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Ökologie: Räubers langer Arm

Spinnen fressen Grashüpfer, und Grashüpfer fressen Gras - also beeinflussen die hungrigen Achtbeiner indirekt das Wohl und Wehe ihrer grünen Umgebung. So weit, so logisch. Dass Spinne dabei nicht gleich Spinne ist, interessierte bislang höchstens bei der Arteninventur. Doch das ist zu kurz gedacht.
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Die Natur ist ein ordentlicher Haushalt mit sauber geregelter Arbeitsteilung: Einfach formuliert, machen Pflanzen aus Licht und verschiedenen chemischen Zutaten vertilgbare Biomasse für Pflanzenfresser, die ihrerseits hungrigen Fleischfressern als Mahlzeit dienen. Wer stirbt, wird penibel von Bakterien, Pilzen und Konsorten recycelt, um so dem Grün dieser Erde den nötigen Nachschub für den Nährstoffcocktail zu liefern. Alles greift wie in einem gut eingespielten Team ineinander, obwohl die Beteiligten in zerstörerischer Zuneigung verhaftet sind.

Wer sich dieses Netzwerk vor Augen hält, dem wird schnell klar, dass nicht nur direkt der eine den anderen beeinflusst, sondern auch indirekt. Zu viele Räuber bringen die Pflanzenfressersippe in Überlebensnöte – und schon wuchert das Dickicht. Fällt dagegen der Tophungrige weg, thriumphiert die Vegetarierfraktion, und Kahlfraß droht. Natürlich wird dieses Bild dem komplexen Geschehen der Realität nur in Grenzen gerecht und taugt höchstens als Modellvorstellung. Mit aller gebührenden Vorsicht schien es dafür aber ausreichend.

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Jagdspinne | Pisaurina mira lauert auf ihre Opfer, die deshalb bestimmte entsprechende Plätze meiden und Pflanzen bevorzugen, die ihnen gute Versteckmöglichkeiten bieten.
Wie grob diese Lehrbuchskizze jedoch tatsächlich ist, beziehungsweise welche raffinierten Feinheiten Mutter Natur so im Beziehungsgeflecht von Fressen und Gefressenwerden versteckt hat, demonstrierte nun Oswald Schmitz von der Yale-Universität. Er nahm sich ein klassisches Ökosystem vor: eine Wiese, in typischer Weise besiedelt von Gräsern, Goldrute (Solidago rugosa), Klee und Co. An ihnen knabbert Melanoplus femurrubrum, ein "rotschenkliger" Heuschreck, der seinerseits von zwei Spinnenarten gejagt wird – der Springspinne Phidippus rimator und der Jagdspinne Pisaurina mira, die normalerweise etwa gleich häufig sind.

An diesem Verhältnis drehte Schmitz: In verschiedenen, nach außen abgegrenzten Versuchsflächen entfernte er jeweils eine der beiden Spinnen-Arten und beobachtete dann über drei Jahre hinweg, was geschah. Ruft man sich nun noch einmal das Modell ins Gedächtnis, könnte man achselzuckend zu dem Schluss kommen: Was soll schon passieren? Räuber sind da, Grasfresser sind da, Pflanzen sind da – da wird sich wohl nichts tun.

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Springspinne | Mit Phidippus rimator muss eine Heuschrecke immer und überall rechnen: Die schnellen, wendigen Springspinnen verfügen über ein hervorragendes Sehvermögen und sind ständig aktiv.
Tatsächlich aber geschah eine Menge: Unter Springspinnenherrschaft begann die Goldrute auf Kosten der anderen Kräuter zu wuchern, mit dem Effekt, dass die Eveness – ein Maß für die Dominanzstruktur einer Pflanzengesellschaft und damit auch die Biodiversität – um 14 Prozent sank. Dafür stieg aber die überirdische Biomasseproduktion um 163 Prozent und trotz gleich bleibender Zersetzungsrate auch die Stickstoff-Mineralisation, die um ein Drittel zulegte. Auch dahinter steckte die Verschiebung in der Häufigkeit der einzelnen Pflanzenarten: Das Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff verringerte sich, pro Grüneinheit stand also mehr des essenziellen Nährstoffes zur Verfügung.

Aber warum reagierte die Pflanzengesellschaft so unterschiedlich, obwohl sich doch am grundlegenden Aufbau Räuber-Pflanzenfresser-Grün gar nichts verändert hatte? Der einzige Faktor, der in den verschiedenen Experimenten variierte war – die Jagdstrategie der Spinnen. Phidippus als Springspinne ist ein aktiver, ruheloser Verfolger, mit dem eine Heuschrecke immer und überall zu rechnen hat. Oder anders herum gesagt: Es gibt kein sicheres Versteck. Ganz anders Pisaurina mira: Die Jagdspinne ist ein Lauerjäger, der sich an bestimmten Orten versteckt hält. Schlaue Heuschrecken wissen diese Ecken zu meiden und sich in die zwar weniger nahrhaften, aber sicheren Gefilde von Goldruten zurückzuziehen. Was diese dann allerdings mit heftigen Fraßschäden bezahlt.

Damit erweist sich das bisherige ökologische Modell, in dem Räubern immer dieselbe qualitative Rolle zugewiesen wurde, als mindestens diskussionswürdig – und in dem Moment als überarbeitungsbedürftig, wenn es um quantitative Schlussfolgerungen geht. Schmitz selbst wagt hier einen großen Sprung von Spinnen hin zu anderen Top-Prädatoren größeren Kalibers wie Löwe, Luchs und Leopard, die weltweit bedroht sind: Ihr Verlust hat womöglich viel weiter reichende Folgen, als Ökologen bislang befürchten. Ein Aspekt mehr, uns daran zu erinnern, dass wir nur Teil eines Teams sind, in dem wir zu Unrecht versuchen, die Führung an uns zu reißen. In einem ordentlichen Haushalt gehört sich das nicht.
16.02.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.02.2008

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