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Nobelpreise 2005: Preiswürdige Magengeschwüre im Selbstversuch

Den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin des Jahres 2005 teilen sich die Australier Barry Marshall und Robin Warren. Gemeinsam entdeckten sie das Magenbakterium Helicobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Gastritis und anderen Magenkrankheiten.
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Barry Marshall und Robin Warren | Den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin des Jahres 2005 teilen sich die Australier Barry Marshall (links) und Robin Warren. Gemeinsam entdeckten sie das Magenbakterium Helicobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Gastritis und anderen Magenkrankheiten.
Na, das ging doch mal schnell: "Diese Revolution in der Medizin hätte den Nobelpreis verdient", meinte vor kurzem erst Peter Malfertheiner hellsichtig in der Wochenzeitung Die Zeit. Der Magdeburger Mediziner musste es wissen, es ging um sein Spezialgebiet, den Magen – und einen fiesen, kleinen, bakteriellen Eindringling: Helicobacter pylori. Für die Entdeckung des in allen Magenschleimhäuten weltweit häufigen Keims und seiner Folgeerscheinungen zeichnete das Nobelpreiskomitee nun zwei Australier aus, Robin Warren und Barry Marshall – die Hauptakteure einer vor gut zwanzig Jahren begonnenen medizinischen Revolte.

Ende der 1970er waren die beiden der gastro-enterologisch forschenden Wissenschaftlerzunft unbekannt, was sich bald änderte: Schnell hatten sie sich einen Namen gemacht, allerdings einen meist entweder verschrienen oder verlachten. Wegen ihrer von jeglicher damals gültigen Theorie abweichenden Meinung zur Entstehung von Geschwüren und anderen Problemen des Magens waren sie zunächst einsame Außenseiter. Damals stand schließlich fest, dass Magenschleimhautentzündungen oder Gastritis die Folge falscher Ernährung und Stress sein müssen. Nun kamen zwei Australier daher und machten ein Bakterium für mehr als die Hälfte aller solcher Probleme verantwortlich.

Ein Bakterium? Im extrem sauren, für Keime lebensfeindlichen und geradezu ideal sterilisierenden Milieu des Magens? Das schien tatsächlich eher unglaubwürdig. Allerdings waren da ein paar nicht zu leugnende Fakten, die Warren und Marshall der Fachwelt in mehreren Dosen unermüdlich nachreichten. Zunächst entdeckte 1979 der gerade 42-jährige Pathologe Warren in mehr als der Hälfte von Gewebeproben aus Patienten kleine, merkwürdig geformte Bakterien, die sich im unteren Magenabschnitt wohl zu fühlen schienen. Schnell fiel ihm zudem auf, dass diese Einzeller stets mit Entzündungserscheinungen der Magenschleimhaut einhergingen. Kultivieren, und somit skeptischen Kollegen als Beweismittel präsentieren, ließen sich die Keime allerdings zunächst nicht.

Dann wird die Geschichte zur Legende: Irgendwann vergaß – angeblich während der Osterferien – der junge wissenschaftliche Assistent Barry Marshall ein paar Kulturen des merkwürdigen Bakteriums im Brutschrank und lieferte so per Zufall ideale Bedingungen für den sehr langsam wachsenden Keim. Bald schon hatten Warren und Marshall das nötige Know-how, um eine geregelte Zucht des bald Helicobacter pylori getauften Bakteriums aufzuziehen. Den ultimativen Beweis trat Marshall – angeblich gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Frau – dann 1984 im Selbstversuch an: Er schluckte eine Dosis der Bakterienkultur und erkrankte prompt an einer Magenentzündung, die er mit Antibiotika gleich wieder erfolgreich therapierte.

Heute, lange nachdem sich die Bakterien-Theorie durchgesetzt hatte, werden weltweit viele Menschen mit einer derartigen Antibiotikatherapie routinemäßig von Magenbeschwerden befreit. Längst ist bekannt, wie Helicobacter sich vor der Magensäure schützt (durch neutralisierende Puffersubstanzen), wie er nachzuweisen ist (ein einfacher diagnostischer Test entlarvt in fast der Hälfte aller Menschen weltweit das Bakterium) und welche Folgen er hat (zehn bis fünfzehn Prozent der Betroffenen entwickeln im Laufe ihres Lebens ein Magen- oder Darmgeschwür).

Tatsächlich ist der zunächst für unmöglich gehaltene Magenbesiedler derart häufig, dass einige Wissenschaftler darin schon einen tieferen Sinn zu vermuten beginnen. Vielleicht nützt Helicobacter, der die Menschheit und ihre Wanderungen nachweislich schon ein paar Millionen Jahre begleitet, seinem Wirt auch irgendwie, statt ihm nur zu schaden? Schließlich geht weltweit mit der per Antibiotika erzwungenen Helicobacter-Totalentfernung nicht nur die Häufigkeit von Geschwüren und Karzinomen im Magen zurück – sondern gleichzeitig auch jene von Speiseröhrenkrebs und Sodbrennen nach oben. Ob dies nur eine zufällige, nicht ursächliche Korrelation ist, sorgt derzeit noch für Auseinandersetzungen in der Forschergemeinde.

Wegen der frischgebackenen Preisträger sicher ist dagegen, dass Helicobacter pylori die mit Antibiotika bekämpfbare Ursache für neun von zehn Geschwüren des Zwölffingerdarms und achtzig Prozent aller Magengeschwüre ist – und somit, dass unzählige Magenkranke der Entdeckung und Unbeirrbarkeit von Warren und Marshall viel verdanken.

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