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News: Praktisches Lernen hat Schulalltag nachhaltig verändert

Ob Schulteich oder Geschichtswerkstatt, Computer AG oder Partneraktion mit Altersheimen - keine Schule, die etwas auf sich hält, kommt ohne solche oder ähnliche Projekte aus. Noch vor 15 Jahren, als die Initiative Praktisches Lernen von der Robert Bosch Stiftung und dem Tübinger Pädagogen Prof. Dr. Andreas Flitner ins Leben gerufen wurde, war solches Engagement jenseits der abstrakten Stoffvermittlung schwer denkbar, heute ist es Schulalltag.
"Empirisch gesehen, würde ich es einen Sickereffekt nennen", beschreibt Prof. Dr. Peter Fauser, damals Assistent Flitners und heute selbst Lehrstuhlinhaber an der Uni Jena, den Weg zum Erfolg. Praktisches Lernen hat mit fast 400 Einzelprojekten in Westdeutschland seit 1983 und seit 1990 auch im Osten den Unterricht nachhaltig verändert. Die Robert Bosch Stiftung, die für die Projekte vor Ort und für deren wissenschaftliche Begleitung insgesamt mehr als 13 Millionen Mark bereitgestellt hat, beendet nun die unmittelbare Förderung und entläßt eines ihrer pädagogisch erfolgreichsten Projekte in die Selbständigkeit.

"Praktisches Lernen ist erwachsen geworden", erläutert Fausers Mitarbeiter Dr. Wolfgang Beutel, "heute gibt es ein Netzwerk aus acht Regionalgruppen und ungezählten lokalen Vereinen und Initiativen." Den genauen Überblick hat inzwischen niemand mehr. 360 exemplarische Projekte dokumentierte Fausers Team auf CD-ROM. Für die dauerhafte Begleitung und wissenschaftliche Auswertung von 25 Modellprojekten zeichnete die Akademie für Bildungsreform e. V. – mit Fauser und Flitner als Vorsitzenden – verantwortlich.

Neu und ungewohnt war die Initiative für Schüler wie Lehrer, weil die bis dato im Klassenzimmer üblichen Herrschaftsstrukturen auf den Kopf gestellt wurden: Plötzlich tragen die Schüler selbst die Verantwortung, ihr Lehrer ist "nur" noch Coach, Ideenstifter, Berater, und die Pausenklingel nach 45 Minuten wird einfach ignoriert. "Die Schüler wissen genau, warum sie etwas tun", benennt Wolfgang Beutel einen der wesentlichen Lerneffekte, "manchmal greifen sie sogar in die lokale Politik ein." Wie etwa die Biologie AG in Soest/Westfalen, die über Jahre hinweg exakte Umweltdaten gesammelt hat: Nun dienten ihre Analysen dem Stadtrat als Entscheidungsgrundlage, um Wasserschutzgebiete auszuweisen. Oder die Werkhaus-Initiative im südwestdeutschen Brigachtal: Die einst von Schülern eigenhändig umgebaute Grundschule ist heute alternatives Begegnungshaus mit zwei Werkstätten, Druckerei, Fotolabor und Vereinsräumen. Oder die Partnerschaft zwischen Jenaer und Bruchsaler Schulen seit 1993: Die deutsche Einheit wird für Schüler unmittelbar erfahrbar, wenn sie selbst nach Sozialdaten forschen oder industrielle Umweltbelastungen messen. "Was die Schüler unternehmen, trägt unversehens Ernstcharakter", hat Peter Fauser beobachtet.

Praktisches Lernen überwindet die unsinnige Trennung zwischen Erfahrungslernen und Schulwissen und hat damit ein neues Verständnis von Lernprozessen in den Schulen etabliert. "Die Schule soll bei den Schülern eigenes Fragen fördern und nicht fertige Antworten bieten", fordert der Pädagoge Fauser etwa; nur so bilden sich Verantwortung und Problemlösungsfähigkeit heraus. "Lernen ist ein Wechselspiel zwischen Sinnlichkeit und Verstand", heißt eine zweite These; so prägt sich persönlich erfahrene Erkenntnis viel unmittelbarer ein. Auch seine eigene Jenaer Imaginata, die Expo 2000-Projekt wird, und Demokratisch Handeln folgen diesen neuen erziehungswissenschaftlichen Handlungsmaximen.

"Es gibt noch viel zu tun, nicht zuletzt in der Wissensvermittlung an den Hochschulen", moniert er. Daß Projekte des Praktischen Lernens in Zeiten abnehmender Schülerzahlen und konkurrierender Lehrerkollegien zum elemen-taren Gradmesser für Schulqualität geworden ist, quittiert Fauser mit zufriedenem Schmunzeln. "Man kann in jedem Schulfach sofort mit einem Projekt beginnen", behauptet er, "die Lehrer müssen nur selbst kreativ und initiativ werden." Wem selber die Ideen fehlen, müsse eben die Beispiel-CD anfordern.

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