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Verhalten: Räuber jagen mit der Beute

Nikobaren-Spitzhörnchen
Viele Tiere gehen gemeinsam mit anderen Arten auf Nahrungssuche, weil das für sie sicherer ist: Mehr Augen entdecken eher Feinde – jeder Einzelne kann also mehr Zeit ins Fressen investieren, weil er sich nicht ständig umsehen muss. Eine äußerst ungewöhnliche Allianz haben nun aber Meera Anna Oommen vom Centre for Herpetology in Mamallapuram und Kartik Shanker vom Indian Institute of Science in Bangalore auf den Nikobaren beobachtet: Im Regenwald der Inselgruppe fressen Räuber und potenzielle Beute tatsächlich Seite an Seite. Die heimischen Spitzhörnchen der Art Tupaia nicobarica jagen selbst dann noch nach Insekten, wenn sie unmittelbar von Sperbern begleitet werden – obwohl die Greifvögel durchaus die kleinen Säugetiere schlagen könnten.

Nikobaren-Spitzhörnchen | Ein seltenes Bild: Bislang wissen die Biologen nur wenig über die Tierwelt der Andamanen im Indischen Ozean. Wohl erstmals konnten sie dort nun nachweisen, dass die heimischen Spitzhörnchen tatsächlich die unmittelbare Anwesenheit von Sperbern dulden, sofern sich mit den Flaggendrongos noch eine weitere Art zu dem gemischten Schwarm gesellt. Während die einen auf die anderen aufpassen, profitieren alle von den Insekten, welche die Säuger aufschrecken.
Die Hörnchen wagen die Insektenjagd allerdings meist nur, wenn sie gleichzeitig von Flaggendrongos (Dicrurus paradiseus) begleitet werden: Diese großen Singvögel passen offensichtlich auf, dass die Sperber nicht die Hörnchen fressen, sondern sich auch nur mit Insektenkost begnügen – die allerdings von den Nikobaren-Spitzhörnchen auch in größerer Menge aufgeschreckt wird. Auf der anderen Seite profitieren auch die Drongos von der Nahrungssuche der Säuger, da sie ebenfalls aufgescheuchten Kerbtieren auflauern. Während dieser gemeinsamen Zeiten attackierten die Greifvögel nie ihre pelzigen Gehilfen, und genauso wenig bemerkten die beiden Biologen einen Angriff anderer Raubtiere. Die Anwesenheit der Drongos und womöglich auch der Sperber hielt sie auf Distanz.

Für die Spitzhörnchen hatte die höhere Sicherheit allerdings einen Preis: Sie ergatterten weniger Beute, weil Drongos und Sperber einen größeren Anteil wegschnappten. Bisweilen versuchten die Greifvögel auch, sich ohne die Drongos den Säugern anzuschließen. Dies wurde aber nur von Spitzhörnchenpaaren akzeptiert, die zudem größeren Abstand zu den Sperbern als sonst hielten und sich generell wachsamer zeigten. Der Zusammenschluss zum gemischten Trio erfolgt meist, indem Drongos den Kontaktrufen der Spitzhörnchen folgen, während die Greife wiederum von den lauten Singvögeln angelockt werden.

Oommen und Shanker vermuten, dass die Sperber im Lauf der Zeit gezielt ihre Taktik geändert haben: Wegen der wachsamen Drongos verspricht der direkte Angriff auf die Säugetiere wenig Erfolg. Stattdessen profitieren sie jetzt von der im Einzelnen wenig ergiebigen, aber auch weniger aufwändigen Jagd auf Insekten, die vor den umtriebigen Hörnchen fliehen. (dl)

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  • Quellen
Oommen, M., Shanker, K.: Shrewed alliances: mixed foraging associations between treeshrews, greater racket-tailed drongos and sparrowhawks on Great Nicobar Island, India. In: Biology Letters 10.1098/rsbl.2009.0945, 2009.

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