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Covid-19: Psyche in der Krise

Kontaktverbote, Quarantäne, Ausgangsperren: Die Corona-Krise bedroht nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere psychische Gesundheit. Manches kann sie aber vielleicht auch zum Besseren verändern.
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Am 22. März 2020 spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Grund der Coronavirus-Pandemie ein bundesweites Kontaktverbot aus. Auf die Straße dürfen Bürgerinnen und Bürger fortan lediglich zu zweit oder mit Personen, mit denen sie den Haushalt teilen. Zu allen anderen gilt es einen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. In Bayern ist das Verlassen der Wohnung vorübergehend sogar nur noch aus triftigen Gründen gestattet, etwa um zur Arbeit zu gehen, einzukaufen oder einen Arzt aufzusuchen. Kitas und Schulen sind geschlossen, Konzerte und Theatervorstellungen abgesagt. Dazu begeben sich immer mehr Menschen in Quarantäne, weil sie fürchten, sich mit Sars-CoV-2 angesteckt zu haben.

Schon zu Beginn der Maßnahmen ist abzusehen: Lockerungen wird es nur nach und nach geben. Wie lange welche Einschränkungen bestehen bleiben werden, ist unklar. Richtig weitergehen, so stellen es zumindest viele Experten in Aussicht, wird das öffentlich Leben wohl erst, wenn ein Impfstoff gefunden ist.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen stehen Menschen aus dem Gesundheitswesen wie Ärzte und Pflegekräfte, die ohnehin schon viel arbeiten und im Moment noch stärker gefordert sind. Anfang April meldete das Robert Koch-Institut (RKI) zum Teil mehr als 6000 Neuinfektionen pro Tag. Auch Eltern setzt die Pandemie unter Stress: So müssen viele neben der Arbeit nicht nur die Betreuung ihrer Kinder schultern, sondern diese auch noch daheim unterrichten. Das Coronavirus hat die Gesellschaft in eine Schieflage gebracht. Auf der einen Seite der Stillstand, auf der anderen die Arbeit am Limit oder besser gesagt: das ständige Bewusstsein, dass dieses Limit vielleicht bald erreicht werden könnte.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«.

Was macht so eine Krisensituation mit der Psyche? Welche Auswirkungen sind langfristig zu erwarten? Und was kann oder muss unternommen werden, um potenzielle gesundheitliche Schäden zu begrenzen?

Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Die Situation einer allein erziehenden Mutter, die im Krankenhaus als Pflegekraft arbeitet, kann man kaum mit der einer Ärztin vergleichen, deren Mann daheim im Homeoffice ist. Das Leben eines Singles ähnelt nicht dem eines Menschen in einer fünfköpfigen Wohngemeinschaft. Was sich sagen lässt: Die Angst in der Bevölkerung hat zugenommen. Anfang März 2020 gaben 21 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut YouGov befragten 2072 Personen an, Angst vor dem Coronavirus zu haben. Gut zwei Wochen später waren es schon 37 Prozent. Ende März und Anfang April machten sich laut einer Umfrage von infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend mittlerweile sogar mehr als 50 Prozent der Befragten Sorgen, sie könnten sich anstecken. Drei von vier Menschen sorgten sich um die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, etwa ein Drittel auch um die persönliche wirtschaftliche Lage.

Furcht vor Ansteckung und Zukunftsängste

Die Ängste vieler Menschen rühren nach Ansicht des Biopsychologen Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin (FU) vor allem daher, dass man das Virus nicht sehen kann und niemand weiß, ob er sich vielleicht schon angesteckt hat, demnächst anstecken wird und wie sich eine Infizierung überhaupt zuverlässig verhindern lässt. Wirksame Medikamente oder eine Impfung gibt es noch nicht. Was zum Schutz bleibt, sind Zuhausebleiben, Abstandhalten und Händewaschen. Dazu kommen existenzielle Zukunftsängste. Etwa weil Aufträge wegbrechen oder Menschen in Kurzarbeit sind und nicht wissen, wie sie am Monatsende ihre Miete zahlen sollen.

Das Problem: »Bedrohliche Situationen, die wir nicht vorhersehen und kontrollieren können, machen besondere Angst und setzen den Körper unter Stress«, erklärt Walschburger. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt fest: »Die derzeitige Krise setzt die Bevölkerung unter Stress.« Unter Anspannung produziert unser Körper Stresshormone wie Kortisol, die auf lange Sicht Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle begünstigen können. Das Risiko, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, etwa eine Depression, steigt ebenfalls an, wenn Menschen unter chronischem Stress leiden, wie Forscher um Huan Song in einer Studie beobachteten.

»Bedrohliche Situationen, die wir nicht vorhersehen und kontrollieren können, setzen den Körper unter Stress«
(Peter Walschburger, Freie Universität Berlin)

Das gilt auch für Krankenhauspersonal: In einer Untersuchung, die im Jahr 2014 im Fachblatt »Nature Medicine« erschien, stellte ein Team um Timo Heidt vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School in Boston beispielsweise fest, dass Ärztinnen und Ärzte, die auf einer Intensivstation in Boston arbeiteten und ihre Arbeit als sehr stressig empfanden, mehr Leukozyten im Blut hatten als weniger Gestresste. Diese weißen Blutkörperchen spielen bei der Abwehr von Krankheitserregern eine wichtige Rolle. Gibt es zu viele von ihnen, können sie jedoch an den Gefäßinnenwänden Entzündungen auslösen und die Arterien verstopfen, was wiederum das Risiko eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts erhöht.

»Prognosen lassen sich aus solchen Beobachtungen allerdings nicht ableiten«, sagt Walschburger. Dafür sei die aktuelle Situation in Deutschland viel zu ungewiss. Jeden Tag könnten neue Maßnahmen hinzukommen oder alte aufgehoben werden. Dieser Ansicht ist auch Lena Jelinek vom Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Für Menschen, die mit Unsicherheiten nicht gut umgehen können, sei die aktuelle Situation besonders belastend. Doch das bedeute nicht, dass sie dadurch krank werden müssen. »Möglich ist beispielsweise auch, dass das Stresslevel zwar auf der einen Seite steigt, dafür aber andere Stressoren wegfallen«, so Jelinek. Manche Personen freuten sich vielleicht darüber, ihren Chef nicht mehr jeden Tag sehen zu müssen und mehr Zeit mit den Kindern zu haben. Oder sie finden endlich Zeit zum Kochen. Die Psychologin will die Situation damit nicht verharmlosen, betont jedoch, dass jeder Mensch mit Gefühlen wie Angst und Unsicherheit unterschiedlich umgeht und dass Lebenssituationen individuell sind.

Weniger Nachrichten lesen, mehr Sport treiben

Für Menschen, die unter der Situation leiden, hat die WHO bereits am 27. Februar 2020 einen umfassenden Ratgeber für den psychischen Umgang mit der Pandemie veröffentlicht. Dort gibt es nicht nur Empfehlungen für die Allgemeinbevölkerung, sondern auch für Eltern, ältere Menschen und Krankenhausmitarbeiter. Ratschläge, die für alle gelten, sind etwa: Man solle den Konsum negativer Nachrichten reduzieren und auf sich achten, indem man gut schläft, gesund isst und die Bewegung nicht vergisst. Von Alkohol und Zigaretten als Bewältigungsstrategien rät die WHO ab. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten auch in Zeiten der Krise die Hilfe in Anspruch nehmen, die sie brauchen.

»Um die Krankenhausmitarbeiter vor zu starken psychischen Belastungen zu schützen, bereiten Kliniken sich außerdem vor«, berichtet Klaus Lieb vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung. Etwa, indem sie neue Schichtsysteme einführen, für genügend Ruhepausen der Belegschaft sorgen und Stationen einrichten, auf denen das Personal übernachten kann, wenn es Angst hat, zu Hause die Familie anzustecken. An vielen Kliniken würden zudem Hotlines eingerichtet, an die sich die Mitarbeiter bei psychischen Problemen wenden können. Ähnliche Maßnahmen wurden in Krankenhäusern in China relativ gut vom Personal aufgenommen, wie eine Untersuchung zeigt.

Umgang mit der Krise

Neben der WHO hat auch das Leibniz-Institut für Resilienzforschung auf seiner Homepage Informationen zusammengestellt, die das Leben in der Krise erleichtern sollen. Für Menschen in Quarantäne gibt es ein Informationsblatt des Robert Koch-Instituts. Dieses klärt über die rechtliche Situation auf und gibt zudem Tipps, die Betroffenen helfen, mit der psychischen Belastung umzugehen.

»Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die psychischen Belastungen deutlich gravierender wären, wenn es zu einer vollkommenen Ausgangssperre käme oder alle Menschen in Quarantäne müssten«, sagt Resilienzforscher Lieb. Wie Recht er damit hat, belegt eine Übersichtsarbeit des King's College in London, die im März 2020 im Fachmagazin »Lancet« erschienen ist. Um die Auswirkungen der Quarantäne zu untersuchen, analysierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen um die Psychologin Samantha Brooks 24 Studien, die unter anderem im Rahmen der Sars-Epidemie 2003 und der Ebolakrise 2014 entstanden. Studien zu Schülern, Studenten und Eltern wurden genauso eingeschlossen wie solche zur Allgemeinbevölkerung und zu Krankenhauspersonal.

Das Ergebnis: In der Allgemeinbevölkerung ging die Quarantäne bei vielen Betroffenen mit Angst, Nervosität und Unsicherheit einher, aber auch mit Depressionen. Verstärkt wurden die Symptome, wenn die Menschen nicht wussten, wie lange die Quarantäne andauern würde und ob sie infiziert waren. Eltern, die mit ihren Kindern unter Quarantäne standen, wiesen laut einer Studie aus Kanada und den USA zudem in 28 Prozent der untersuchten Fälle Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf; bei Eltern, die sich weiter frei bewegen konnten, waren es lediglich sechs Prozent. In den meisten Studien schienen die Symptome zwar nach der Quarantäne nachzulassen, bei einigen hielten sie jedoch an. Besonders gravierend war dies bei Krankenhausmitarbeitern, die in China unter Quarantäne standen. Bei ihnen bestanden die Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung sowie die Symptome einer Depression zwei Untersuchungen zufolge auch drei Jahre später, was sich unter anderem durch erhöhten Alkoholkonsum äußerte.

Stigmatisierung im Krankenhaus

Als mögliche Ursachen identifizierten Brooks und ihr Team etwa die Angst, sich anzustecken, das Wegfallen von Alltagsroutinen und sozialen Kontakten sowie unzureichende, teils widersprüchliche oder wenig hilfreiche Informationen von Behörden über die Notwendigkeit der Quarantäne. Dass die psychische Belastung bei einigen anhielt und bei anderen nicht, führen die Studienautoren und -autorinnen unter anderem auf die finanzielle Belastung zurück, die durch den Arbeitsausfall entstand. Krankenhausmitarbeiter berichteten zudem von Stigmatisierung: Aus Angst vor Ansteckung wurden sie von Freunden und Familie gemieden.

»Finanzielle Zukunftsängste sind ein großer Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Folgeerkrankungen«, sagt auch Resilienzforscher Lieb. Das Gleiche gelte für Stigmatisierung. Grundsätzlich geht er deshalb davon aus, dass alle in der Übersichtsarbeit beschriebenen psychischen Folgen ebenso hier zu Lande auftreten können. Eins zu eins könne man die Ergebnisse allerdings nicht auf Deutschland übertragen. Was etwa daran liegt, dass die zusammengefassten Studien aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Sozialsystemen kommen. Dieser Ansicht ist auch Psychologin Jelinek. So hat sie beispielsweise schon vor dem Kontaktverbot mitbekommen, dass manche Menschen kurz zurückschrecken, wenn man erzählt, dass man im Krankenhaus arbeitet. Mit einer Stigmatisierung sei das jedoch nicht zu vergleichen.

Bislang differenzieren Untersuchungen nicht, ob jemand freiwillig in Quarantäne geht und die Maßnahme generell befürwortet oder ob er dazu gezwungen wird. Eine Unterscheidung, die durchaus wichtig sein könnte. Denn Menschen, die sich selbst in Quarantäne begeben und soziale Kontakte meiden, übernehmen Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für ihre Mitmenschen. Und: »Das Gefühl, dass andere von der eigenen Situation profitieren, kann helfen, Stresssituationen leichter zu ertragen«, schreiben Brooks und ihr Team. Die gemeinschaftlich geäußerte Anerkennung wie etwa das allabendliche Klatschen vom Balkon für all die Menschen, die sich aktuell für das Wohl der Gemeinschaft einsetzen, kann laut Jelinek ebenfalls einen stabilisierenden Effekt haben. Für den Biopsychologen Walschburger bietet der aktuelle Ausnahmezustand sogar eine Chance für wachsende Solidarität: »Wenn die Jüngeren Verantwortung für die Älteren übernehmen, die Starken für die Schwachen, stärkt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt.«

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde am 21. April 2020 aktualisiert.

14/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2020

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