Gebrauchsanweisung für die nächste Familienfeier: So erreicht man Menschen mit fragwürdigen Ansichten

Menschen mit starken Meinungen lassen sich oft nur schwer erreichen – besonders wenn es um sensible Themen aus Politik und Weltgeschehen geht. Doch ein zentrales Element kann solche Gespräche gelingen lassen: dem anderen das Gefühl zu geben, dass man ihn versteht. Das zeigt eine neue Studie, die im Fachblatt »Computers in Human Behavior« erschienen ist.
Wer sich gehört und ernst genommen fühlte, war darin eher bereit, die eigene Position zu überdenken. Raphael Emanuel Huber von der Universität Bern untersuchte das anhand von vier Experimenten mit insgesamt knapp 2000 Teilnehmenden. Diese sollten zunächst kurze Gespräche über den Klimawandel oder Impfungen führen – mit verschiedenen Chatbots, die unterschiedliche Diskussionsstile einsetzten. Manche Bots agierten neutral oder ausweichend, andere freundlich, manche korrigierten das menschliche Gegenüber mit Fakten, und einige waren gezielt darauf ausgerichtet, Verständnis für die Sichtweise ihrer menschlichen Gesprächspartner zu signalisieren.
Anschließend bekamen die Teilnehmenden Artikel zu lesen, die ihrer eigenen Haltung widersprachen. Schließlich sollten sie angeben, wie glaubwürdig sie diese Lektüre fanden und wie offen sie für Entscheidungen wären, die mit ihrer bisherigen Sicht kollidieren, etwa für eine Impfung oder die Wahl einer klimafreundlichen Partei.
Freundlichkeit allein bringt wenig
Die Ergebnisse waren eindeutig. Gespräche, in denen echtes Interesse signalisiert wurde, erzeugten bei den Probanden deutlich stärker das Gefühl, verstanden zu werden. Und genau dieses Gefühl sagte eine größere Offenheit gegenüber Gegenargumenten voraus. Das galt vor allem bei Menschen mit starken impfkritischen oder klimaskeptischen Ausgangspositionen. Der Effekt hielt zum Teil sogar an: Wer sich im Chatbot-Experiment verstanden fühlte, bewertete Informationen, die der eigenen Sicht widersprechen, auch 60 Tage später noch als glaubwürdiger.
Bemerkenswert ist auch, was nicht funktionierte: Reine Freundlichkeit, losgelöst vom Thema, erhöhte zwar zunächst das Wohlgefühl bei den Versuchspersonen, führte aber langfristig teils zu Ablehnung von Gegenargumenten – womöglich, weil Menschen die Nettigkeit als aufgesetzt wahrnahmen. Faktenbasierte Korrekturen ohne Verständnissignale wiederum zeigten erst zeitverzögert positive Effekte, wenn nämlich erste Abwehrreaktionen abgeklungen waren.
Die Studie zeigt damit, was im Umgang mit starken Meinungen entscheidend ist: zuhören, Fragen stellen, anerkennen – ohne aus der Pistole heraus zu widersprechen. Dieses Vorgehen sorgt nicht automatisch für Zustimmung, schafft jedoch die Grundlage dafür, dass Gegenargumente überhaupt gehört werden. Oder anders gesagt: Verständnis ist kein Nachgeben, sondern eine Voraussetzung dafür, dass ein anschließendes Plädoyer seine Wirkung entfalten kann.
Vier Tipps, um in heiklen Gesprächen zu überzeugen
1. Wohlwollen signalisierenStatt direkt ins Thema zu springen, hilft es, den Rahmen zu setzen: »Ich möchte das gern verstehen, nicht mit dir streiten.« Das nimmt Druck heraus und vermittelt, dass es nicht um Sieg oder Niederlage geht.
2. Genau hinhörenBevor man Widerspruch äußert, hilft es, die Sicht der anderen Person zu erkunden. Dabei helfen offene Fragen (»Wie siehst du das genau?«, »Was macht dir daran Sorgen?«, »Warum bewegt dich das Thema so?«) und kurze Spiegelungen (»Dir ist also wichtig, dass …«).
3. Gemeinsame Werte betonenSelbst wenn man die Position des Gegenübers nicht teilt, gibt es meist verbindende Motive: vielleicht das Bedürfnis nach Sicherheit oder die Sorge für die nächste Generation. Solche Anknüpfungspunkte reduzieren reflexhafte Abwehr.
4. Fakten ohne Häme vorbringenSachliche Korrekturen wirken am besten zeitverzögert: wenn das Gespräch bisher respektvoll verlief und keine akute Verteidigungshaltung besteht. Besser als »Das ist doch Unsinn« funktioniert: »Dazu gibt es einige Untersuchungen – eine davon zeigt …« Argumente entfalten ihre Wirkung viel stärker, wenn das Gesprächsklima stimmt.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.