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Protoplanetare Scheibe: Chaos in gewaltiger Planetenkinderstube

Ein Blick auf die bislang größte bekannte protoplanetare Scheibe offenbart eine Struktur von außergewöhnlicher Ausdehnung und Asymmetrie. Die Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble liefern eindrucksvolle Hinweise darauf, wie komplex die Entstehung von Planetensystemen abläuft.
Ein leuchtender planetarischer Nebel im Weltraum, umgeben von zahlreichen funkelnden Sternen. Der Nebel zeigt eine symmetrische, flügelartige Struktur mit blauen und orangefarbenen Tönen, die von einem zentralen, hellen Bereich ausgehen. Die Sterne im Hintergrund sind gleichmäßig verteilt und variieren in Helligkeit. Der dunkle Hintergrund hebt die Farben und Formen des Nebels hervor.
Die Aufnahme des Weltraumteleskops Hubble zeigt die bislang größte bekannte protoplanetare Scheibe um einen jungen Stern. Von der Erde aus fast von der Seite gesehen, wirkt die dunkle, staubige Scheibe wie ein Hamburger und zeigt eine ungewöhnlich chaotische Struktur mit leuchtenden Materiefäden, die weit über die Scheibenebene hinausreichen.

Mit dem Weltraumteleskop Hubble der NASA und der ESA ist es Astronomen gelungen, die größte bekannte protoplanetare Scheibe um einen jungen Stern im sichtbaren und nahen Infrarotlicht zu beobachten. Die rotierende Wolke aus Staub und Gas mit der Bezeichnung IRAS 23 077+6707 erstreckt sich über fast 650 Milliarden Kilometer oder rund 4300 Astronomische Einheiten – etwa 40-mal der Durchmesser unseres Sonnensystems bis zur äußeren Grenze des Kuipergürtels. Die neuen Aufnahmen hat ein Team um Kristina Monsch des Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics kürzlich in der Fachzeitschrift »The Astrophysical Journal« veröffentlicht.

IRAS 23 077+6707 liegt rund 1000 Lichtjahre von der Erde entfernt in der Kepheus-Sternentstehungsregion im nördlichen Sternbild Kepheus. In den Aufnahmen von Hubble erscheint die Scheibe von der Kante aus, der Sichtwinkel beträgt ungefähr 80 Grad. Eine dunkle Staubspur zieht sich durch die Mitte der Scheibe, flankiert von zwei durch gestreutes Sternenlicht erhellten Schichten aus Gas. Sie verdeckt den heißen jungen und massereichen Stern im Zentrum, bei dem es sich auch um ein Sternpaar handeln könnte. Die außergewöhnliche Erscheinung brachte dem System den Spitznamen »Draculas Chivito« ein – eine Anspielung auf die Heimatländer der Entdecker des Systems und das uruguayische Nationalgericht, ein reichhaltiges Sandwich. 

Besonders auffällig ist die ausgeprägte Asymmetrie: Auf der nördlichen (oberen) Seite der Scheibe ragen feine Materiefäden, sogenannte Filamente, rund 460 Milliarden Kilometer lang über und unter der Hauptebene der Scheibe hinaus. Im Süden (unten) dagegen ist eine scharfe Kante ohne Filamente im optischen Bereich des Spektrums zu erkennen.

Auf der östlichen (linken) Seite der Scheibe zeigen sich feine Strukturen, die das Team als ein- oder ausströmendes Material aus Gas und Staub deutet. Feine faserartige Strukturen auf der helleren Westseite (rechts) geben Hinweise auf eine turbulente Atmosphäre in der Scheibe. Dynamische Prozesse und Wechselwirkungen mit der Umgebung scheinen sie aktiv zu formen. Die westliche Seite erscheint zudem deutlich heller als die östliche. Das ist allerdings primär auf den steilen Sichtwinkel zurückzuführen.

Draculas Sandwich im Blick von Hubble | Die Abbildung zeigt eine Galerie aller Hubble-Aufnahmen von IRAS 23077+6707. Oben sind Bilder im sichtbaren Licht, unten im nahen Infrarot zu sehen. In allen Ansichten ist Norden oben und Osten links. Markante Strukturen der Scheibe sind hervorgehoben und beschriftet. In den optischen Aufnahmen geht die Scheibe im nördlichen Bereich in ausgedehnte Filamente (northern filaments) über, im Süden zeigt sich dagegen eine scharfe Kante (sharp cutoff). Gaströmungen (in-/outflowing gas) und Turbulenzen (wisps) sowie ausgeprägte Schattenregionen (shadows), die vermutlich durch die Schrägstellung der inneren Scheibe verursacht werden, sind zu erkennen. In den Infrarotaufnahmen (unten) erscheint die zentrale, dunkle Spur (dark lane) deutlich dünner, Hinweise auf Spiralstrukturen (spiral structures) werden zudem im östlichen Bereich der Scheibe sichtbar. Im Infrarotfilter F160W ist nahe dem Zentrum der westlichen Scheibe eine punktförmige Leuchterscheinung (compact emission) zu erkennen. Dabei handelt es sich um Wärmestrahlung aus dem heißen inneren Bereich der Scheibe, die am Staub gestreut wird.

IRAS 23 077+6707 wird als ein weiterentwickeltes Objekt vom Typ Herbig-Ae/Be klassifiziert – der junge, sich noch bildende Stern im Zenrum hat vermutlich einige wenige Sonnenmassen und ein Alter von unter zehn Millionen Jahren. Seine protoplanetare Scheibe beherbergt etwa die 10- bis 30-fache Masse von Jupiter: mehr als genug Material für die Entstehung massereicher Planeten.

Trotz der detaillierten Hubble-Aufnahmen bleiben zentrale Fragen offen, da zwischen optischen, infraroten und Radiobeobachtungen eine wichtige Datenlücke besteht. Künftige Messungen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) und dem Next Generation Very Large Array (ngVLA) im Infrarot- beziehungsweise Radiobereich sollen diese schließen und neue Einblicke in die Planetenentstehung liefern.

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