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Sexualforschung: Qualitative Höhepunkte

Um diesen Artikel nicht Opfer Ihres Spamfilters werden zu lassen, müssen im Vorspann einige Fachbegriffe leider draußen bleiben. Dabei geht es wirklich nur um wissenschaftliche Fakten zum Thema "Wie kommen Männlein und Weiblein möglichst effizient zu Nachwuchs - und haben auch noch Spaß dabei?"
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Das ganze Drumrum bei Mann sucht Frau und umgekehrt liefert immer wieder ausgesprochen medienwirksame Geschichten: Ist nun blond attraktiver als braun und eine gerade Nase wichtiger als angewachsene Ohrläppchen, welche Rolle spielt die Rolle um die Taille, und wo schaut wer als erstes hin – das Thema menschliche Partnerwahl scheint unerschöpflich. Sind die Balzrituale jedoch abgehakt, wird es etwas schüchterner in der Forschungsberichterstattung. Oder aber man greift verschämt auf die aussagekräftige bunte Welt possierlicher Tierchen zurück, die als Labormäuschen dann humanes Verhalten erklären sollen.

Nur ein Beispiel: Pornografie und ihr Einfluss auf den Vater in spe. Sieht ein Stichling vor dem tatsächlichen Akt Aufnahmen eines Konkurrenten bei der Damenbetörung, produziert er mehr Spermien als nach einem Video, das einen Geschlechtsgenossen bei der Hausarbeit zeigt (bei diesen Fischen hütet der Mann die Kinder). Ein solcher Einfluss auch bei Zweibeinern wäre natürlich nicht nur aus Sicht der medizinischen Fortpflanzungsindustrie interessant, die kinderlosen Ehepaaren zum begehrten Nachwuchs verhelfen will. In diesen Kreisen gab es daher schon einige Untersuchungen, ob entsprechende Bilder und Filmunterstützung ihre Erfolgsquote hebt. Mag die Vorstellung auch seltsam sein: Sie tun es – ein bisschen Porno steigert sowohl die Spermienausbeute als auch die Beweglichkeit der Samenzellen.

Aber warum? Dahinter steckt, so zeigen nun Sarah Kilgallon und Leigh Simmons von der Universität von Westaustralien in Crawley, bei Stichling wie Mensch gleichermaßen die Spermienkonkurrenz. Der sperrige Begriff beschreibt den aus der Tierwelt inzwischen gut bekannten Effekt, dass Männchen je nach Zahl möglicher Konkurrenten die Qualität ihres ergossenen Beitrags anpassen: Bei wenigen Mitbewerbern ejakulieren sie insgesamt mehr oder auch einfach nur beweglichere Samenzellen, klettert die Zahl der Rivalen aber zu stark, reduzieren sie ihren Aufwand wieder und suchen sich lieber eine weitere Kandidatin. Und dann ist da noch diese Literaturstudie einschlägiger Zeitschriften, derzufolge Männer eindeutige Männlein-Weiblein-Szenen mit Männerüberschuss anderen Darstellungen vorziehen.

Darum wollten die Wissenschaftler nun wissen, ob sich die bildliche Spermienkonkurrenz bei den menschlichen Betrachtern ebenfalls auf die Qualität des Ejakulats auswirkt. Also schickten sie gut fünfzig Uniangehörige mit Bildchen, Auffangbehälter und der Bitte nach Hause, im Laufe der nächsten Tage eine entsprechende Probe des Exempels in einer Tasche oder unter der Achselhöhle gut gewärmt vorbeizubringen. Vorbedingung waren eine vorherige sexuelle Abstinenz von mindestens 48 Stunden, aber auch nicht mehr als sechs Tagen.

Und siehe da: Die Macht der Bilder war eindeutig. Jene Teilnehmer nämlich, die zwei Männer mit einer Frau zugange betrachten durften, lieferten zwar beweglicheres, aber weniger reichliches Samenmaterial ab als ihre Kollegen, bei denen das Bild drei Frauen ohne männliche Begleiter zeigte. Kilgallon und Simmons vermuten, dass der Anblick von zwei Konkurrenten bereits zu viel ist für den Möchtegern-Kandidaten, und er sich daher auf das Notprogramm, wenn auch hoch qualitativ, beschränkt [1].

Nun, der Versuchsaufbau mag Mängel hinsichtlich der Praxisrelevanz aufweisen. Doch noch etwas kristallisierte sich heraus – zwar nicht neu, aber deshalb nicht weniger wichtig: Männer, die ihr Handy gern in der Hosentasche tragen, schneiden in beiden Merkmalen schlechter ab, ungeachtet der Porno-Unterstützung. Daneben ist noch eine überwiegend sitzende Tätigkeit, Rauchen und Alkohol schlecht für den Nachwuchswunsch, während moderater Koffeingenuss und eine verstärkte sexuelle Aktivität sowie eine Partnerschaft eher förderlich wirken.

Doch gehören zur ganzen Geschichte bekanntlich zwei, wenn auch die Rolle des Höhepunkts, bei Männern unabdingbar für die Familienplanung, bei Frauen eher kontrovers diskutiert wird. Zwar gibt es einige Studien, die auf die Bedeutung des weiblichen Orgasmus als hilfreich für den Spermienmarathon hinweisen oder seine enge Verknüpfung mit dem Menstruationszyklus demonstrieren, doch sexuelle Funktionsstörungen werden nach wie vor eher an männlichen Betroffenen untersucht. Und das, obwohl beispielsweise bei einer Befragung britischer Frauen ein Viertel berichtete, dass sie in den letzten drei Monaten nie oder nur selten einen Orgasmus erlebt hatten.

Das Problem ist also bekannt, allein es fehlt die Erklärung. Meist werden kulturelle, religiöse oder psychologische Faktoren angeführt – die Rolle des Partners taucht eher selten auf –, doch Kate Dunn von der Keele-Universität in Staffordshire und ihre Kollegen haben noch eine weitere Möglichkeit gefunden: Offenbar liegt der Höhepunkt auch in den Genen [2].

Die Forscher machten sich die riesige Zwillinge-Datenbank des TwinsUK-Registers zu Nutze und verschickten an tausende Frauen zwischen 19 und 83 Jahren Fragebögen zum Thema Sexualverhalten. In den über 4000 Antworten fanden sich knapp 1700 von Zwillingspärchen, die sowohl das Alter wie sonstige Faktoren betreffend als repräsentativer Bevölkerungsquerschnitt dienen können. 14 Prozent der Frauen erreichen demzufolge bei jedem Geschlechtsverkehr einen Orgasmus, und knapp ein Viertel immerhin in mehr als drei Viertel der Fälle. Ein Drittel der Antwortenden jedoch erleben den Höhepunkt nur selten oder sogar nie. Ein bisschen höher liegt die Erfolgsquote bei Masturbation, doch auch hier bleibt ein Fünftel der Frauen unbefriedigt.

Interessant dabei ist jedoch, dass die Antworten von eineiigen Zwillingen weit häufiger übereinstimmen als jene von zweieiigen Zwillingen. Der entscheidende Hinweis, dass tatsächlich die Gene ein Wörtchen mitreden beim sexuellen Höhenflug – und zwar kein geringes: Mit Hilfe ihrer statistischen Analyse kommen die Forscher auf einen Erblichkeitsanteil für Schwierigkeiten beim Orgasmus während des Geschlechtsverkehrs von 34 Prozent und von 45 Prozent für Masturbation.

Wie sich allerdings der biologische Einfluss im Körper der Betroffenen zeigt, welche organischen Folgen er hat – von anatomischen Variationen über Stoffwechselwege bis hin zur Rezeptordichte im Gehirn, die sich schließlich auf die Psyche der Frauen auswirkt –, das alles ist noch völlig unbekannt. Und wäre so doch ein neues, spannendes Forschungskapitel im ganzen Drumrum von Mann sucht Frau oder umgekehrt und danach. So es denn die Spamfilter überwindet.

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