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Persönlichkeit: Politiker gewinnen nach ihrem Tod an Charisma

Bis heute kursieren Verschwörungstheorien um das Attentat auf den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy. Die Freigabe geheimer Akten könnte in Kürze bevorstehen. Den posthumen Kennedy-Mythos haben Psychologen aber schon jetzt ergründet.
John F. Kennedy lässt bei einer Pressekonferenz seinen Charme spielen

Im Ranking der beliebtesten US-Präsidenten steht John F. Kennedy immer wieder ganz oben: Er gilt als besonders charismatischer Führer. Zu diesem Eindruck könnte unter anderem sein vorzeitiges Ableben beigetragen haben. Denn wie Psychologen 2017 in der Fachzeitschrift "The Leadership Quarterly" berichteten, sprechen wir Führungspersönlichkeiten nach ihrem Tod mehr Charisma zu als zu Lebzeiten.

Der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy wurde 1963 während seiner Amtszeit ermordet, und bis heute glauben Menschen weltweit, dass die wahren Hintergründe des Attentats von der US-Regierung vertuscht wurden. In Kürze könnte sich das Geheimnis lüften: Der amtierende Präsident Donald Trump will die bevorstehende Freigabe von Tausenden von geheimen J.F.K.-Akten erlauben. Die gesetzliche Geheimhaltungsfrist läuft diese Woche ab.

Einen psychologischen Einblick in den posthumen Mythos um J.F.K. gewährten schon jetzt Psychologen um Rolf van Dick von der Universität Frankfurt. Sie durchsuchten Onlinetexte von Presse, Radio und Fernsehen aus den Jahren 2000 bis 2015 nach Artikeln, in denen Führungsgestalten vor und nach ihrem Tod erwähnt wurden. Zu den 48 Personen zählten unter anderem Jassir Arafat und Papst Johannes Paul II. Insgesamt kamen die Forscher so auf insgesamt rund 500 000 Medienberichte. Tatsächlich nahm zu Lebzeiten der Oberhäupter im Schnitt jeder 343. Bericht Bezug auf deren Charisma, posthum aber jedes 172. Stück: Nach ihrem Tod hatte sich der Anteil verdoppelt.

Wie verändert sich die Sicht auf einen Menschen, wenn man ihn für tot erklärt?

Das genügte natürlich nicht, um auf einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang schließen zu können. In einem Experiment legte das Forscherteam deshalb ihren Versuchspersonen eine Kurzbiografie des Biomediziners Richard Din vor, der sich 2012 bei seiner Arbeit im Labor mit einem Bakterium infizierte und daraufhin starb. Einen Teil der Probanden ließen die Psychologen jedoch glauben, er sei noch am Leben. Tatsächlich fanden diese Versuchspersonen den Wissenschaftler im Schnitt etwas weniger charismatisch als ihre Mitstreiter, die ihn für tot hielten.

Wie viel Charisma wir jemandem attestieren, hängt demnach nicht nur davon ab, wie sich diese Person tatsächlich verhält, sondern auch von unserer eigenen Perspektive. Van Dick und seine Kollegen zitieren dazu den 2015 verstorbenen israelischen Soziologen Boas Shamir: Die Visionen von Führungspersönlichkeiten seien wie Kunstwerke: "Aus der Distanz betrachtet weiß man sie mehr zu schätzen."

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