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Verhaltensforschung: Rangabzeichen im Gesicht

Welchen Rang eine Feldwespe innerhalb des Insektenstaates bekleidet, stellt sie in ihrer schwarz-gelben Gesichtszeichnung zur Schau. Versucht ein Mitglied der Kolonie, seine Artgenossen mit unehrlichen Qualitätsmerkmalen zu täuschen, drohen ihm soziale Sanktionen.
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Deutlich sichtbar präsentieren viele Tiere am Körper farbige "Abzeichen", die von ihrer Größe und Dominanz zeugen und somit ihren Rang innerhalb der Hierarchie widerspiegeln. Solche Signale erlauben Individuen schnell und ohne Aggression zu ermitteln, wer der Stärkere ist und wer besser nachgibt – vorausgesetzt, dass die Markierungen auf Ehrlichkeit beruhen. Hinterlistig wäre es, wenn sich ein untergeordnetes Individuum mit einem Symbol von hoher Stellung schmückt. Doch was hält die Tiere von derartigen Betrügereien ab, zumal die Produktion dieser Signale oftmals nur wenige Ressourcen kostet? Vermutlich wirken soziale Interaktionen abschreckend. Allerdings gelang es bislang nicht, den Beweis für diese These zu erbringen.

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Polistes dominulus | Die vielen Gesichter der Gallischen Feldwespe (Polistes dominulus): Die variablen Gesichtszeichnungen spiegeln nach Ansicht mancher Forscher die Qualität und den Rang des Trägers wider: Je fleckiger das Muster ausfällt, desto dominanter sei das Individuum. Die neue Studie konnte dies jedoch nicht bestätigen.
Auch die Gallische Feldwespe (Polistes dominulus) trägt in der Region direkt über dem Mund dunkle Markierungen, die je nach Individuum stark variieren: Mal handelt es sich um ein bis drei schwarze Flecken, mal sind die einzelnen Punkte zu einem großen gezackten Klecks verschmolzen. Mitunter fehlen die Verzierungen ganz. Da diese Art zu den sozialen Insekten zählt, die Nester mit vielen Königinnen bilden, fragten sich Elizabeth Tibbetts von der Cornell-Universität und James Dale von der Simon-Fraser-Universität, ob den Gesichtsmustern eine tiefere Bedeutung innewohnt. Denn die Angehörigen solcher Kolonien bestimmen die Hierarchie durch Kämpfe. Und die Gewinnerin, die so genannte Alpha-Wespe, darf mehr Eier legen und muss weniger arbeiten als die Artgenossen.

Um mögliche Signale solcher "Siegertypen" aufzuspüren, inszenierten die Wissenschaftler in kleinen Plastikgefäßen Auseinandersetzungen zwischen jeweils zwei nicht miteinander verwandten Feldwespen-Weibchen von gleichem Gewicht und zeichneten deren Verhalten auf. Die Kampfhandlungen erstreckten sich innerhalb eines Zeitrahmens von fünf Minuten bis zwei Stunden, wobei das dominante Individuum leicht zu identifizieren war: Die Beta-Wespe senkte schließlich ihre Antennen ab und erlaubte dem Alpha-Tier, auf ihren Kopf zu klettern.

Als die Forscher das Filmmaterial von 61 Wettkämpfen auswerteten, stellten sie fest, dass die Gewinner generell ein unterbrocheneres, fleckigeres oder welligeres schwarzes Muster in ihrem Gesicht trugen. Wies auch die unterlegene Wespe solche aufgelösten oder gesprenkelten Markierungen auf, fuhr das übergeordnete Insekt mit höherer Wahrscheinlichkeit fort, die Verliererin zu schikanieren.

Für die nächsten Experimente schminkten die Wissenschaftler je ein Versuchstier von neuen Pärchen um, sodass die Gesichtszüge fortan nicht mehr mit der wahren Qualität übereinstimmten: Mithilfe eines Zahnstochers fügten sie entweder neue Flecken hinzu, löschten existierende Punkte gänzlich aus oder trugen gelbe und schwarze Farbe auf, ohne das ursprüngliche Muster zu verändern. In den folgenden Zweikämpfen kristallisierten sich wiederum klare Hierarchien heraus. Doch die dominanten Wespen hörten danach nicht auf, aggressiv gegenüber den Unterlegenen zu sein, wenn deren manipulierte Zeichnungen einen falschen – sei es einen höheren oder niedrigeren – Rang vorgaukelten.

Dieses Ergebnis stützt eindeutig die Hypothese, dass mit unehrlichen Statussymbolen soziale Kosten einhergehen, denn die "betrügerischen" Artgenossen werden bestraft. Überraschenderweise verhielten sich auch die nicht behandelten Untergeordneten aggressiv gegenüber den bepinselten dominanten Tieren, egal ob deren Signal im Vergleich zu dem tatsächlichen Rang einen Auf- oder Abstieg vortäuschte. In zehn Fällen stürzte das "minderwertige" Weibchen sogar eine solche Gegnerin: Die Hierarchie kehrte sich um – ein Vorgang, der sich in Kämpfen mit unbehandelten Wespen niemals ereignete. Folglich störten veränderte Gesichtsmuster die Kontrahenten, exakte Informationen zur Dominanz auszutauschen.

Vermutlich existieren noch chemische oder Verhaltens-Signale über die Qualität der Wespen, die nicht mit einem manipulierten Gesicht übereinstimmen, spekulieren die Forscher. Übermittelt ein Insekt vermischte Zeichen, wird es bestraft. "Diese Art von Aggression hat andauernde Auswirkungen", hebt Tibbetts hervor. "Denn die Insekten haben weniger Zeit zu fressen und sich um den Nachwuchs zu kümmern." Zudem erhöht sich das Risiko, Verletzungen davonzutragen. Als nächsten Schritt planen die Forscher nun zu untersuchen, wie die Gesichtsmuster der Wespen andere Aspekte der sozialen Wechselwirkungen beeinflussen.
11.11.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11.11.2004

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