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Psychotherapie im Gehen: Spazierstunde mit Therapeutin

Eine Psychotherapie nicht im Sitzen, sondern im Gehen durchzuführen, hat einige Vorteile: Die Bewegung hilft, auf neue Gedanken zu kommen und im Gehirn neue Verknüpfungen herzustellen.
Ein von Bäumen gesäumter Fußweg im Park, der über eine im Sonnenlicht weiß strahlende Brücke führt
Das gemeinsame Spazieren als Brücke: hinaus aus dem dunklen Gestrüpp der Gedanken, hin zu erhellenden neuen Einsichten.

Man kennt die Szene aus unzähligen Filmen: Ein Patient liegt beim Psychoanalytiker auf der Couch und spricht über seine Kindheit, während dieser sich Notizen macht und gelegentlich zustimmend brummt. Inzwischen hat sich das Bild verändert: Therapiegespräche finden heute in der Regel im Sitzen statt. Seit einigen Jahren etabliert sich in den USA jedoch eine weitere Variante – die Therapie im Gehen. Und diese »Walking Therapy« könnte tatsächlich manche Vorteile bieten: So soll die gemeinsame Fortbewegung den Austausch erleichtern und die Wirkung der Therapie verstärken.

Das Prinzip ist einfach: Therapeut und Patient verlegen die »Sitzung« nach draußen und gehen im Gespräch nebeneinander her. Ob über Wiesen, durch Wälder, Parks oder eine Stadt – ihr Dialog findet in Bewegung statt, wobei der Therapeut mit seinen gewohnten Methoden arbeitet.

Welche Vor- oder Nachteile diese neue Therapieform hat, wird derzeit noch untersucht. Im Jahr 2025 erschien eine Studie im Fachmagazin »Clinical Psychology and Psychotherapy«: Die Forschenden verglichen die Effekte der Walking Therapy mit denen klassischer Sitzungen bei 37 depressiven Männern. Beide Formen erwiesen sich als wirksam – die Therapiestunden im Freien führten jedoch zu noch etwas besseren Ergebnissen. Eine Fallstudie der Glasgow Caledonian University hatte bereits 2024 in der Zeitschrift »Counselling and Psychotherapy Research« über eine positive Wirkung der »Walk and Talk Therapy« bei fünf einzelnen Patienten berichtet.

Erfahrungsberichte

»Ich glaube, dass ich beim Spazierengehen etwas flüssiger spreche als in Innenräumen – es scheint den Druck aus dem Gespräch zu nehmen« (Steven, Patient)

»Wenn man in einem Raum sitzt und keinen Blick aus dem Fenster hat, neigt man dazu, sich ganz auf seine eigenen Gedanken und die eigene Sichtweise auf die Dinge zu konzentrieren; ein Spaziergang in der Natur hilft dabei, ein wenig Abstand zu gewinnen, da man dort mehr Freiraum und mehr Grün um sich herum hat« (George, Patient)

Quelle: Counselling and Psychotherapy Research 10.1002/capr.12847, 2024

So erlebte es auch Sophia. Mit 24 Jahren litt die Französin unter Ängsten, Stress und familiären Problemen; sie hatte das Gefühl, im Leben nicht voranzukommen. Zunächst suchte sie eine Psychologin auf, die im Sitzen arbeitete. »Dieser Ansatz hat mir überhaupt nicht gefallen: in einem Büro jemandem direkt gegenübersitzen. Wenn man zurückhaltend ist und einem das Reden nicht leichtfällt, ist das sehr schwierig.« Dann stieß Sophia zufällig auf die Praxis von Julie Passolunghi, einer Psychologin in Nizza, die Behandlung auch im Gehen anbietet. Sophia probierte es aus – und fühlte sich dabei wohler. »Das Gehen hat mir geholfen, spontaner zu sprechen. Ich fühlte mich weniger beobachtet als in einer Praxis.«

»Dass wir nebeneinandergehen, verändert die Dynamik. Wir begegnen uns auf Augenhöhe«Julie Passolunghi, Psychotherapeutin

Solche Effekte erklärt Julie Passolunghi mit einer veränderten Beziehung zwischen ihr und ihren Patienten. »Dass wir nebeneinandergehen, verändert die Dynamik komplett«, sagt sie. »Ich bin nicht diejenige, die alles weiß, und meine Patientin sitzt nicht da und nimmt jedes meiner Worte auf. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.« Beide sprechen ungezwungener: Es entstehen weniger peinliche Pausen; die gespannte Erwartungshaltung des Therapeuten und der Druck auf den Patienten sind vermindert. Die Worte fließen mit den Schritten mit.

Als Julie Passolunghi 2018 erstmals von therapeutischen Spaziergängen hörte, war die Methode in Frankreich noch kaum bekannt. Sie arbeitete damals in einer Beratungsstelle für junge Menschen in Clichy-sous-Bois, einem Vorort von Paris, und betreute eine 18-jährige Patientin. »Sie sprach einfach nicht mit mir, verharrte im Schweigen. Aber jedes Mal, wenn ich sie am Ende der Sitzung fragte, ob sie wiederkommen wolle, sagte sie Ja.«

Nach mehreren erfolglosen Treffen wusste Julie nicht mehr weiter. Vor ihr saß eine junge Frau, die offensichtlich ein großes Leid verspürte, doch sie fand keinen Zugang zu ihr. Schließlich gestand die Psychologin ihrer Patientin offen, dass sie feststeckte und keinen Weg sah, ihr zu helfen. Spontan schlug sie einen Spaziergang vor. Und als sie so durch die Straßen liefen, geschah etwas Unerwartetes: »Sie begann, mir von ihren Traumata und belastenden Erfahrungen zu erzählen. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier aus therapeutischer Sicht etwas sehr Wertvolles geschehen war.«

Seitdem bietet Julie Passolunghi regelmäßig solche Behandlungen an. Sie verfasste sogar einen Leitfaden zur Walking Therapy, um Kolleginnen und Kollegen die Umsetzung dieser Methode zu erleichtern.

»Beim Gehen entsteht ein Zustand, der etwas Meditatives haben kann. Der Geist wird freier«Christine Le Scanff, Sportpsychologin

Aber was könnte der Grund dafür sein, wenn sich Menschen beim Gehen leichter öffnen? Die Sportpsychologin Christine Le Scanff, Professorin an der Universität Paris-Saclay, erklärt das so: »Beim Gehen richten wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und unseren Atem. Daraus entsteht ein Zustand, der etwas Meditatives haben kann. Der Geist wird freier und konzentriert sich auf die eigenen Empfindungen.«

In diesem Zustand richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf das Hier und Jetzt, und es gelingt leichter, mentale Barrieren zu lösen, Gedanken und Gefühle frei auszusprechen. »Wie beim Meditieren lernen wir so, unsere Gefühle besser zu verstehen, sie anzunehmen, zu beobachten und emotional klüger mit ihnen umzugehen«, sagt Le Scanff. Das könne auch präventiv helfen, etwa bei einem drohenden Burn-out.

Für wen eignet sich eine Therapie im Gehen?

Julie Passolunghi ist nicht die Einzige, die die positiven Wirkungen der Behandlung im Gehen beobachtet hat. Auch die Psychologin Océane Médina aus der Region Lyon arbeitet seit etwa einem Jahr mit diesem Ansatz. »Ich betreue viele Menschen mit bipolaren Störungen oder mit ADHS und Kinder, denen es schwerfällt, längere Zeit in einer Praxis zu bleiben. Ich fand es schade, dass es so wenige Therapieformen gibt, bei denen der Körper in Bewegung ist.«

Sie informierte sich bei Kollegen in den USA und der Schweiz und begann anschließend, die Methode selbst anzuwenden. Besonders bei Menschen mit Angststörungen, ADHS oder Autismus beobachtete sie deutliche Verbesserungen. Besondere Vorsicht gilt hingegen bei Menschen mit Psychosen oder schweren Suchterkrankungen. Und bei Minderjährigen benötigt sie selbstverständlich die Zustimmung der Eltern.

Weil sich die Methode noch in der Entwicklung befindet und keine formale Ausbildung existiert, geht sie jedoch sehr vorsichtig vor. »Ich arbeite mit einem Kind zunächst mehrere Sitzungen in der Praxis, um zu sehen, ob es draußen überhaupt zuhören und mitarbeiten kann. Mit Kindern oder Jugendlichen, die weglaufen könnten, arbeite ich nicht draußen. Bevor ich Walking Therapy anbiete, prüfe ich sehr genau, wie psychisch stabil ein Kind ist und wie es wohl außerhalb der Praxis mit Impulsen umgehen wird.«

Unter freiem Himmel muss die Psychologin darauf achten, dass der feste therapeutische Rahmen erhalten bleibt. In einer Praxis erinnert alles an die professionelle Rolle des Therapeuten – von den Taschentüchern auf dem Tisch bis zur Anordnung der Möbel. Draußen müssen die Therapeuten das allein leisten. »Man muss sich auf die Worte des Patienten fokussieren und die Umgebung ausblenden. Das verlangt mehr Konzentration«, erklärt Océane Médina.

Auch organisatorisch entstehen neue Herausforderungen: »Ich kann keine Notizen machen. Außerdem arbeite ich gerne mit Materialien. Darum trage ich einen Rucksack mit Karten zur Gefühlsbestimmung bei mir.«

Die passende Umgebung

Für die Spaziergänge wählt Julie Passolunghi wechselnde Wege und Plätze aus, angepasst an die Bedürfnisse ihrer Patientinnen und Patienten. Océane Médina erkundet hingegen oft gemeinsam mit den Klienten die Parks in der Nähe ihrer Praxis. Grünflächen, Küsten und Berge eignen sich besonders gut; hier ist die therapeutische Wirkung bereits belegt. Grundsätzlich kann der therapeutische Spaziergang jedoch auch mitten in einer Großstadt wie Paris stattfinden.

Außerdem müssen Therapeuten bedenken, ob sich die Patienten dabei in ihrem gewohnten Umfeld bewegen. Julie bespricht deshalb vorab, wie sie sich verhalten, wenn der Patient unterwegs Bekannten begegnet. Manche von Océanes Patienten meiden aus diesem Grund bestimmte Orte – Jugendliche etwa möchten als Patienten meist nicht in der Nähe ihrer Schule gesehen werden.

Unabhängig vom Ort braucht es in der Regel eine Eingewöhnungsphase. Julie erinnert sich, dass sie anfangs befürchtete, die Gegenwart fremder Menschen auf der Straße könnte die Therapie stören. Doch sie stellte schnell fest, dass sie und ihre Patienten von etwaigen Passanten nicht weiter beachtet wurden und sie sich nur auf die Therapie zu konzentrieren brauchte.

»Beim Gehen entsteht ein Zustand, der etwas Meditatives haben kann. Der Geist wird freier«Christine Le Scanff, Sportpsychologin

Wenn die Fortbewegung einen therapeutischen Effekt hat, könnte das zum Teil an ihrer Wirkung auf das Gehirn liegen. Viele Menschen berichten, beim Gehen auf andere Gedanken zu kommen, und offenbar fördert die Bewegung auch das Sprechen. Forschende der Universität Taiwan etwa beobachteten, dass ihre Versuchspersonen beim Gehen eher neue Ideen entwickelten und sich flüssiger ausdrücken konnten.

Tübinger Wissenschaftler bestätigten das mit der Nahinfrarotspektroskopie, einem Verfahren, das die Hirnaktivität auch in Bewegung sichtbar macht. Sie zeigten damit, dass Menschen beim schnellen Gehen auf einem Laufband eine vermehrte Aktivität im Broca-Areal aufweisen – also in jener Hirnregion, die zentral für die Sprachproduktion ist.

Gleichzeitig setzen Nervenzellen einen sogenannten Wachstumsfaktor frei, in der Fachsprache kurz BDNF genannt. Eine Übersichtsarbeit der University of Cambridge aus dem Jahr 2025 zeigte, dass Menschen beim Gehen – sofern sie mindestens mit moderater Geschwindigkeit unterwegs waren – mehr BDNF produzieren als im unbewegten Zustand.

BDNF macht Nervenzellen anpassungsfähiger, sodass sie sich leichter neu verbinden können. Genau das hilft vielen Menschen, ihre Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. Wenn Menschen im Gehen sprechen, fällt ihnen demnach nicht nur das Reden leichter, sondern dank BDNF auch der Umbau neuronaler Netzwerke.

Selbst außerhalb einer Psychotherapie wirkt Gehen therapeutisch. Eine 2024 in »JMIR Public Health and Surveillance« veröffentlichte Analyse von 75 klinischen Studien zeigte, dass Gehen depressive und angstspezifische Symptome im Mittel deutlich minderte.

Der Mediziner Maxime Tréhout vom Universitätsklinikum Caen in der Normandie erklärt: »Wenn zwei Menschen mit Depressionen körperlich aktiv werden, verringern sich die Symptome mindestens bei einem von beiden deutlich. Das ist also eine therapeutische Maßnahme von großer Bedeutung.«

Gehen hilft folglich gleich auf zwei Arten: Es hebt die Stimmung, und es verstärkt die normale Wirkung einer Psychotherapie. Deshalb überrascht es nicht, dass die Therapie im Gehen zunehmend mehr Beachtung findet. Forschende verstehen immer besser, wie eng Körper und Gehirn zusammenwirken und wie die Bewegung das Denken fördert. Wer den Körper in Schwung bringt, bereitet das Gehirn auf Veränderung vor.

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  • Quellen
  • Dickmeyer, A. et al., Clinical Psychology and Psychotherapy 10.1002/cpp.70035, 2025
  • Juo, C.-Y., Yeh, Y.-Y., Frontiers in Psychology 10.3389/fpsyg.2016.01580, 2016
  • Khalil, M. H., Brain Sciences 10.3390/brainsci15030254, 2025
  • Metzger, F. G. et al., 10.1016/j.neuroscience.2016.11.0322017
  • Prince-Llewellyn, H., McCarthy, P., Counselling and Psychotherapy Research 10.1002/capr.12847, 2024

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