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Sexuelle Gewalt in Beziehungen: »Sie glauben: Weil sie ein Mann sind, haben sie das Recht darauf«

Was geht im Kopf von Männern vor sich, die ihre Partnerinnen sexuell ausbeuten? Die Psychologin Judith Iffland hat solche Männer begutachtet und erforscht ihre Motive.
Eine stilisierte Silhouette einer Person vor einem roten Hintergrund. Die Silhouette ist schwarz, und mehrere rote Hände scheinen die Person zu umarmen oder zu greifen. Das Bild vermittelt ein Gefühl von Umklammerung oder Einengung und spielt mit Kontrasten zwischen den Farben und Formen.
Hinter vielen Übergriffen in der Partnerschaft steckt ein gefährliches Anspruchsdenken.

Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen langjährige sexualisierte Gewalt vor. Ähnlich wie der Fall von Gisèle Pelicot lässt dieser Vorwurf viele Menschen erschüttert und wütend zurück. Schließlich steht auch er für ein größeres Problem: Jede fünfte Frau in Deutschland erlebt im Laufe ihres Lebens sexuelle Gewalt durch einen (Ex-)Partner. Die Psychologin Judith Iffland hat als Forensikerin Hunderte Sexualstraftäter begutachtet – auch solche, die ihre Partnerinnen missbraucht haben – und erforscht ihre Motive. 

Frau Iffland,wenn Frauen Gewalt erleben, dann am häufigsten in ihrer Partnerschaft. Warum werden Männer in Beziehungen zu Tätern?

Die Hemmschwelle ist in Partnerschaften niedriger, weil eine Beziehung oder eine Familie ein geschützter Raum ist. Es herrscht Privatsphäre. Umgekehrt fällt es Betroffenen dadurch schwerer, Gewalttaten anzuzeigen oder sich jemandem anzuvertrauen.

Was geht im Kopf von Tätern vor – im Moment der Gewalt?

Genau diese Frage hat mich als Gutachterin auch immer umgetrieben. Leider findet man selten eine befriedigende Antwort. Die Täter können oder wollen dazu oft wenig sagen. Manchmal fehlt ihnen schlicht und einfach das Reflexionsvermögen, öfter aber werden sie mit einem Teil ihrer Persönlichkeit konfrontiert, den sie für sich nicht annehmen können. Ich habe nur vereinzelt Fälle erlebt, in denen Männer ganz klar beschrieben haben, was sie dachten oder fühlten. Das waren dann Gedanken wie: »Ich wollte es ihr zeigen. Ich bin der Mächtige, ich habe das Sagen. Immer bestimmt sie – aber jetzt lasse ich mich nicht mehr unterbuttern.«

Im Fall von Gisèle Pelicot bot ihr Ex-Mann sie anderen Männern zur Vergewaltigung im Internet an. Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen langjährige sexualisierte Gewalt vor. Unter Fernandes' Namen seien über Jahre hinweg Fakeprofile auf verschiedenen Onlineplattformen erstellt worden. Über diese Profile seien Männer aus ihrem beruflichen Umfeld kontaktiert worden und hätten unter anderem angebliche Nacktfotos und Sexvideos von ihr geschickt bekommen. Warum würde ein Mann so etwas tun?

Was viele Täter verbindet, ist eine bestimmte Form der männlichen sexuellen Anspruchshaltung – auf Englisch und in der Forschung spricht man von »entitlement«. Solche Männer glauben: Weil sie ein Mann sind, haben sie das Recht auf sexuelle Befriedigung, auch in ihrer Partnerschaft. Wenn ihnen dieses Recht vorenthalten wird, kann dies zu einer erheblichen Kränkung des Selbstwertgefühls führen, dann setzen sie es mit Gewalt durch. Die Forschung zeigt: Gerade bei Gewalt in Beziehungen spielt dieses Entitlement eine große Rolle, größer als zum Beispiel bei der Vergewaltigung von fremden Frauen.

Ist es nicht ein Widerspruch, den Besitz seiner Partnerin für sich zu beanspruchen und sie dann anderen Männern anzubieten?

Nicht zwangsläufig. Ich habe gerade eine neue Studie gelesen, in der Täter befragt wurden, die Deepfakes ihrer Partnerinnen erstellt und verbreitet haben. Ihnen ging es offenbar darum, Anerkennung zu bekommen – innerhalb einer männlichen Peergroup. Durch die anderen Männer wollten sie sich ihrer Männlichkeit und Dominanz vergewissern. Man könnte dies übersetzen nach dem Motto: »Schaut, was ich für eine Frau habe, das ist meine, über die kann ich verfügen.« Oder: »Seht, was ich für ein Mann bin, ich habe Macht, auch über meine Partnerin.«

Wie sehr prägt die Welt, in der ein Mann zum Mann wird, diesen Besitzanspruch?

Die Sozialisation spielt natürlich eine Rolle. Eigentlich würde man erwarten, dass diese Rolle heute, in der postmodernen Welt, kleiner wird. Doch gerade in den sozialen Medien kehren viele zurück zu diesen alten Normen. Andrew Tate, die Manosphere, die Incel-Community: Sie machen den Gedanken des Besitzanspruchs wieder populär.

Judith Iffland | Die Juniorprofessorin für Rechtspsychologie an der Medical School Hamburg hat viele Jahre lang forensische Gutachten verfasst, zur Prognose von Sexualstraftätern. Nun forscht sie vorwiegend zu: sexuellem Missbrauch, Frauenfeindlichkeit sowie »toxischen« Beziehungen.

Gerade erst erschien eine Metaanalyse, die belegt, dass frauenfeindliche Inhalte in Videospielen, Songtexten oder Pornos zu einer erhöhten Feindseligkeit gegenüber Frauen führen. Fast jeder konsumiert solche Inhalte auf die eine oder andere Weise, absichtlich oder unabsichtlich. Trotzdem wird nicht jeder Mann ein Täter.

Deswegen spricht man auch von tatbegünstigenden Einstellungen. Sexuelle Gewalt ist immer das Ergebnis vieler Variablen.

Welchen noch zum Beispiel?

Ich habe für eine Studie einmal Personen befragt, in deren Partnerschaften es zu sexuellen Grenzverletzungen kam: etwa den anderen anzufassen oder zu penetrieren, obwohl er es nicht möchte. Ein Teil dieser Grenzverletzungen ließ sich sehr gut durch die sogenannte dunkle Triade erklären.

Damit meinen Psychologen drei Charaktereigenschaften: Psychopathie, Narzissmus, Machiavellismus. In der Populärwissenschaft heißt es oft, sie beschrieben das Böse in uns.

Vor allem Machiavellismus erklärte in meiner Studie sehr gut, warum sich Männer aggressiv, dominant und sexuell übergriffig gegenüber ihren Partnerinnen verhielten. Gemeint ist damit eine gewisse Skrupellosigkeit und Bereitschaft zu tun, was nötig ist, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und die eigenen Ziele zu verfolgen, strategisch und manipulativ.

Zum Besitzanspruch kommt bei vielen Tätern also eine gewisse Kaltschnäuzigkeit dazu.

Und häufig auch eine bestimmte Familiengeschichte. In einer anderen Studie zeigte sich: Männer, bei denen eine Form des Entitlements erkennbar ist, wurden in ihrer Kindheit oft vernachlässigt. Ihre Bedürfnisse wurden nicht befriedigt – in der Partnerschaft holen sie sich das zurück.

Es gibt viele andere Studien, die das belegen. Nicht die Mehrheit, aber doch sehr viele Sexualstraftäter haben früh traumatische Erfahrungen gemacht.

Das ist mir auch in meiner Arbeit als Gutachterin immer wieder aufgefallen. In den allermeisten Fällen war da irgendetwas in der Kindheit oder Jugend. Nicht immer ein sexueller Missbrauch – das kommt in der Öffentlichkeit oft verzerrt an. Aber häufig eben emotionale Vernachlässigung. Oft sind Täter auch schon als Kinder durch antisoziales Verhalten aufgefallen: Weil sie ihre Eltern beklaut haben oder Mitschüler sexuell belästigt. Mir saßen allerdings auch schon Männer gegenüber, die eine ganz harmonische Kindheit hatten. Da habe ich mich auch gewundert, wo die Gewalt herkommt. Als Mensch sucht man immer nach schlüssigen Erklärungen; man findet sie nicht immer.

Auch die Anwältin von Dominique Pelicot argumentierte vor Gericht, Pelicot habe seine Ex-Frau Gisèle nur betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten, weil er eine traumatische Kindheit hatte. Solche Erklärungen klingen schnell nach Entschuldigungen.

Wir versuchen in der Forschung nicht, etwas zu entschuldigen, sondern immer nur zu erklären. Für die Schuldfähigkeit spielen Kindheitstraumata auch keine Rolle. Da geht es nur darum: War der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt psychisch krank? Und falls ja: Hat die psychische Erkrankung seine Handlungsfähigkeit eingeschränkt?

Wie häufig ist das der Fall?

Wir finden in der Forschung für die unterschiedlichen Tätergruppen teils sehr verschiedene Häufigkeiten. Eine große Studie aus dem deutschsprachigen Raum fand bei Sexualstraftätern allerdings bei über 90 Prozent mindestens eine psychische Störung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Männer schuldunfähig waren.

Geht es bei sexueller Gewalt eigentlich überhaupt um sexuelles Empfinden, um sexuelle Befriedigung?

Nicht unbedingt. Es gibt verschiedene Beweggründe, um Sex zu haben. Sexuelle Gewalt dient sehr oft dazu, Macht und Dominanz auszuleben. In meinen Gutachten tauchte dieses Motiv regelhaft auf.

Welche Motive noch?

Man kann grob zwischen zwei Tätergruppen unterscheiden. Zum einen: Männer, die eher antisoziale Motive verfolgen. Sie haben wenig Empathie, eine hohe Impulsivität. Viele haben bereits Vorstrafen – nicht nur Sexualdelikte, sondern auch andere Gewaltdelikte, Betrügereien oder Drogendelikte. Ihnen ist bewusst: Was sie tun, ist falsch, doch das ist ihnen egal. Manche tun es gerade deswegen. In der Psychologie nennen wir diese Eigenschaft »sensation seeking«: die Lust am Verbotenen oder daran, sich an der Grenze des Legalen zu bewegen. Im Fall von sexueller Gewalt können zum Beispiel Missbrauchsabbildungen oder Gewaltpornografien Nervenkitzel auslösen, den die Täter dann genießen.

Was charakterisiert die zweite Tätergruppe?

Diese Männer haben eher eine sexuelle Motivation, zum Beispiel ein zwanghaftes Sexualverhalten bis hin zur Sexsucht. Sex dient ihnen oft als Coping-Mechanismus: Sie nutzen ihn, um sich besser zu fühlen – wenn sie gelangweilt sind, wenn sie genervt sind, wenn sie sauer sind. Es gibt auch Täter, die ungewöhnliche sexuelle Interessen haben, sadistische, sadomasochistische oder fetischistische. Grundsätzlich sind solche Interessen normal, man findet sie auch in der allgemeinen Bevölkerung. Es gibt allerdings Menschen, die keinen Weg finden, sie sozial akzeptiert und einvernehmlich auszuleben – wie beispielsweise in der BDSM-Community. Täter werden dann diejenigen, die ihre sexuellen Interessen nicht kontrollieren können oder gerade durch die fehlende Einvernehmlichkeit erregt werden.

Ist dieser zweiten Gruppe von Straftätern ebenfalls egal, dass die Gewalt, die sie anderen antun, falsch ist?

Auch das ist unterschiedlich. Ich würde sagen: Sie sind häufiger reflektiert und empfinden oft Scham über ihren Kontrollverlust.

Laut einer Metaanalyse fallen Männer, die online Sexualstraftaten begehen, eher in diese zweite Kategorie: Sie haben häufiger ungewöhnliche sexuelle Vorlieben, dafür etwas mehr Empathie.

Das klingt für mich auch plausibel. Die Hemmschwelle ist bei Internetdelikten einfach niedriger. Ein Großteil dieser Internettäter scheint in der analogen Welt keine Delikte zu begehen.

Heißt das, dass digitale Delikte weniger schwerwiegend sind?

Auch von Internetgewalt können die Opfer traumaähnliche Symptome davontragen. Hinzu kommt, dass diese Form der geschlechtsspezifischen Gewalt gegenüber Frauen zunimmt.

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