Persönlichkeit: Profile von Hochsensiblen offenbaren Widersprüche

Hochsensiblen Menschen werden besonders feine Antennen zugesprochen. Allerdings neigen sie laut eigenen Angaben auch dazu, Umweltreize nicht wahrzunehmen. Das berichtet eine Forschungsgruppe um Charlie Rioux von der Texas Tech University im Fachjournal »Personality and Individual Differences«. »Dass hochsensible Menschen auf einer Skala hoch punkten, die eigentlich eine hohe Reizschwelle misst, ist unerwartet«, schreiben die Psychologin und ihr Team. Es könnte sich jedoch um einen Bewältigungsmechanismus handeln.
Die Daten stammten von 565 Erwachsenen zwischen 19 und 94 Jahren mit überdurchschnittlichem Bildungsgrad, angeworben über eine Online-Plattform, die Testpersonen vermittelt. Diese gaben zum einen Auskunft darüber, wie sehr sie zu typischen Merkmalen von Hochsensibilität neigten: einer niedrigen Reizschwelle, einer hohen Erregungsneigung und einem feinen Sinn für Ästhetik. Hinzu kamen 60 Fragen nach Dunns Modell der sensorischen Verarbeitung: Wie viel nahmen sie von ihrer Umwelt wahr? Wie regulierten sie diesen Input? Tendierten sie dazu, Stimulation zuzulassen, sie aktiv zu vermeiden oder sie sogar zu suchen? Aus den Antworten bildeten die Forschenden ein »sensorisches Profil«, das Menschen entsprechend ihrer Reizschwelle und Reizregulation auf vier Quadranten verortet.
Erwartungsgemäß zählten Hochsensible häufig zu den Verarbeitungstypen mit niedriger Reizschwelle, teils mehr verbunden mit passiver, teils mit aktiver Reizvermeidung. Überraschenderweise attestierten sie sich aber auch häufig eine hohe Reizschwelle und eine passive Reizregulation, ein Profil, das in Dunns Modell als »low registration« beschrieben wird. Die Forschenden erklären das mit einer Art Abstumpfungsprozess: Wer sich schnell überreizt fühle, könnte mit der Zeit lernen, die Umwelt passiv auszublenden – ein Pendant zur aktiven Reizvermeidung.
Und noch ein weiteres Ergebnis war interessant: Die ästhetisch Hochsensiblen hatten kein spezifisches sensorisches Profil; am ehesten hing ihr Sinn für Ästhetik sogar mit »Sensation Seeking« zusammen, also der Suche nach intensiven Sinneseindrücken. Ein Hinweis darauf, dass ästhetische Sensibilität mit dem, was Hochsensibilität im Kern ausmacht, wenig gemeinsam hat, wie schon andere Fachleute feststellten. »Hochsensible Personen können je nach Subtyp ganz unterschiedliche Verarbeitungsmuster und Bewältigungsmechanismen zeigen«, so formulieren es Rioux und ihre Kolleginnen. Sie empfehlen, Dunns sensorisches Profil heranzuziehen, um die Passung zwischen einer hochsensiblen Person und ihrer Umwelt zu beurteilen.
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