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Psychodiagnosen in der Ehe: Wie der eine, so der andere

Gleich und Gleich gesellt sich gern. Das gilt jedenfalls für bestimmte psychische Störungen – und für manche von ihnen ganz besonders, wie umfangreiche Daten aus drei Ländern nahelegen.
Ein Paar sitzt eng beieinander auf einer Bank am Fenster. Die Person links trägt eine Brille und ein gestricktes Oberteil, während die Person rechts ein orangefarbenes Hemd trägt. Beide blicken nach draußen, wobei die rechte Person den Kopf sanft auf die Schulter der linken Person legt. Die Szene wirkt ruhig und intim.
Seine Probleme, ihre Probleme – überzufällig häufig handelt es sich um die gleichen.

Ehepartner leiden überzufällig häufig unter der gleichen psychischen Erkrankung. Das schloss ein Forschungsteam aus den USA, Taiwan und Dänemark im Fachmagazin »Nature Human Behavior« aus großen nationalen Datenbanken. »Die Ähnlichkeiten zwischen den Ehepartnern sind konsistent, sowohl über Länder als auch über Generationen hinweg, was auf ein universelles Phänomen schließen lässt«, schreibt die Gruppe um den Mediziner Chun Chieh Fan von der University of California in La Jolla.

Das Team hatte Versicherungsdaten von rund fünf Millionen Ehepaaren aus Taiwan, knapp 600 000 aus Dänemark und mehr als 700 000 aus Schweden analysiert. Unter neun erfassten Diagnosen traten einige besonders häufig bei beiden Eheleuten auf, darunter Anorexie, Autismus und Zwangsstörungen. Schwächer war das Phänomen dagegen bei Depressionen und bei Angststörungen. Es gab auch Kombinationen aus zwei verschiedenen Diagnosen, die bei den Ehepaaren überzufällig häufig gemeinsam vorkamen, etwa Autismus und ADHS sowie Zwangsstörungen und Schizophrenie. Erfasst wurden außerdem bipolare Störungen und Substanzmissbrauch. Und für alle neun Diagnosen galt überzufällig häufig: wie der eine Ehepartner, so der andere.

Die Autoren bieten mehrere Erklärungen für das Phänomen an. Erstens: Menschen wählen bewusst oder unbewusst einen Partner mit ähnlichen Problemen, weil sie sich dann eher verstanden und verbunden fühlen. Zweitens könnte es sein, dass sich Menschen mit ähnlichen Problemen dieselbe Umwelt, zum Beispiel denselben Beruf, suchen und so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie einander begegnen. Drittens schränken bestimmte psychische Probleme womöglich die Partnerwahl ein: Wer nicht selbst unter der gleichen Störung leidet, könnte sich von dem mit ihr verbundenen Stigma eher abschrecken lassen.

Diese Theorien beruhen auf der Annahme, dass die Gemeinsamkeiten der Partnerschaft vorausgehen. Die Daten gaben darüber aber keinen Aufschluss. Es wäre ebenso denkbar, dass zwei Menschen zeitgleich ähnliche Probleme entwickeln, weil sie einander beeinflussen oder denselben Einflüssen ausgesetzt sind. Es könnten auch mehrere Faktoren zusammenwirken: Ähnliche Menschen finden leichter zueinander, bleiben eher zusammen und werden sich mit der Zeit noch ähnlicher – und was davon zutrifft, könnte überdies von der Diagnose abhängen.

Der Befund ist mehr als eine amüsante Randnotiz in der Partnerschaftsforschung. Denn wenn Eheleute die gleichen psychischen Probleme haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die gemeinsamen Kinder ebenfalls darunter leiden. Und das habe auch Folgen für etwaige Genanalysen, wie das Team schreibt: In der Regel gehe man davon aus, dass psychische Störungen bei Vätern und Müttern zufällig verteilt sind. Sofern das nicht der Fall sei – weil etwa Elternpaare überzufällig häufig unter den gleichen Problemen leiden – , müsse man den genetischen Anteil an psychischen Störungen anders berechnen als bislang üblich.

  • Quellen
Fan, C.C. et al., Nature Human Behavior 10.1038/s41562–025–02298-z, 2025

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