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Psychodiagnostik: Hochintelligente Menschen antworten anders

Wenn Menschen mit hoher und mit niedriger Intelligenz einen Depressionsfragebogen ausfüllen, bedeuten dieselben Antworten nicht zwangsläufig dasselbe.
Eine Person sitzt an einem Tisch und schreibt mit einem Stift auf ein Blatt Papier. Das Bild ist in einem warmen Licht gehalten, das die Szene beleuchtet. Der Fokus liegt auf der Hand, die den Stift hält, während der Rest der Person unscharf im Hintergrund bleibt.
Einen Fragebogen zu beantworten, erfordert eine gewisse Interpretationsarbeit.

Intelligenz und psychische Gesundheit hängen zusammen – doch wie genau? Das wollten drei polnische Forscher klären. Ihre Hypothese: je intelligenter, desto gesünder die Psyche. Doch sie stellten fest: Am oberen Ende der Skala ist es umgekehrt. Auf dem höchsten Intelligenzlevel fiel die psychische Gesundheit ab, anstatt weiter zu steigen.

Wie sie in der Fachzeitschrift »Intelligence« schildern, analysierten Stanisław Czerwiński und seine Kollegen von der Universität Danzig die Daten aus zwei US-Studien, in denen Tausende Personen Auskunft über ihr Befinden gegeben hatten. Die Studien bildeten einen IQ-Wert aus Testergebnissen zu mathematischen sowie sprachlichen Fähigkeiten. Außerdem erfassten sie die psychische Gesundheit mit bewährten Depressionsskalen, die zum Beispiel nach Stimmung, Schlaf und Appetit fragen.

Die polnischen Forscher führten statistische Tests durch, um die Depressionstests auf gängige Gütekriterien zu prüfen: Validität etwa bedeutet, dass der Fragebogen tatsächlich Depressionen erfasst. Erkennbar wäre das unter anderem daran, dass die einzelnen Antworten stets dasselbe bedeuten – auch bei unterschiedlicher Intelligenz. Deshalb berechneten die Wissenschaftler, ob sich eine Depression unabhängig von der Intelligenz stets in ähnlicher Weise in den Antworten zeigte. Doch das war nicht der Fall. Beide Depressionsfragebögen eigneten sich demnach nicht dazu, vergleichende Aussagen über die psychische Gesundheit unterschiedlich intelligenter Menschen zu treffen.

Wie ein Maßband aus Gummi

Der Befund lässt an Studien zweifeln, die mit diesen Instrumenten gearbeitet haben, ohne nach Intelligenz zu unterscheiden. Und er legt nahe, dass ein solches Depressionsscreening grundsätzlich fehleranfällig ist.

»Man kann sich das so vorstellen, dass wir Körpergrößen messen, aber das Maßband ist aus Gummi und verändert seine Länge«, erklärt Nicole Beaulieu Perez von der New York University, die Ungleichheiten in der psychiatrischen Gesundheitsversorgung erforscht, aber an der aktuellen Studie nicht beteiligt war.

»Hochintelligente Menschen denken anders über psychische Gesundheit nach«Stanisław Czerwiński, Psychologe

Die Studie kann nicht erklären, wie der Effekt zustande kommt. Czerwiński wundert sich jedoch nicht darüber: Fragebögen zu beantworten, erfordere viel Interpretationsarbeit, sagt er. »Hochintelligente Menschen denken anders über psychische Gesundheit nach, und sie erleben ihre Symptome anders.«

Fachleute brauchen demnach andere Instrumente, wenn sie Depressionen bei unterschiedlich intelligenten Menschen besser erfassen wollen. Forschende sagen, neue Ansätze könnten mit digitalen Schlaf- und Aktivitätstrackern oder mit »Experience Sampling« arbeiten. Das ist eine Methode, bei der Teilnehmende in zufälligen Abständen über ihr aktuelles Befinden Auskunft geben, statt im Nachhinein darüber zu urteilen.

Perez prüfte in einer weiteren Studie mehrere Depressionsskalen und fand bei nahezu allen keine ausreichenden Belege dafür, dass sie sich gemessen an den methodischen Standards über verschiedene Geschlechter und Kulturen hinweg bewähren. »Depression ist eines der am häufigsten gemessenen Konstrukte in der Wissenschaft, aber wir haben ein Messproblem«, sagt sie.

Czerwiński und sein Team hatten nur zwei Verfahren analysiert. Doch er meint, dass das Problem wahrscheinlich bei allen Depressionstests auftrete. Die Forschenden testen derzeit auch andere psychologische Merkmale. Bei Einsamkeit hätten sie bereits ähnliche Ergebnisse beobachtet, sagt Czerwiński.

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  • Quellen

Czerwiński, S. et al., Intelligence 10.1016/j.intell.2025.101963, 2025

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