Projektiver Test: Nette Menschen wären lieber ein Zebra als ein Löwe

Manchmal ist Psychologie nicht sehr kompliziert. Ein Forschungsteam in den USA hat Versuchspersonen einen Psychotest mit scheinbar harmlosen Kinderfragen vorgelegt: Wärst du lieber ein Löwe oder ein Zebra? Ein Fuchs oder ein Hase? Ergebnis: Wer sich immer für das stärkere Tier entscheidet, zählt eher nicht zu den netten Zeitgenossen. Das berichtet die Gruppe um Michael Robinson von der North Dakota State University in der Fachzeitschrift »Assessment«.
Der Psychologe hat den »Revised Animal Preference Test« gemeinsam mit Kollegen entwickelt, um auf Merkmale von Psychopathie wie Dominanzstreben, Furchtlosigkeit und Gefühlskälte schließen zu können, ohne direkt danach zu fragen. Zwölfmal müssen die Befragten dafür zwischen zwei Tieren wählen, wobei jeweils eines typischerweise die Beute des anderen ist. Den Höchstwert auf der »Raubtierskala« erhält, wer stets den Jäger anstelle seiner Beute wählt.
In einer Studienreihe erprobten die Forscher den Psychotest an rund 800 Studierenden. Ein Teil von ihnen beantwortete zusätzlich Fragen zum eigenen Sozialverhalten, ein anderer Teil spielte das »Diktatorspiel«, einen klassischen Verhaltenstest, bei dem jeder für sich entscheidet, wie viel von seinem Spielgeld (zwischen 10 und 1000 Dollar) er einem anonymen Mitspieler abgeben möchte. Und eine dritte Gruppe beantwortete mindestens fünf Tage lang jeweils um 12 und um 18 Uhr, welches von zwei Tieren (Falke versus Taube, Fuchs versus Hase) sie gerade lieber wären und wie sie sich an diesem Tag gegenüber anderen Menschen verhalten hatten.
Im Schnitt entschieden sich die Befragten in mindestens zwei Dritteln der Fälle für das stärkere Tier – die Männer noch häufiger, die Frauen seltener. Doch für beide Geschlechter galt gleichermaßen: Wer überdurchschnittlich oft den Jäger wählte, beschrieb sich selbst als weniger verträglich und weniger warmherzig. Diese Personen behielten im Diktatorspiel auch mehr Geld für sich als die Beutetiersympathisanten. Tagesschwankungen in den Vorlieben bestätigten das Bild: Wer mittags stärker dem Raubtier zugeneigt war, verhielt sich nachmittags unverträglicher – in umgekehrter Reihenfolge war das nicht der Fall.
Die Forschenden deuten ihren Psychotest als Fenster zu unbewussten Motiven. Eine Vorliebe für Raubtiere wäre demnach Ausdruck eines Raubtiercharakters – stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Der »Animal Preference Test« zählt damit wie der bekannte Rorschach-Test zu den sogenannten projektiven Verfahren, an deren Aussagekraft es allerdings begründete Zweifel gibt. Unklar ist unter anderem, inwieweit die Versuchspersonen den Sinn solcher Tests erahnen und ihre Antworten davon beeinflusst werden. Die vorliegende Studie hat zwar Hinweise darauf geliefert, dass die Entscheidung für den Jäger oder den Gejagten tatsächlich etwas über menschliche Verhaltenstendenzen verrät. Bei den Versuchspersonen handelte es sich allerdings überwiegend um weiße US-Studierende, und bei den Verhaltenstests ging es lediglich um Spielgeld, wie die Autoren einräumen. Der Test muss sich noch an einer breiteren Stichprobe und im realen Alltag bewähren.
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