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Altersweitsichtigkeit: Können Augentropfen die Lesebrille ersetzen?

In den USA sind seit Kurzem erstmals Augentropfen zugelassen, die die Pupillenweite regulieren. Sie sollen eine Presbyopie beheben. Können die Präparate das tatsächlich leisten?
Eine Frau träufelt Tropfen ins Auge.

Als ich etwas älter geworden war, bemerkte ich, dass sich die Wörter auf einer Buchseite nicht mehr so scharf abzeichneten wie früher. Wie viele Menschen trage ich seither eine Lesebrille. Doch vor Kurzem träufelte ich stattdessen ein neues verschreibungspflichtiges Medikament in meine Augen. Ein paar Minuten später konnte ich den Text vor mir klarer und schärfer sehen. Allerdings fiel mir auch auf, dass die weiter entfernt liegende Gemeinschaftsküche im Büro ungewöhnlich düster erschien, selbst wenn das Licht an war. Und ich bekam leichte Kopfschmerzen.

Nach dem 40. Lebensjahr entwickeln zahlreiche Menschen eine Presbyopie. Das ist der medizinische Fachbegriff für Altersweitsichtigkeit. Übersetzt heißt der auf griechischen Wörtern beruhende Ausdruck so viel wie alte Augen. Für die Menschen wird es schwieriger, Bücher, Lebensmitteletiketten oder Speisekarten zu lesen. Was dann hilft, ist eine Lesebrille. Nun gibt es eine weitere Lösung, verpackt in Medizinfläschchen: Augentropfen auf Rezept, die älteren Menschen helfen sollen, nahe Objekte besser zu sehen.

Eine sichere, wirksame und reversible Therapie?

Das Mittel, das ich verwendet habe, ist ein Produkt der Firma Allergan, die zum Pharmaunternehmen AbbVie gehört. Es trägt den Name Vuity und ist das Erste seiner Art, das erhältlich ist. Die Tropfen wurden Ende 2021 von der US-Behörde Food and Drug Administration zugelassen. Fast ein Dutzend Unternehmen haben ähnliche Tropfen in der klinischen Erprobung. Sie alle versprechen eine »sichere, wirksame und reversible Therapie, die den Menschen das gibt, was sie wollen, nämlich eine gute Nahsicht«, sagt Eric Donnenfeld, Augenarzt an der New York University, der Allergan und einen weiteren Hersteller berät.

Die Tropfen sollen einen Alterungsprozess ausgleichen. Mit den Jahren wird die Linse im Auge steifer. Bei einem gesunden, jungen Menschen ist sie flexibel und bündelt korrekt das von nahen und fernen Objekten einfallende Licht. Wenn die Linse jedoch unbeweglicher wird, verschwimmen die Bilder in Leseentfernung.

Weniger Licht soll die Netzhaut erreichen

Die Tropfen beheben jenes Problem, indem sie die Pupille verkleinern – also den Teil des Auges, der das Licht auf die Netzhaut leitet, die diese Reize wiederum in visuelle Signale für das Gehirn umwandelt. Die Pupillenöffnung zu verkleinern entspricht bei einer Fotokamera ungefähr der Blende. Wird sie verkleinert, dringt weniger Licht von weiter entfernten Objekten ein, wodurch nahe Gegenstände schärfer abgebildet werden. »In ähnlicher Weise verhindert eine kleinere Pupille, dass irgendwelche unspezifischen Lichtstrahlen die Netzhaut erreichen«, sagt Donnenfeld. »Genau auf diesem Weg funktionieren die Tropfen.«

Mehrere Präparate darunter auch Vuity verkleinern die Pupillen mit demselben Wirkstoff: Pilocarpin, das seit Langem zur Behandlung des grünen Stars eingesetzt wird. Pilocarpin reizt die Augenmuskeln, die sich daraufhin zusammenziehen. Bei Patienten mit grünem Star wird so der Augendruck gesenkt, weil durch die Muskelkontraktion überschüssige Flüssigkeit aus dem Auge abfließt. Die Muskeln drücken aber auch die Pupille zusammen, wodurch sie sich verkleinert. Diese Kontraktion kann jedoch ebenso zu leichten Kopfschmerzen hinter den Augenbrauen führen.

Bei den klinischen Studien mit Vuity konnten etwa 30 Prozent der behandelten Probanden drei Textzeilen mehr auf einer in Armlänge angebrachten Tafel lesen. Die Wirkung ließ über einen Zeitraum von sechs Stunden allmählich nach. Andere Unternehmen arbeiten bereits an Wirkstoffen, die länger wirken sollen. Visus Therapeutics in Irvine, Kalifornien, beispielsweise entwickelt Augentropfen mit zwei Wirkstoffen: Carbachol, das die Pupille verengt, und Brimonidin, das die Pupillenerweiterung verhindert. »Wir vermuten, dass die Wirkung dieser Behandlung mindestens acht Stunden anhält«, sagt Rhett Schiffman, Augenarzt und medizinischer Leiter des Unternehmens. Bislang haben Investoren mehr als 100 Millionen US-Dollar in die Entwicklung verschiedener Produkte gesteckt.

Risiken und Nebenwirkungen von Pilocarpin

Doch die Präparate sind nicht unumstritten. David Guyton, Augenarzt am Johns Hopkins Wilmer Eye Institute in Baltimore, weist darauf hin, dass generisches Pilocarpin zur Behandlung von grünem Star eigentlich recht preiswert ist. Ein 2,5-Milliliter-Behälter von Vuity – was etwa für einen Monat reicht – hingegen nicht. Mein Fläschchen hat rund 80 US-Dollar gekostet, das sind ungefähr 70 Euro. (Der Hersteller Allergan rechtfertigt den hohen Preis damit, dass er die Rezeptur verändert habe, um mögliche Beschwerden und Nebenwirkungen zu verringern.)

Außerdem bringen die Tropfen andere, weniger wünschenswerte Veränderungen der Sehkraft mit sich. »Bei schwachem Licht weiten sich die Pupillen, um mehr Licht einzulassen. Das geschieht jedoch nicht, wenn die Pupillen durch Pilocarpin verengt werden«, erklärt Guyton. »Meines Erachtens stellt dieser Effekt eine Gefahr für das Fahren bei Nacht dar.« In der Tat wird in der Packungsbeilage von Vuity davor gewarnt, nachts Auto zu fahren, wenn man das Präparat verwendet hat. Donnenfeld entgegnet, dass dies für die meisten Menschen jedoch kein Problem darstellen sollte, wenn das Medikament wie vorgeschrieben morgens in die Augen geträufelt wird.

Nachdem ich die Tropfen getestet hatte, probierte sie auch ein Kollege aus, der ebenfalls eine Lesebrille trägt. Sein Fazit lautete: »Ich würde sagen, es hat funktioniert – nicht perfekt, aber es hat funktioniert. Die Tropfen verringerten die Unschärfe der Texte auf meinem Handy, beseitigten sie aber nicht.« Wie bei mir hielt die Wirkung etwa drei Stunden an. Für Leute, die ihre Lesebrille sehr ungern tragen, wären derartige Tropfen wohl eine Alternative – sofern sie auch in Europa eine Zulassung erhielten.

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