Direkt zum Inhalt

Prävention: 14 Wege, um Demenz vorzubeugen

Ein Heilmittel für Demenz gibt bislang nicht; allenfalls Wirkstoffe, die den kognitiven Abbau verzögern. Doch auch unser Verhalten beeinflusst, ob und wann die neurodegenerative Krankheit ausbricht.
Querschnitt durch ein menschliches Gehirn, der die beiden Hemisphären zeigt. Die graue und die weiße Substanz sind deutlich sichtbar, ebenso wie die Furchen und Windungen der Großhirnrinde. Die Darstellung hebt die symmetrische Struktur und die Komplexität der Hirnoberfläche hervor.
Unser Hirn altert mit uns mit – doch wir können einiges dafür tun, dass es lange gesund bleibt.

Es ist eher selten, dass epidemiologische Studien zu Demenzerkrankungen Hoffnungen wecken. Zu ernüchternd sind meist die Daten, zu düster die Prognosen: 2020 lebten auf unserem Planeten 55 Millionen Betroffene, und diese Zahl wächst stetig. 2050 könnten es bereits 139 Millionen sein – also zweieinhalbmal so viele.

Im Juli 2025 erschien jedoch in der internationalen Ausgabe des »Deutschen Ärzteblatts« eine Analyse, die zumindest etwas Anlass zu Optimismus bietet. Darin hatten Forschende aus Rostock, Greifswald, Leipzig und Berlin Daten der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ausgewertet. Da bei Letzteren 88 Prozent aller Menschen hierzulande versichert sind, haben die Ergebnisse durchaus Gewicht.

Die Arbeit betrachtete, wie häufig Hausärztinnen und -ärzte zwischen 2015 und 2022 bei Versicherten über 65 eine Demenz festgestellt hatten. Dabei zeigte sich, dass die Zahl der neuen Diagnosen – in medizinischer Fachsprache die Inzidenz – in diesem Zeitraum um mehr als ein Viertel gesunken war, von 2020 auf 1500 pro 100 000 Personen. Die sonst so nüchterne »FAZ« fragte angesichts dessen schon, ob die befürchtete Alzheimer-Lawine nun ausfalle.

Auch wenn man das wohl verneinen muss, passen die Resultate doch gut ins allgemeine Bild: In vielen westlichen Industrieländern sinkt die altersbezogene Inzidenz seit Jahren. Wer heute in Schweden, Frankreich oder den USA seinen 80. Geburtstag feiert, hat eine mehr als zehn Prozent höhere Chance als in der vorhergehenden Dekade, das in einem geistig klaren Zustand zu tun. Vermutlich spielen dabei Änderungen der Lebensumstände eine wesentliche Rolle.

Wie beeinflussbar sind die Risikofaktoren?

Denn ob und wie früh wir kognitiv abbauen, haben wir zu einem gewissen Teil selbst in der Hand. Eine Expertenkommission der Zeitschrift »Lancet« veröffentlichte dazu 2024 eine Zahl, die weltweit Schlagzeilen machte: 45 Prozent aller Demenzfälle seien demnach kein unausweichliches Schicksal, sondern ließen sich im Prinzip verhindern. Insgesamt hat die Gruppe 14 beeinflussbare Risikofaktoren identifiziert. Das sind Verhaltensweisen oder Umstände, die sich abstellen oder zumindest reduzieren lassen.

Vermeidbare Risiken |

Die Lancet-Kommission zur Prävention von Demenz gab bereits im Jahr 2021 eine Sammlung von zwölf Risikofaktoren heraus, die nach Ansicht der Fachleute einen Einfluss auf die Entstehung des kognitiven Abbaus haben. 2024 ergänzte sie zwei weitere, nämlich Sehverlust und hohe LDL-Cholesterinwerte. Zusammen, so schätzt das internationale Expertengremium, ließen sich bis zu 45 Prozent aller Demenzfälle vermeiden oder verzögern, wenn man diese veränderbaren Faktoren minimiert. 

Die Kommission bezifferte jeweils, wie viel sie zur Ausbildung von Demenz beitragen könnten. Demnach ließe sich die Zahl der Betroffenen um satte sieben Prozent reduzieren, könnte man Schwerhörigkeit vollständig beseitigen. Keine andere Einzelmaßnahme hat der Auswertung zufolge ein größeres Potenzial, die Fallzahlen zu senken. Das liegt auch daran, dass schlechte Ohren im Alter eher die Regel sind als die Ausnahme: Weltweit leiden rund zwei Drittel aller Menschen über 60 mindestens unter leichtem Hörverlust. Sie haben deshalb beispielsweise Schwierigkeiten, in einer lauten Umgebung Gesprächen zu folgen. Gegenüber Gleichaltrigen mit gutem Gehör sind sie zu 40 Prozent häufiger von kognitiven Einbußen betroffen.

»Der Zusammenhang zwischen Hörverlust und kognitivem Abbau ist sehr überzeugend«, sagt Stefan Teipel, Professor für klinische Demenzforschung am Universitätsklinikum Rostock. »Wir raten daher Menschen mit beeinträchtigtem Gehör dringend dazu, das frühzeitig abklären zu lassen und gegebenenfalls ein Hörgerät zu nutzen.« Die Maßnahme sei äußerst wichtig, zumal die akustischen Hilfen es schwerhörigen Personen erleichtern, am sozialen Leben teilzunehmen. »Aus diesem Grund sind sie ohnehin indiziert«, betont Teipel. Trotz des doppelten Nutzens verwenden aktuell sehr viele Betroffene kein Hörgerät. So stellte eine 2023 veröffentlichte Analyse aus Deutschland mit mehr als 5000 Teilnehmenden eine erhebliche Unterversorgung fest.

Dass Hörhilfen einer Demenz vorbeugen können, ist wissenschaftlich gut belegt. Besonders aussagekräftig ist diesbezüglich eine experimentelle Studie aus dem Jahr 2023. Daran nahmen 238 Versuchspersonen mit einem erhöhten Demenzrisiko teil, die trotz Schwerhörigkeit bisher kein Hörgerät genutzt hatten. Die Hälfte von ihnen erhielt zu Beginn des Experiments ein solches mit der Aufforderung, es zu tragen. Diese Personen konnten dadurch wieder deutlich besser Unterhaltungen folgen. Ihre kognitiven Leistungen ließen im Lauf des dreijährigen Untersuchungszeitraums nur halb so stark nach wie bei der Kontrollgruppe. Epidemiologische Daten bestätigen den Effekt: Demnach haben schwerhörige Menschen, die eine Hörhilfe nutzen, gegenüber jenen, die das nicht tun, ein um 17 Prozent verringertes Demenzrisiko.

Je schlechter jemand hört und je länger der Hörverlust andauert, desto größer ist das Risiko, geistig abzubauen. Warum, ist noch nicht endgültig geklärt. Zu dem Effekt könnte beitragen, dass viele Betroffene sich zunehmend isolieren. Denn wer nicht versteht, was andere sagen, tendiert dazu, seine Sozialkontakte zu reduzieren – sei es aus Scham oder aufgrund des Gefühls, kein Teil der Gruppe zu sein. Menschen mit eingeschränktem Gehör leiden daher oft unter Einsamkeit und depressiven Verstimmungen. Diese beiden Faktoren begünstigen ebenfalls die Entstehung einer Demenz. Darüber hinaus haben Forschungsarbeiten gezeigt, dass der nachlassende auditive Input sich negativ auf das Gehirn auswirkt. Die fehlenden Reize können Synapsen schwächen und den Abbau von Neuronen fördern. »Unser Körper ist sehr effizient«, erläutert Stefan Teipel. »Alles, was nicht genutzt wird, wird zurückgebaut.«

Das dürfte auch erklären, weshalb Beeinträchtigungen des Sehvermögens ebenfalls mit einem höheren Demenzrisiko einhergehen. Die Lancet-Kommission hat den Verlust der Sehstärke erst 2024 in ihre Liste der beeinflussbaren Risikofaktoren aufgenommen. Vier Jahre zuvor, bei der vorherigen Auflage ihres Berichts, hielten die Expertinnen und Experten die wissenschaftlichen Belege dafür noch nicht für ausreichend. Inzwischen schätzen sie, dass sich durch eine bessere Behandlung immerhin zwei Prozent aller Demenzfälle vermeiden ließen.

Was ist Demenz?

Die medizinische Definition von Demenz deckt sich nicht unbedingt mit dem, was Laien als solche bezeichnen. Wenn die 80-jährige Mutter immer öfter Geburtstage vergisst oder ständig nachfragen muss, wie sie ihr Handy entsperren kann, dann mag das für ihre Angehörigen beunruhigend sein. Solange sie aber noch dazu in der Lage ist, ihren Alltag zu bewältigen, sprechen Fachleute von einer »leichten kognitiven Beeinträchtigung« (im englischen Fachjargon: mild cognitive impairment oder MCI).

Eine wirkliche Demenz beschränkt sich zudem in der Regel nicht auf Erinnerungslücken. Meist leiden auch andere Funktionen: Die Betroffenen haben zunehmen Schwierigkeiten, Alltagsgegenstände zu benennen oder ihr Lieblingsgericht zu kochen; sie sind oft ängstlich, schlafen nachts schlecht und wandern stattdessen im Haus umher. »Allerdings haben Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung ein deutlich erhöhtes Risiko, im Lauf der Zeit eine Demenz zu entwickeln«, erklärt Demenzforscher Stefan Teipel vom Universitätsklinikum Rostock.

Es gibt mehr als 100 verschiedene Formen von Demenz. Sie unterscheiden sich in ihren Ursachen und Symptomen. So können Erkrankungen der Schilddrüse, ein Mangel an B-Vitaminen oder auch bestimmte Medikamente die Beschwerden auslösen. Zu Letzteren zählen etwa Wirkstoffe, die den Effekt des Neurotransmitters Azetylcholin im Gehirn abschwächen. Sie sind in manchen Schlafmitteln, Mitteln gegen Inkontinenz oder in den sogenannten trizyklischen Antidepressiva enthalten. Wenn man diese Arzneien absetzt, lassen die kognitiven Symptome teilweise wieder nach.

Der weit überwiegende Teil von Demenzen lässt sich auf eine zunehmende Schädigung der Nervenzellen zurückführen. Die wichtigste unter solchen neurodegenerativen Formen ist die Alzheimererkrankung – sie macht mehr als die Hälfte aller Fälle aus. Im Gehirn von Betroffenen finden sich außerhalb der Neurone regelmäßig Ablagerungen des Peptids β-Amyloid. Ein zweites Charakteristikum sind die sogenannten Taufibrillen – das sind Proteinverklumpungen innerhalb der Zellen. Beide gelten als neurotoxisch: Sie können Nervenzellen zum Absterben bringen. Bei Menschen mit einer Alzheimerdemenz ist oft zunächst das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Typisch ist, dass sie wiederholt dieselben Fragen stellen, Termine vergessen oder sich bei ihren täglichen Besorgungen verlaufen. In der Regel beginnt die Erkrankung schleichend und die Symptome werden im Lauf der Jahre immer schlimmer.

Bei der vaskulären Demenz – der zweithäufigsten Form – schreitet der kognitive Abbau zum Teil sehr rasch voran. Er entsteht infolge von Durchblutungsstörungen im Gehirn, etwa aufgrund von Gefäßerkrankungen, wiederholten Mikroinfarkten oder Schlaganfällen. Dabei gehen im betroffenen Hirnareal innerhalb kurzer Zeit zahllose Nervenzellen zugrunde. Je nachdem, welche Bereiche von der Blutversorgung abgeschnitten sind, unterscheiden sich die Symptome. Sie reichen von Erinnerungslücken über Konzentrationsschwierigkeiten bis hin zu Halluzinationen. Verbreitet sind zudem Stimmungsschwankungen und Verhaltensänderungen.

Bei der Lewy-Body-Demenz finden sich wie bei Alzheimer Proteinablagerungen in den Nervenzellen. Sie haben die Form runder Einschlüsse und werden Lewy-Körperchen genannt. Man kennt diese Verklumpungen auch von Morbus Parkinson. Dort entstehen sie vor allem in der Substantia nigra, einer Struktur im Mittelhirn, die für die Bewegungsplanung zuständig ist. Bei der Lewy-Body-Demenz sind dagegen Neurone der Großhirnrinde betroffen. Typisch für die Erkrankung sind lebhafte optische Halluzinationen. Die kognitive Leistungsfähigkeit der Patientinnen und Patienten kann stark schwanken. Oft treten bei ihnen zudem Bewegungseinschränkungen auf, die an Parkinson erinnern.

Eine vierte wichtige Variante ist die frontotemporale Demenz. Bei ihr sterben vorwiegend Nervenzellen im Stirn- und Schläfenbereich der Großhirnrinde ab. Während sich bei Alzheimer- und vaskulärer Demenz die ersten Symptome meist jenseits der 70 zeigen, beginnt die frontotemporale Demenz häufig deutlich früher. Charakteristisch sind auffällige Verhaltens- oder Persönlichkeitsänderungen. Das Gedächtnis ist dagegen oft erst später beeinträchtigt.

Neueren Erkenntnissen zufolge ist meist mehr als ein Mechanismus beteiligt, wenn ein Mensch eine Demenz entwickelt. Reinformen der oben geschilderten Erkrankungen sind demnach seltener als eine Mischung. Die Häufigkeit der einzelnen Demenzformen variiert je nach Untersuchung und Versuchsgruppe. In der Regel wird für Alzheimer ein Anteil von 60 bis 70 Prozent angegeben, für vaskuläre Demenz 10 bis 20 Prozent, für Lewy-Body-Demenz 10 bis 15 Prozent und für frontotemporale Demenz um die 5 Prozent. Zusätzlich entfallen etwa 5 Prozent auf alle weiteren Demenzformen.

Blutfette schaden nicht nur dem Herzen

Weitaus bedeutender ist der Beitrag eines weiteren Faktors, der ebenfalls 2024 erstmals Erwähnung fand: eine erhöhte Konzentration von LDL-Cholesterin im Blut. In den letzten Jahren hat sich die Datenlage hierzu deutlich verbessert. So erschien 2023 eine Analyse, in der die Ergebnisse von 17 Studien mit insgesamt 1,2 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausgewertet wurden. Diejenigen Testpersonen, die im mittleren Alter einen erhöhten Cholesterinspiegel hatten, erkrankten im Untersuchungszeitraum im Schnitt um 14 Prozent häufiger an Demenz.

Das lässt sich gut erklären: Hohe Mengen an LDL-Cholesterin schädigen die Blutgefäße. Das Blutfett lagert sich in die Gefäßwänden ein und verengt die Adern so. Die entstehenden Plaques können zudem aufplatzen, weggeschwemmt werden und anderswo Gefäße verstopfen. Im Gehirn kann das zu Durchblutungsstörungen und Schlaganfällen führen. Damit erhöht sich das Risiko für eine sogenannte vaskuläre Demenz. Auch die Wahrscheinlichkeit, an der häufigsten Demenzform Morbus Alzheimer zu erkranken, ist bei einem hohen LDL-Spiegel deutlich größer.

Die Ablagerungen sammeln sich über viele Jahre an, ohne Beschwerden zu verursachen. In der Regel wird ein erhöhter LDL-Cholesterinspiegel in einem Bluttest festgestellt. Mehr als die Hälfte der deutschen Erwachsenen haben zu viel davon in den Adern. Laut Lancet-Kommission ließen sich Demenzerkrankungen um sieben Prozent reduzieren, würden alle Fälle richtig behandelt. Der Beitrag des Cholesterins ist also ebenso hoch wie der des Hörverlustes. Glücklicherweise gibt es mit den Statinen Medikamente, die den LDL-Spiegel wirksam senken – und damit die Gefahr, geistig abzubauen, gleich mit.

Der Blick auf den Einzelnen und auf die Bevölkerung

Unter den Faktoren, die das persönliche Demenzrisiko erhöhen, rangieren Schwerhörigkeit oder zu viel Cholesterin allerdings nur im Mittelfeld. So leiden Frauen und Männer mit Diabetes 70 Prozent häufiger als Gleichaltrige an Demenz, Menschen mit Depressionen gar 120 Prozent. Sowohl die Stoffwechsel- als auch die psychische Störung sind jedoch insgesamt viel seltener als etwa Probleme beim Hören. Das macht ihren Beitrag zu den bevölkerungsweiten Fallzahlen in der Summe geringer.

Wachsende Last |

Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Demenzbetroffenen in Deutschland sowie weltweit in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird – ein Trend, der sich vor allem aus der zunehmenden Bevölkerungsalterung ergibt.

Demenz-Lawine abgesagt?

Der größte Risikofaktor für Demenz ist das Alter. In Europa ist von den 60- bis 64-Jährigen laut einer Statistik der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft nicht einmal jede oder jeder 100. betroffen. Bei den 80- bis 84-Jährigen sind es schon 14 Prozent, bei Menschen über 90 gar 36 Prozent. In vielen westlichen Industrieländern sinken allerdings die Neuerkrankungsraten. »Wir kommen aktuell im Schnitt kognitiv gesunder ins hohe Lebensalter«, erklärt der Greifswalder Gesundheitsökonom Bernhard Michalowsky.

Der Forscher hat 2025 zusammen mit Kolleginnen und Kollegen eine Analyse der Hausarzt-Abrechnungsdaten durchgeführt, die diesen Trend für Deutschland bestätigt. Aufsehenerregend war darin ein weiteres Resultat: Im Gegensatz zu vielen anderen Studien zeigen die Daten auch einen Rückgang der diagnostizierten Prävalenz, also der Gesamtzahl der festgestellten Demenzen. Letztere sank zwischen 2015 und 2022 von 1,56 Millionen auf 1,43 Millionen. Bislang hatte man angenommen, dass sie selbst bei sinkender Inzidenz weiter zunimmt – einfach deshalb, weil wir immer länger leben.

Der Demenzforscher Frank Jessen bezeichnete den Befund im Editorial derselbe Ausgabe des »Ärzteblatts« als »überraschend« und »unerwartet«. Allerdings bezweifelt Michalowsky selbst, dass dieses Ergebnis die Realität widerspiegelt. Denn Abrechnungsdaten sind nicht zur Bestimmung von Krankheitszahlen gedacht und unterliegen daher Verzerrungen. So änderte sich 2013 die Finanzierung der Erfassung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten – die Hausarztpraxen konnten die Leistung leichter abrechnen. Danach stiegt die Zahl der Erstdiagnosen drastisch an, um mehr als 70 Prozent im Jahr 2014. »Es kann sein, dass der Rückgang ab 2015 eine Art Gegenbewegung darstellt«, sagt der Wissenschaftler.

Dass momentan die altersbezogene Inzidenz in vielen Ländern abnimmt – auch in Deutschland –, hält er dagegen für gut gesichert. »Das dokumentiert auch, welche große Rolle Lebensbedingungen und Prävention bei der Erkrankung spielen.« Ein Teil der Entwicklung ist vermutlich auf eine bessere Bildung zurückzuführen. Denn je länger wir zur Schule gehen oder im Anschluss noch weiter lernen, desto stärker können wir das aufbauen, was Expertinnen und Experten als »kognitive Reserve« bezeichnen. Von diesem Vorsprung profitieren wir dann zeit unseres Lebens.

Künftig werden die Fallzahlen dennoch wieder zunehmen – auch deshalb, weil die geburtenstarken Jahrgänge jetzt ein Alter erreichen, in dem das Demenzrisiko drastisch steigt. Zudem muss der Trend zu einer größeren kognitiven Reserve nicht zwangsläufig fortschreiten. Wie sich die omnipräsenten Smartphones oder die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz diesbezüglich auswirken werden, ist momentan schwer abzusehen. Auch bildungspolitische Trends – zum Beispiel der umfangreiche Einsatz von Computern im Unterricht oder eine Abkehr von der Schreibschrift – könnten negative Folgen haben, warnt etwa Hirnforscher Stefan Teipel.

Überhaupt sollte man die plakative Aussage, dass sich mit etwas mehr Einsatz fast jede zweite Demenz verhindern ließe, nicht allzu sehr auf die Goldwaage legen. »Die Risiken wirken ja zum Teil synergistisch«, sagt Teipel. »Menschen, die fettleibig sind, leiden zum Beispiel auch häufiger unter Diabetes.« Zwar versucht man in Studien, derartige Effekte herauszurechnen. Der Rostocker Wissenschaftler hält die 45 Prozent dennoch für unrealistisch: »Da ist sicher auch ein wenig Marketing dabei.« Wichtig ist aus seiner Sicht allerdings die Grundbotschaft: Die Prozesse, die in eine Demenz münden, lassen sich beeinflussen – und zwar merklich.

Seine Kollegin Monique Breteler sieht das ähnlich. »Die ›Lancet‹-Publikation hat den Blick dafür geschärft, dass es ein riesiges Potenzial für Prävention gibt, das bislang überhaupt noch nicht ausgeschöpft wird«, kommentiert die Professorin der Universität Bonn, die am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) den Bereich Populationsbezogene Gesundheitsforschung leitet. »Diese Tatsache war lange Zeit gar nicht auf dem Schirm – der Gedanke, dass Vorbeugen besser ist als Heilen.« Dabei sei das gerade bei Demenz ausgesprochen wichtig: Die wenigen Therapien, die bislang verfügbar sind, können lediglich die Symptome mildern oder das Fortschreiten der Beschwerden etwas bremsen. Aber auch Prävention kann die Neurodegeneration nicht komplett verhindern. »Der Zeitpunkt der Erkrankung verschiebt sich dadurch nach hinten; die Betroffenen gewinnen also einige gesunde Jahre«, betont Breteler. »Vorbeugung entscheidet also oft nicht über ›Ja‹ oder ›Nein‹, sondern über ›Jetzt‹ oder ›Später‹.«

Gesunder Lebenswandel hält Demenz in Schach

Die Grundregeln für ein fittes Gehirn sind einfach: nicht rauchen, wenig Alkohol, ausreichend Bewegung, gesundes Essen. Oft verbessern sich allein dadurch andere Risikofaktoren wie Übergewicht, Diabetes, Blutdruck und Cholesterin. Und wenn nicht, gibt es dagegen wirksame Medikamente. Man sollte mit der Behandlung nur nicht zu lange warten, denn viele Maßnahmen entfalten im mittleren Alter die größten Effekte. Das gilt auch für die Anpassung eines Hörgeräts. Jenseits der 40 ist daher ein regelmäßiger Gesundheitscheck inklusive Blutuntersuchung angeraten. Die gute Nachricht ist, dass sich einige Interventionen gleich mehrfach lohnen: Sie sind nämlich zusätzlich gut fürs Herz und beugen psychischen Störungen wie Angsterkrankungen oder Depressionen vor.

Ein wesentlicher Schutzfaktor sind genügend soziale Kontakte, insbesondere im höheren Alter. Bei vielen Personen schrumpfen die persönlichen Netzwerke dann dramatisch, was zu Vereinsamung führen kann. Diese ist für den Körper eine Form von Stress: Bei Menschen, die sich allein fühlen, sind oft bestimmte Entzündungsmarker im Blut erhöht. Das könnte dazu beitragen, dass sie eher geistig abbauen als Gleichaltrige mit vielen Sozialkontakten. Zudem halten gemeinschaftliche Aktivitäten die grauen Zellen auf Trab und trainieren sie. Im Chor zu singen, in den Fotoclub einzutreten oder ein Ehrenamt anzunehmen, steigert daher nicht nur die Lebensqualität, sondern schützt zugleich das Gehirn.

Welche Medikamente wirken?

Die aktuelle deutsche Behandlungsleitlinie empfiehlt bei leichten bis mittelschweren Demenzen die Gabe sogenannter Cholinesterase-Hemmer. Azetylcholin ist ein Nervenbotenstoff (Neurotransmitter), der in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wird, zur Empfängerzelle wandert und sie zur Bildung eines elektrischen Impulses anregt. Das Enzym Azetylcholinesterase baut den Botenstoff wieder ab und verhindert, dass das Empfängerneuron dauerhaft erregt wird.

Die Produktion von Azetylcholin lässt im Alter nach. Das gilt insbesondere bei Menschen mit Demenzerkrankungen. Cholinesterase-Hemmer bremsen den Abbau des Neurotransmitters. Dadurch erhöht sich seine Konzentration im synaptischen Spalt. »Das kann die kognitiven Leistungen der Betroffenen verbessern«, erklärt Stefan Teipel. »Die Hemmstoffe bilden daher das Rückgrat der Demenztherapie.« Wunder wirken sie jedoch nicht. Am besten ist ihr Effekt bei der Alzheimererkrankung belegt. Bei frontotemporalen Demenzen scheinen sie dagegen kaum zu helfen. Zudem bergen sie ein Risiko für zum Teil starke Nebenwirkungen.

Der Wirkstoff Memantin greift ebenfalls in die Arbeit eines Nervenbotenstoffs ein – des Neurotransmitters Glutamat. Er wird zur Behandlung mittelschwerer oder schwerer Alzheimerdemenzen empfohlen und kann dort Kognition und Alltagsfunktionen leicht verbessern. Bei weniger ausgeprägten Symptomen oder bei vaskulärer Demenz kann eventuell ein Extrakt aus Blättern des Ginkgo-Baums helfen. Allerdings gib es bislang kaum qualitativ hochwertige Studien zu seiner Wirkung.

Ein großer Hoffnungsträger bei der Behandlung der Alzheimererkrankung sind Antikörper, die sich an das Protein ß-Amyloid heften. Ein Beispiel dafür ist Lecanemab. ß-Amyloid ist der hauptsächliche Bestandteil der sogenannten Alzheimer-Plaques; das sind charakteristische Eiweißablagerungen im Gehirn von Erkrankten. Sie stehen in Verdacht, Neurone zu schädigen. Die Antikörper bewirken, dass das Immunsystem die Plaques erkennt und teilweise abbaut, was sich durch Hirnscans nachweisen lässt. Das kann zu einer leichten bis moderaten Verbesserung der kognitiven Einschränkungen führen.

Dem steht jedoch ein erhebliches Risiko von Nebenwirkungen gegenüber, die lebensbedrohlich sein können – beispielsweise Hirnschwellungen oder -blutungen. Zudem muss die Behandlung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt starten, günstigstenfalls bereits vor Einsetzen der ersten kognitiven Symptome. Denn die Plaque-Bildung beginnt oft schon viele Jahre, bevor die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Die Therapie erstreckt sich nach aktuellen Protokollen meist über 18 Monate. Währenddessen erhalten die Betroffenen alle zwei bis vier Wochen eine Antikörper-Infusion. Das ist sehr teuer: Die Behandlung kostet bei Lecanemab pro Person und Jahr in den USA umgerechnet rund 40 000 Euro.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat dem Antikörper keinen Zusatznutzen gegenüber herkömmlichen Therapieformen (wie der deutlich günstigeren Behandlung mit Cholinesterase-Hemmern) bescheinigt. Stefan Teipel sieht das anders: »Ich glaube, dass das Medikament für eine kleine Gruppe von Betroffenen durchaus einen Zusatznutzen hat, auch wenn dieser nicht besonders stark ist.« In welchem Umfang die deutschen Krankenkassen die Mehrkosten übernehmen werden, ist noch unklar.

Man sollte sich aber auch nicht damit stressen, die eigene Lebensführung immer weiter zu optimieren. »Es geht nicht darum, präzise Regeln aufzustellen und um jeden Preis einzuhalten«, betont die Bonner Epidemiologin Monique Breteler. Beispiel Ernährung: Auf Gesundheitsseiten im Internet oder auf YouTube finden sich zahllose Tipps, wie wir unsere Neurone vermeintlich bestmöglich mit Nährstoffen versorgen. Nüsse, Blaubeeren, Kurkuma, fetter Fisch, Omega-3-Kapseln – oder einfach mal fasten. Für viele dieser Ratschläge finden sich tatsächlich wissenschaftliche Belege. Doch die Datenlage ist uneinheitlich und lässt kaum klare Schlüsse zu. Dafür gibt es mehrere Gründe. So profitiert nicht jeder gleich stark davon, täglich eine Handvoll Walnüsse zu essen. Manche Menschen nehmen vielleicht schon mit anderen Lebensmitteln genügend gesunde Fette und Polyphenole auf und benötigen die Inhaltsstoffe der Nüsse gar nicht. Und falls sich überhaupt messbare Effekte einstellen, dann geschieht das oft erst nach Monaten oder Jahren. Häufig lässt sich nur schwer sagen, wodurch genau sie ausgelöst wurden. Dazu stopfen wir tagein, tagaus einfach zu viele verschiedene Lebensmittel in uns hinein. In der »Lancet«-Veröffentlichung wurde das Thema »Ernährung« sogar komplett ausgespart.

»Es kommt nicht so sehr darauf an, etwas Bestimmtes zu essen oder nicht zu essen«, erklärt Breteler. »Stattdessen sollte man sich allgemein gesund ernähren.« Sprich: Auf dem Teller landen optimalerweise viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte. Fleisch eher in geringen Mengen, dafür öfter mal Fisch. Beim Kochen kommen hochwertige Pflanzenöle zum Einsatz, mit dem Salz geht man besser sparsam um. Man sollte darauf achten, wenig Zucker zu sich zu nehmen – das betrifft auch Getränke. Und insgesamt gilt es, nicht zu viel zu essen, sodass das Gewicht in einem gesunden Rahmen bleibt. Wer diese Daumenregeln im Großen und Ganzen beherzigt, ist schon auf einem guten Weg. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist bei einer entsprechenden Ernährungsweise meist unnötig. Sie sind vor allem dann sinnvoll, wenn in einem Bluttest einen Mangel festgestellt wurde. In solchen Fällen kann der Arzt oder die Ärztin das passende Mittel verschreiben. In der Apotheke erhältliche Präparate sind denen aus der Drogerie vorzuziehen, denn letztere liefern häufig nicht die Dosis, die auf der Packung steht.

Klarer sind die Effekte von regelmäßigem Sport: Er reduziert das Risiko kognitiver Beeinträchtigungen im Alter Studien zufolge um bis zu 20 Prozent. Auch hier gilt: Am wichtigsten ist, dass man sich bewegt. Ob man ins Fitnessstudio geht, gemütlich joggt oder Bahnen schwimmt, spielt eine untergeordnete Rolle. Vorsicht sollte man lediglich bei Aktivitäten walten lassen, die zu Kopfverletzungen führen können. Sprich: beim Fahrrad- oder Skifahren einen Helm tragen und auf dem Fußballfeld möglichst aufs Köpfen verzichten. Denn Gehirnerschütterungen oder gar ausgewachsene Schädel-Hirn-Traumata mit Bewusstlosigkeit erhöhen die Wahrscheinlichkeit immens, dass die Betroffenen später einmal kognitiv abbauen.

»Natürlich haben verschiedene Sportarten unterschiedliche Effekte«, erklärt Monique Breteler vom DZNE. »Am meisten kommt es aber darauf an, dass man überhaupt etwas tut und nicht den ganzen Tag auf der Couch sitzt.« Und dafür, so sagt sie, müsse die Aktivität eben gut zur jeweiligen Person und zu ihrer Lebenssituation passen. »Sonst gibt man sie schnell wieder auf.« Fünf Stunden Sport pro Woche sind für die Hirngesundheit zwar sicher noch besser als eine Stunde. Den größten Unterschied mache es aber, wenn Menschen sich zumindest ein wenig bewegen statt gar nicht, betont Breteler. »Man muss nicht gleich zum Marathonläufer werden. Und das ist doch eigentlich eine gute Nachricht.«

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Döge, J. et al., Deutsches Ärzteblatt international 10.3238/arztebl.m2022.0385, 2023

Lin, F.R. et al., The Lancet 10.1016/S0140–6736(23)01406-X, 2023

Livingston, G. et al., The Lancet 10.1016/S0140–6736(24)01296–0, 2024

Michalowsky, B. et al., Deutsches Ärzteblatt international 10.3238/arztebl.m2025.0090, 2025

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.