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Verhalten: Prüfender Blick

Der eine hat Parasiten, der andere Hunger - das ruft nach Kooperation zu gegenseitigem Nutzen. Als solche gilt denn auch die Allianz zwischen Putzerfisch und Kunde. Doch welchem Dienstleister kann Fisch vertrauen?
Putzerfisch mit Raubfisch
Mund-zu-Mund-Propaganda ist eine feine Sache. Wer verlässt sich nicht gern auf die Empfehlungen von Freunden und Kollegen hinsichtlich Pizzabote, Pannendienst und Psychotherapeut. Ihre Erfahrungen sind schließlich weit aussagekräftiger als die Fülle bunter Anzeigen im Telefonbuch. Werden wir gar selbst unbeteiligter Zeuge der Qualitäten, ist die Sache geritzt.

In diesem Punkt sind sogar Fische nur Menschen: Leistet ein Putzerfisch vor ihren Augen gute Arbeit, laden sie ihn eher zur Eigeninspektion ein als einen Artgenossen, dessen Kunde offenbar nicht so ganz zufrieden war. Denn konfliktfrei ist die Säuberungsaktion nicht: Den Putzerfischen mundet eigentlich die Schleimhülle ihres Kunden viel besser als knackige Parasiten, was diesen jedoch aus der Haut fahren und den Vorwitzigen vertreiben lässt – anknabbern abgelehnt.

Die Dienstleister scheinen sich der prüfenden Blicke dabei durchaus bewusst. Kaum findet sich ein Zuschauer ein, verhalten sie sich besonders brav und kooperationsfreudig. Ein Akt der Selbstlosigkeit oder Höflichkeit? Oder schlichter Eigennutz – wer will schon den nächsten potenziellen Kunden vergraulen? Schließlich ist ein trockener Parasitcracker im Maul immer noch sättigender als der einsame Traum vom Schleimsorbet und ein ständig knurrender Magen mangels Mahlzeitlieferanten.

Nun sind Freilandbeobachtungen schön, bestätigende Ergebnisse unter kontrollierten Bedingungen im Experiment aber noch besser. Also machten sich Redouan Bshary von der Universität Neuchâtel und Alexandra Grutter von der Universität von Queensland an die Arbeit.

Zunächst stellten sie die Kunden – Schärpen-Scheinschnapper (Scolopsus bilineatus) – auf die Probe. Ein Zuschauer konnte in benachbarten Aquarien verfolgen, wie zwei Artgenossen von Putzerlippfischen (Labroides dimidiatus) versorgt wurden. Der Trick an der Sache: Die Behandelten waren nur Modelle, in einem Fall mit Krabbenpaste beschmiert, im anderen Fall kahl. Die Putzkolonne hatte mit diesem Angebot bereits ihre Erfahrungen, weshalb der Krabbenpastenbeglückte besonders eifrig zu Werke ging, während der leer ausgegangene Artgenosse seinen vermeintlichen Kunden fast völlig ignorierte.

Das Theater zeigte Wirkung: Bekam der Schärpen-Scheinschnapper anschließend Besuch von den beiden, gestattete er nur dem Krabbenpastenköstling eine genauere Leibesvisite. Offenbar hatte er sich tatsächlich genau gemerkt, wer hier wie gut sein Handwerk verrichtete.

Und die Begutachteten? Hier griffen die beiden Forscher noch einmal in die Trickkiste, um den Einfluss unabhängig sichtbar zu machen. Sie servierten den Tieren erneut die Leibspeise Krabben auf zwei wasserverträglichen Silbertabletts – stellvertretend für den begehrten Schleim –, und fügten noch ein paar Flocken Fischfutter dazu, als Ersatz für die Parasitencracker. Sobald sich ein Putzerlippfisch an einer Krabbe vergriff – böser Fisch! –, entfernten die Forscher den jeweiligen Teller: vergraulter Kunde.

Den Einfluss des Zuschauers simulierten die Wissenschaftler, indem sie in einem weiteren Durchgang beim Schnabulieren eines Krabbenhappens gleich beide Teller entfernten: Nicht nur Original-Kunde ist verstimmt, auch der potenzielle Nachfolger wendet sich ab. Und siehe da, Putzerfische sind ja nicht dumm: Schnell lernten sie, sich mit Fischfutter zu begnügen, so sehr der Krabbencocktail auch lockte.

Indem sich die einen – die Scheinschnapper – also durch potenzielle Auftragsverweigerung gegen zu aufdringliches Putzpersonal wehren, zwingen sie dieses dazu, sich gegen die eigenen Vorlieben zu verhalten und mit Kost zweiter Wahl zu begnügen. Die so friedlich wirkende, einvernehmliche Kooperation eng Vertrauter entpuppt sich damit als misstrauisches Miteinander mit penibler Qualitätskontrolle. Was als freiwilliges Opfer interpretiert werden könnte – der Verzicht auf Schleimknabbern –, entlarvt sich als überlebensnotwendiges Kalkül.

Aber darin sind schließlich auch Menschen nur Fische: Homo sapiens ist ganz besonders bekannt für sein genaues Augenmerk darauf, wer sich in einer Gruppe wie stark und zu wessen Nutzen – oder Schaden – engagiert. Die jeweilige Erfahrung steuert dann grundlegend das eigene Verhalten dem Beobachteten gegenüber. Sogar Selbstlosigkeit ließe sich dann bei vorhandenen Zuschauern schnöde damit erklären, dass man so im Umfeld Steine im Brett sammelt, die bei entsprechender Gelegenheit zu hilfreicher Aktion von dessen Seite führen. An das Gute im Menschen darf man trotzdem glauben.

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