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Medikament-Neuheit Zuranolon: Schnelle Hilfe bei Wochenbettdepression

Begleitet von dramatischen Hormonschwankungen stürzen viele junge Mütter nach der Geburt in ein Seelentief. Das neue Medikament Zuranolon (Zuzurvae) greift an der biologischen Ursache der postpartalen Depression an und gilt als therapeutischer Durchbruch. Doch noch rätseln Fachleute, warum der Wirkstoff zwar oft hilft, aber nicht immer.
Eine Frau und ihr kleines Kind sehen sich an; die Gesichter sind im Profil zu sehen. Im Hintergrund sind horizontale Jalousien, die das Licht filtern und eine Silhouette erzeugen. Die Szene vermittelt Zuneigung und Nähe.
Kristina Leos litt nach der Geburt ihrer Tochter Victoria unter einer therapieresistenten postpartalen Depression. Erst ein neu zugelassenes Antidepressivum auf der Basis eines Neurosteroids ließ sie gesunden.

Nach der Geburt ihrer Tochter Victoria umhüllte die Depression Kristina Leos wie dichter Nebel und trennte sie von all ihren Liebsten. Sie sah ihr neugeborenes Baby, sie sah ihre beiden älteren Kinder und ihren Mann, doch sie fühlte sich völlig von ihnen abgeschnitten: »Ich machte mechanisch meine Arbeit, aber es war, als würde ich von oben auf meine Familie herabblicken.«

Die 40-jährige Krankenschwester aus Midlothian in Texas versuchte es mit verschiedenen gängigen Antidepressiva in diversen Dosierungen. Keines half. Sie schrieb einer Freundin, dass sie Angst habe, als Mutter nicht geeignet zu sein, und fragte, ob diese ihr Baby zu sich nehmen würde. Obwohl Leos nie daran dachte, ihren Kindern etwas anzutun, gab es Momente, in denen sie den Impuls verspürte, mutwillig das Auto über das Brückengeländer zu lenken und in die Tiefe zu stürzen. »Ich hatte keine Angst vor dem Tod«, erzählt sie. »Es war mir egal, was passieren würde.«

»Ich hatte keine Angst vor dem Tod. Es war mir egal, was passieren würde«Kristina Leos, Patientin

Im Dezember 2023, neun Monate nachdem Leos Victoria zur Welt gebracht hatte, teilte der Arzt ihr mit, dass ihnen die Optionen ausgingen. Die junge Mutter stand vor schwerwiegenden Entscheidungen: Zur Diskussion standen Ketamininfusionen, Elektrokrampftherapie und die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

Zuranolon in den sozialen Medien

Dann erinnerte sie sich daran, in den sozialen Medien etwas über ein neues Medikament speziell für die postpartale Depression gesehen zu haben. »Zuranolon« war erst kurz zuvor von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen worden. (In der EU erfolgte die Zulassung im September 2025.) Sie fragte ihren Arzt danach, und gemeinsam beschlossen sie, dass Leos das Präparat ausprobieren würde. Am Neujahrstag 2024 begann sie mit der Einnahme, drei Tage später spürte sie plötzlich eine Veränderung: »Ich fuhr auf der Autobahn und konnte buchstäblich spüren, wie sich die riesige dunkle Wolke über mir lichtete. Von da an ging es mir besser und besser.«

Bei der postpartalen Depression handelt es sich um eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, die in manchen Ländern bis zu jede fünfte Frau im ersten Jahr nach der Entbindung trifft. Laut einer Erhebung in 36 US-Bundesstaaten sind bei Frauen im ersten Jahr nach der Geburt nicht Blutungen oder Infektionen die häufigste Todesursache, sondern psychische Probleme.

Hormonschwankungen als Auslöser

Neuere Forschung zeigt, dass sich die postpartale Depression neurobiologisch von anderen schweren Stimmungsstörungen unterscheidet. Vermutlich spielen die dramatischen Veränderungen der Hormonspiegel eine ursächliche Rolle. Die Konzentrationen beispielsweise von Progesteron sowie des mit ihm chemisch verwandten Hormons Allopregnanolon steigen während der Schwangerschaft stark an und sinken nach der Geburt steil ab. Darauf reagieren einige Frauen offenbar sehr empfindlich. Der Abfall kann die stimmungsregulierenden Hirnschaltkreise derart stören, dass Betroffene mit Belastungen nicht mehr angemessen umgehen können. Eingenommenes Zuranolon scheint quasi als Ersatz für Allopregnanolon erfolgreich gegenzusteuern.

»Bei der postpartalen Depression handelt es sich um eine schwere psychische Erkrankung«, sagt Kristina Deligiannidis, Psychiaterin am Feinstein Institute for Medical Research bei Northwell Health im Bundesstaat New York. »Wir möchten Frauen dazu ermutigen, sich in Therapie zu begeben.« Allerdings ist die Behandlung mit dem neuen Präparat in den USA im Moment noch sehr teuer. In Deutschland ist Zuranolon, Stand Januar 2026, bislang nicht auf dem Markt. Und es hilft nicht allen: »Nicht jede Frau, die Zuranolon einnimmt, wird eine fantastische Remission ihrer Symptome erleben«, sagt Samantha Meltzer-Brody, Psychiaterin und Gründerin des perinatalen Psychiatrieprogramms an der University of North Carolina School of Medicine in Chapel Hill. Dennoch sei das Medikament ein Meilenstein – ein »Gamechanger«: »Es hilft mehr als der Hälfte der Patientinnen bemerkenswert gut und es wirkt schnell.«

Die Wochenbettdepression ist kein Babyblues

Seit Jahrhunderten bemüht sich die Medizin, die Ursachen und Folgen der postpartalen Depression vollständig zu verstehen. Schon im antiken Griechenland schrieben Ärzte über Frauen, die nach der Geburt Anzeichen einer depressiven Stimmung oder einer Psychose zeigten. Im Mittelalter glaubte man, dass junge Mütter mit depressiven Symptomen von Dämonen besessen seien oder unter einem Ungleichgewicht der Galle oder anderer Körperflüssigkeiten litten. Lange wurden postpartale Stimmungsstörungen wenig zielführend unter weit gefassten Diagnosen wie Melancholie, Manie oder Neurose geführt.

Noch heute wird das Leiden zu oft als »Babyblues« verharmlost, von dem die meisten jungen Mütter betroffen seien. Leichtere Stimmungstiefs kommen nach einer Geburt tatsächlich häufiger vor (in Deutschland bei zwischen 50 und 80 Prozent der Frauen), verflüchtigen sich aber in der Regel innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder. Bei einer postpartalen Depression sind die psychischen Auswirkungen jedoch wesentlich gravierender und halten länger an. Die Erkrankung verursacht tiefe Traurigkeit und Verzweiflung und kann den wichtigen Aufbau einer Bindung zwischen Mutter und Kind stark beeinträchtigen.

Depressions-Standardbehandlung hilft oft nicht

Dennoch tauchte die postpartale Depression erst 1994 im amerikanischen Diagnosehandbuch (DSM) auf. Das aktuelle DSM-5 von 2013 subsumiert sie immer noch unter der »Major Depression«, mit dem Zusatz »peripartaler Beginn« – also relativ kurz vor, während oder nach der Entbindung. Tatsächlich entwickelt fast die Hälfte der Frauen schon während der Schwangerschaft Symptome, nicht erst nach der Geburt. In den in Deutschland verwendeten Diagnoseschlüsseln ICD-10 und ICD-11 findet man die postpartale Depression dagegen als eigenständige Kategorie unter dem Namen »psychische Störungen im Wochenbett«.

Die postpartale Depression wird medikamentös gesehen meist wie eine Major Depression behandelt. Dabei kommen traditionelle Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer zum Einsatz, welche die Konzentration dieser Botenstoffe im synaptischen Spalt erhöhen. Denn laut der traditionellen Ansicht sind Depressionen auf einen zu niedrigen Spiegel von Botenstoffen wie Serotonin zurückzuführen.

Andere Ursachen – andere Therapie

In den letzten Jahrzehnten hat die Fachwelt jedoch erkannt, dass diese Sichtweise andere ursächliche biologische Faktoren außer Acht lässt – darunter etwa Entzündungsreaktionen und hormonelle Veränderungen. Einige Wissenschaftler hatten zwar schon früh vermutet, dass Schwankungen von Steroidhormonen wie Östrogen und Progesteron bei der postpartalen Depression eine wichtige Rolle spielen. Beide wirken auch über Rezeptoren direkt im Gehirn. Als Forschungsgruppen aber begannen, die fluktuierenden Östrogen- und Progesteronspiegel genau zu bestimmen, konnten sie keine konsistenten Unterschiede zwischen gesunden und erkrankten Frauen ausmachen.

Vor etwa 17 Jahren beobachtete jedoch die Neurowissenschaftlerin Jamie Maguire, heute an der Tufts University in Somerville (Massachusetts), ein ungewöhnliches Verhalten bei jungen Mäusemüttern. Damals forschte sie zur »katamenialen Epilepsie«, bei der die Anfälle während bestimmter Phasen des Menstruationszyklus gehäuft auftreten, und wollte wissen, wie sogenannte Neurosteroide die Krampfanfälle beeinflussen.

GABA-Rezeptoren im Fokus

Zu diesen im Gehirn wirkenden Steroiden zählen beispielsweise Progesteron und dessen Abkömmlinge Pregnanolon und Allopregnanolon. Es war schon länger bekannt, dass Allopregnanolon die Hirnaktivität dämpft und so die Krampfneigung des Gehirns verringert. Das Neurosteroid verstärkt die Wirkung des hemmenden Hirnbotenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA) am GABAA-Rezeptor, sobald es an einer anderen Bindungsstelle des Rezeptors andockt.

Maguire hatte die Mäuse genetisch so verändert, dass deren Neurone GABAA-Rezeptoren besaßen, an die Allopregnanolon sich nicht mehr so gut binden kann. Auf den ersten Blick verhielten sich die Mäuse nicht ungewöhnlich. Als die Forscherin jedoch versuchte, die Tiere weiter zu züchten, bemerkte sie etwas Unerwartetes: Die jungen Mäusemütter zeigten auffallend wenig Brutpflegeverhalten.

»Sie bringen ihre Jungen normal zur Welt, aber in der Zeit nach der Geburt kümmern sie sich nicht um sie, sodass viele wegen Vernachlässigung sterben«Jamie Maguire, Neurowissenschaftlerin

»Sie bringen ihre Jungen normal zur Welt, aber in der Zeit nach der Geburt kümmern sie sich nicht um ihre Babys, sodass viele wegen Vernachlässigung sterben«, erklärt Maguire. Ein solches Verhalten gilt bei Nagetieren als Anzeichen einer Depression. Bemerkenswerterweise schienen die Mäuseweibchen bis zur Entbindung psychisch gesund zu sein. »Es ist wirklich etwas, was während der Schwangerschaft und der Zeit nach der Geburt passiert«, sagt die Forscherin. Es musste die unzureichende Regulationsmöglichkeit der GABAA-Rezeptoren durch Neurosteroide sein, die das depressive Verhalten auslöste.

Maguires Entdeckung führte zu einer Reihe von Studien, in denen untersucht wurde, wie Neurosteroide die Anfälligkeit für postpartale Depressionen beeinflussen. Während der Schwangerschaft steigt ihre Konzentration auf extreme Werte an – bis zu 100-mal höher als in einem typischen Menstruationszyklus. Dies dient wahrscheinlich dazu, den Körper auf die physiologischen und psychologischen Anforderungen der Mutterschaft vorzubereiten.

Die Menge an GABA-Rezeptoren wird reduziert

An die Flut von Neurosteroiden passt sich das Gehirn jedoch an: Es reduziert die Empfindlichkeit der GABA-Rezeptoren in bestimmten Hirnregionen. Das könnte dabei helfen, durch den Neurosteroidüberschuss geförderte Symptome wie starke Schläfrigkeit zu verhindern. Prekär wird die Lage, wenn die Hormonspiegel nach der Entbindung wieder rapide sinken. Denn dann kommen wenige Neurosteroide und unempfindlichere Rezeptoren zusammen – die gewohnte Dämpfung fällt also schwächer aus.

Normalerweise nehmen die Hirnzellen die Veränderung schnell wahr und kurbeln die Produktion empfindlicher Rezeptoren wieder an, sodass im Lauf einiger Wochen alles wieder ins Lot kommt. Wenn die Umstellung aber nicht so gut funktioniert, werden Frauen anfällig für Stimmungsstörungen, vermutet Maguire. Denn dann gerät das Stressreaktionssystem des Körpers, bekannt als Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse), aus dem Gleichgewicht und es wird zu viel von dem Stresshormon Cortisol ausgeschüttet.

Die Idee, den starken Neurosteroidabfall nach der Geburt medikamentös auszugleichen, liegt also nahe. Tatsächlich deutete einiges darauf hin, dass die Gabe von Neurosteroiden die gesunde Kommunikation zwischen diesen verschiedenen Nervenbahnen und den sie verbindenden großflächigen Netzwerken der HPA-Achse wiederherstellen könnte. Neuere Untersuchungen der Hirnaktivität an Mäusen und Ratten bestätigen das. »Wir glauben, dass die antidepressive Wirkung von Allopregnanolon mit der Fähigkeit zusammenhängt, diese Netzwerkzustände gewissermaßen zurückzusetzen«, sagt Maguire.

Umweg über Brexanolon

Der Weg zu Zuranolon verlief nicht ganz geradlinig. Einige Jahre nachdem Maguire ihre ersten melancholischen Mausmodelle entwickelt hatte, gründete der Neurowissenschaftler und Pharma-Manager Steve Paul gemeinsam mit anderen das Unternehmen Sage Therapeutics, um auf Neurosteroiden basierende Medikamente für Hirnerkrankungen zu entwickeln. Paul war zuvor wissenschaftlicher Direktor des National Institute of Mental Health gewesen. Dort hatte er bereits nachgewiesen, dass Allopregnanolon überaktive Neurone durch die Modulation bestimmter GABA-Rezeptoren beruhigt.

2012 begann Sage Therapeutics mit der klinischen Forschung an einer synthetischen Form von Allopregnanolon namens Brexanolon, das Patienten intravenös verabreicht wurde. Das Unternehmen führte in Zusammenarbeit mit externen Partnern wie der Psychiaterin Samantha Meltzer-Brody von der University of North Carolina einige Pilotstudien durch. In einer erhielten vier Frauen mit schwerer postpartaler Depression eine 60-stündige Infusion mit Brexanolon. Das Experiment hatte keine Placebo-Kontrollgruppe. Dennoch »waren die Ergebnisse dieser Studie einfach umwerfend«, sagt Deligiannidis, die an jener ersten Arbeit nicht beteiligt war. Bei allen vier Frauen verbesserte sich das Befinden so stark, dass sie die Kriterien für eine klinische Depression nicht mehr erfüllten.

Gute Wirksamkeit, aber unerwünschte Nebenwirkungen

Es folgten drei größere klinische Studien mit Kontrollgruppen unter der Leitung von Meltzer-Brody. Insgesamt erhielten 267 Frauen mit postpartaler Depression entweder Brexanolon oder eine Placebo-Infusion. Die Mehrheit der Frauen, denen Brexanolon injiziert wurde, zeigte gegenüber vorher eine klinische Verbesserung von mindestens 50 Prozent. Trotz eines starken Placeboeffekts in der Kontrollgruppe, wie er bei Depressionsstudien häufig auftritt, waren die Ergebnisse bei den behandelten Frauen beeindruckend. In einer Studie mit hoch dosiertem Brexanolon beispielsweise kam es bei 61 Prozent der behandelten Patientinnen zu einer Remission, verglichen mit 38 Prozent derjenigen, die nur zum Schein eine Infusion erhalten hatten.

Die Arbeit führte dazu, dass die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Brexanolon im März 2019 als erste pharmakologische Therapie speziell für postpartale Depressionen zuließ. In der EU ist es bis heute (Stand Januar 2026) nicht zugelassen. Die Erfahrungen waren allerdings sehr durchwachsen: Brexanolon verursachte bei Frauen mitunter nicht nur Schwindel oder Schläfrigkeit, sondern führte in einigen Fällen sogar zu Ohnmachtsanfällen. Deshalb erforderte die Behandlung eine kontinuierliche medizinische Überwachung, was für viele Patientinnen eine emotionale und finanzielle Hürde darstellte. Das Problem von Brexanolon ist seine schlechte »orale Bioverfügbarkeit«: Geschluckt, gelangen davon weniger als fünf Prozent in den Blutkreislauf. »Die Frauen müssen sich in eine Klinik einweisen lassen und 60 Stunden lang für die Infusion dortbleiben«, erklärt Benjamin Bruno, der bei »Lipocine« (einer Pharmafirma in Salt Lake City) daran forscht, die orale Aufnahme von Neurosteroid-Medikamenten wie Brexanolon zu verbessern. »Das Medikament wirkt hervorragend, aber niemand verwendet es, weil es intravenös verabreicht werden muss.«

Wie bekommt man das Medikament in den Körper?

Bei Sage Therapeutics suchte man nach einem alternativen Wirkstoff und fand ihn in Zuranolon. Es wird im Verdauungstrakt vom Körper gut aufgenommen und entfaltet zugleich eine ähnliche GABA-verstärkende Wirkung wie Brexanolon. In einer 2021 publizierten Studie unter der Leitung von Kristina Deligiannidis wurden 151 Frauen mit schwerer postpartaler Depression nach dem Zufallsprinzip Gruppen zugeteilt, die 14 Tage lang jeden Abend entweder Zuranolon oder ein Placebo einnahmen. Die Frauen begannen mit Werten von durchschnittlich 28 von 52 auf der Standard-Hamilton-Depressionsskala, die auch in früheren Arbeiten zur Bewertung von Brexanolon verwendet wurde. Am Ende der Studie waren die Werte der Zuranolon-Gruppe auf etwa 9 gesunken, während die Werte der Placebo-Gruppe im Mittel bei etwa 14 lagen. Die antidepressive Wirkung trat schnell ein, sodass die Patientinnen bereits nach drei Tagen eine Linderung ihrer Symptome verspürten, die über die gesamte Studiendauer von 45 Tagen anhielt.

»Wir hatten Frauen in den Studien, die sterben wollten; ihre Hoffnungslosigkeit war so groß, dass sie glaubten, eine Last für ihre Familie zu sein«Kristina Deligiannidis, Psychiaterin

Deligiannidis sagt, dass sie die Veränderung, die sie miterlebt hat, nie vergessen wird. Sie erinnert sich, dass viele der Frauen mit den grundlegendsten Alltagsaufgaben zu kämpfen hatten – Zähneputzen, Duschen, sogar das Aufstehen morgens. Sie hatten wenig bis gar keinen Appetit, lebten oft von Kaffee, um wach zu bleiben, und steckten ihre wenige Energie in die Pflege ihres Babys. »Wir hatten Frauen in den Studien, die sterben wollten; ihre Hoffnungslosigkeit war so groß, dass sie glaubten, eine Last für ihre Familie zu sein«, sagt sie. Doch nach der Behandlung verschwanden bei vielen diese selbstzerstörerischen Gedanken. Laut der Psychiaterin kann das Medikament »eine lebensrettende Maßnahme sein«.

Die FDA genehmigte Zuranolon im Sommer 2023, kurz bevor Kristina Leos ihren Tiefpunkt erreichte und sie dachte, ihr blieben keine Optionen mehr. Sie war vor der Einnahme nervös, weil das Medikament gerade erst auf den Markt gekommen war. Unzählige Male habe sie die Packungsbeilage von vorn bis hinten gelesen. Am Ende blieben die Nebenwirkungen, etwas Schwindel und Schläfrigkeit, für sie erträglich.

Die Qual der Wahl

Camille Meehan, eine Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Tulsa (Oklahoma), sagt, dass die meisten Frauen mit postpartaler Depression, die sie behandelt, unter einer mittelschweren bis schweren Depression leiden. Sie bietet ihren Patientinnen sowohl Zuranolon als auch herkömmliche SSRI-Antidepressiva an und bespricht mit ihnen die Risiken und Vorteile der einzelnen Medikamente.

So kann es vier bis sechs Wochen dauern, bis SSRIs ihre volle Wirkung entfalten, während Zuranolon oft innerhalb weniger Tage anschlägt. Eine vollständige Behandlung mit Letzterem dauert nur zwei Wochen. »Es ist schwer, es nicht in der Erstbehandlung einzusetzen, wenn man weiß, dass diese Mutter eine akute Phase durchlebt, die sich schnell verschlimmern kann«, erzählt Meehan.

»Es ist schwer, Zuranolon nicht in der Erstbehandlung einzusetzen, wenn man weiß, dass diese Mutter eine akute Phase durchlebt, die sich schnell verschlimmern kann«Camille Meehan, Gynäkologin

Allerdings: Die Erfahrungen der Frauen mit dem neuen Medikament seien sehr unterschiedlich, erklärt sie ihren Patientinnen. Bei einigen trete eine dramatische Besserung ein, während andere nur mäßige oder kurz anhaltende Vorteile feststellten. Einige brechen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit vorzeitig ab.

In klinischen Studien zeigten rund 60 Prozent der Patientinnen eine signifikante Verringerung der depressiven Symptome. Zum Vergleich: Herkömmliche SSRI wirken ebenfalls bei etwa 50 bis 60 Prozent der Menschen mit anderen Arten von Depressionen. Circa 16 Prozent reduzierten die eingenommene Dosis von Zuranolon aufgrund von Nebenwirkungen, etwa vier Prozent setzten das Medikament ganz ab. Derzeit gibt es keine zuverlässige Methode, um vorherzusagen, wer auf das Medikament gut anspricht und warum. Laut Meltzer-Brody deuten die unterschiedlichen Ergebnisse darauf hin, dass auch dieser Erkrankung wiederum diverse Mechanismen zugrunde liegen können: »Ich denke, wir haben erkannt, dass es nicht nur eine Art von postpartaler Depression gibt, sondern wahrscheinlich viele verschiedene Arten.«

Biomarker für die Vorhersage eines Therapieerfolgs gesucht

Forschungsgruppen suchen daher inzwischen nach Biomarkern, um Frauen zu identifizieren, die am ehesten von solchen neuen Behandlungen profitieren könnten. Dazu gehören die Psychiaterinnen Jennifer Payne von der University of Virginia und Lauren Osborne von der Weill Cornell Medicine in New York City. Sie fanden heraus, dass Frauen, die an postpartaler Depression litten, im dritten Schwangerschaftstrimester ein charakteristisches Hormonmuster aufwiesen: Ihr Pregnanolon-Progesteron-Verhältnis lag niedriger als das von Frauen, bei denen die Erkrankung nicht auftrat, und ihr Isoallopregnanolon-Pregnanolon-Verhältnis war höher.

»Ich denke, wir haben erkannt, dass es nicht nur eine Art von postpartaler Depression gibt, sondern wahrscheinlich viele verschiedene Arten«Samantha Meltzer-Brody, Psychiaterin

Solche Entdeckungen liefern wichtige Hinweise. Dennoch wird es laut Payne schwierig werden, einen Test zu entwickeln, der ausschließlich auf den Neurosteroidspiegeln basiert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich etwas biologisch – auf Hormonebene – verändert, noch bevor psychische Symptome auftreten. Aber die Hormone schwanken auch natürlicherweise stark, und die Unterschiede zeigen sich eher als Trends innerhalb einer Gruppe denn als Warnsignale bei einzelnen Patienten.

Extrazelluläre Vesikel als Biomarker

Außerdem stellt sich die Frage, ob die im Blut sichtbaren Veränderungen widerspiegeln, was im Gehirn vor sich geht. Eine neuere Art von Biomarkern könnte hier mehr Klarheit bringen. Sie nehmen die sogenannten extrazellulären Vesikel (EVs) ins Visier. Es handelt sich dabei um winzige Bläschen, die von Zellen freigesetzt werden und unter anderem genetisches Material wie Boten-RNA (mRNA) durch den Körper transportieren. Da einige dieser mRNAs aus dem zentralen Nervensystem stammen, bieten extrazelluläre Vesikel einen kleinen Einblick in das Geschehen im Gehirn.

Sarven Sabunciyan, Neurowissenschaftler an der Johns Hopkins University, entdeckte 2022, dass die mRNA-Zusammensetzung der EVs bei Frauen, die eine Depression entwickelten, während und nach der Schwangerschaft stark verändert war. Insbesondere stellte er einen Mangel an mRNAs fest, die mit Autophagie zusammenhängen, dem Abfallbeseitigungssystem der Zellen. »Die Autophagie ist bei neurodegenerativen Erkrankungen tatsächlich gestört«, sagt Sabunciyan. »Und es gibt auch Hinweise darauf bei psychiatrischen Erkrankungen. Ich glaube nicht, dass wir uns schon intensiv genug damit befasst haben, aber unsere Daten deuten darauf hin.« Sabunciyan ist optimistisch, dass Tests mit EV-basierten Biomarkern innerhalb von etwa einem Jahrzehnt möglich sein werden.

»Die Autophagie ist bei neurodegenerativen Erkrankungen tatsächlich gestört«Sarven Sabunciyan, Neurowissenschaftler

Inzwischen kommen einige vielversprechende Hinweise zur Erkennung von postpartaler Depression aus der Epigenetik. Epigenetische Veränderungen wie das Hinzufügen von Methylgruppenanhängseln an die DNA beeinflussen, welche Proteine hergestellt werden. Ein Team unter der Leitung von Payne und Osborne identifizierte epigenetische Veränderungen an zwei Genen, HP1BP3 und TTC9B, die mit einem erhöhten Risiko für eine postpartale Depression einhergehen. Beide hängen mit der Empfindlichkeit der Neurone für Östrogen zusammen. All diese Entdeckungen tragen dazu bei, die postpartale Depression als behandelbare Erkrankung mit Ursachen im Gehirn zu erkennen.

Kristina Leos sagt, dass sie als Krankenschwester auf der Neugeborenen-Intensivstation bei Frauen oft Anzeichen tiefer Traurigkeit beobachtet. Dann nimmt sie sich Zeit, sich mit ihnen hinzusetzen und mit ihnen darüber zu sprechen, wie sie sich wirklich fühlen. Denn sie erinnert sich noch daran, wie sie selbst sich nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter zu sehr geschämt hatte, um ehrlich über ihre Gefühle zu sprechen. Sie möchte, dass diese Frauen aus ihrer Geschichte lernen und die Hilfe bekommen, die sie brauchen. »Die postpartale Depression hat mir das erste Lebensjahr meines Babys geraubt. Ich erinnere mich kaum an die Zeit«, sagt sie. Ihr fehlt ein großes Stück Vergangenheit. Aber sie weiß, dass sie und ihre ganze Familie eine Zukunft haben, weil sie um eine Lösung gekämpft hat.

Familie Leos | Kristina Leos und ihre Familie haben die Krise überstanden.

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  • Quellen
Antonoudiou, P. et al., Biological Psychiatry 10.1016/j.biopsych.2021.07.017, 2022
Deligiannidis, K.M. et al., JAMA Psychiatry 10.1001/jamapsychiatry.2021.1559, 2021
Maguire, J., Mody, I., Neuron 10.1016/j.neuron.2008.06.019, 2008
Meltzer-Brody, S. et al., The Lancet 10.1016/S0140–6736(18)31551–4, 2018
Osborne, L.M., Molecular Psychiatry 10.1038/s41380–022–01794–2, 2022

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