hände geraten? Welche Hände wären die falschen? Zum potenziellen Täter lässt sich zumindest eines sagen: Er braucht ein Labor. Van Aken glaubt daher nicht an den Bioterrorismus, denn kein einzelner Terrorist könne im Keller einen Erreger herstellen und ein Biowaffe zusammenbasteln. Zwar werden dazu keine großen Chemiefabriken und keine nuklearen Anlagen benötigt, aber ohne Labor und technisches Know-how geht es eben auch nicht. Hunderte von Labors weltweit könnten, nach Einschätzung von van Aken, auf Grund der nun veröffentlichten Studie über das Pandemievirus von 1918 diesen Erreger nachbauen. Auch die Anthrax-Anschläge, die in den USA im Jahre 2001 verübt wurden, hatten ihren Ursprung vermutlich in einem Labor – dem US-Biowaffenlabor Fort Detrick.

"Die größte Gefahr geht nicht von Terroristen aus, sondern von Staaten", betont van Aken. Auch staatliche Forschungsprojekte stehen durchaus im Verdacht, Wissen nicht nur zu guten Zwecken zu verwenden, und das betrifft nicht nur die "Schurkenstaaten". Gegen einen solchen Missbrauch hilft dann auch kein Publikationsverbot – im Gegenteil. Geheimhaltung ist, laut van Aken, der "Erzfeind der Biowaffen-Kontrolle".

So unterzeichneten 143 Staaten im Jahr 1972 eine Konvention, welche die Entwicklung, Produktion und Lagerung von biologischen Waffen und Toxinen verbietet. Diese Biowaffenkonvention gilt in ihrem umfassenden und eindeutigen Verbot einer ganzen Waffengattung als einzigartig. Allerdings fehlt dem Abkommen jegliches Überprüfungs- und Kontrollsystem und beschreibt daher wohl eher eine Wunschvorstellung.

Anfang der 1990er Jahre zeigte sich, dass mindestens zwei Staaten Forschungsprogramme zur Biowaffenentwicklung betrieben hatten: die frühere Sowjetunion und der Irak. Infolgedessen begannen die Mitgliedstaaten mit Verhandlungen über ein Zusatzprotokoll, das zur Offenlegung von Forschungsprogrammen verpflichten sollte und die Durchführung von Inspektionen vorsah. Im August 2001 scheiterten die Verhandlungen an der Haltung der USA, welche die Unterzeichnung dieses oder irgendeines anderen Zusatzprotokolls zur Biowaffenkonvention rundherum ablehnten. Die Verhandlungen kamen zum Stillstand.

"In Europa grassiert eine schreckliche Krankheit – und die heißt Hysterie"
(Richard Guthrie)
Es besteht sowohl Handlungsbedarf als auch Ratlosigkeit. Terence Taylor, Direktor des International Institute of Strategic Studies, appelliert an die Wissenschaftler, sie sollen "den Bereich der Regulierungen für sich zurückerobern und ihn nicht in die Hände von Regierungsbeamten rutschen lassen". Van Aken hingegen glaubt nicht, dass eine Selbstkontrolle funktioniert könnte. Es müsse gehandelt werden – aber wie, stehe noch in den Sternen.

Keine Panik

Und dennoch ist, bei allem Gebot zur Vorsicht, Panik vor einem Terroranschlag mit Biowaffen unangebracht. "In Europa grassiert eine schreckliche Krankheit – und die heißt Hysterie", meint Richard Guthrie, Leiter des Stockholm International Research Institute (SIPRI). Aus Angst vor Bioterrorismus wird viel Geld in die Erforschung von Gegenmaßnahmen gesteckt. Und eben diese Forschung kann in einigen Fällen ein Wissen zu Tage fördern, das zur Biowaffenproduktion missbraucht werden kann. So wird das Gefahrenpotenzial vor lauter Panik nur größer – ein Paradox. Noch sind auf jeden Fall die aktuellen Seuchen der Welt ein größeres Problem als die potenziellen aus dem Labor.

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