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Sprache: Rattenlatein

Von Affen wusste man es bereits und von Menschen sowieso. Aber auch Nicht-Primaten wie Ratten können die Feinheiten menschlicher Sprachen zielsicher heraushören.
"Ai shite imasu" klingt ein wenig anders als "Ik hou van jou". Auch wer die Botschaft nicht auf Anhieb versteht, wird doch sofort erkennen, dass es sich bei diesen kurzen Sätzen um zwei gänzlich unterschiedliche Sprachen handelt. "Ich liebe dich" hört sich auf Japanisch halt anders an als das holländische Gegenstück.

Auch Säuglinge, die ihrer Muttersprache noch längst nicht mächtig sind, nehmen die feinen Unterschiede in Rhythmus und Melodie menschlicher Sprachen wahr. Ja, sogar Affen sind dazu in der Lage, wie schon frühere Experimente an Tamarinen zeigen konnten. Aber Ratten?

Genau dies wollte Juan Toro wissen. Zusammen mit seinen Kollegen vom Wissenschaftspark in Barcelona machte der Doktorand Sprachübungen mit Ratten: Jeweils 16 Tiere lernten, einen Futterhebel zu betätigen, sobald sie einen fünf Sekunden langen Satz auf Holländisch oder auf Japanisch hörten. Wobei es sich eher um Pseudosprachen handelte, denn um jede Bedeutung von vornherein auszuschalten, spielten die Forscher ihren Tieren künstlich erzeugte Sequenzen vor, die nur den typischen Rhythmus des jeweiligen Idioms und dessen Sprachmelodie widerspiegeln sollten.

Nach dem Unterricht erfolgte der eigentliche Test. Und die Tiere zeigten sich als gelehrige Sprachschüler: Obwohl beide Pseudosprachen ähnlich klangen, reagierten die Japan-Eleven nicht auf Pseudo-Holländisch, sondern betätigten ihren Futterhebel nur bei fernöstlichen Klängen. Die niederländisch dressierten Ratten verhielten sich entsprechend umgekehrt.

Interessanterweise erkannten die Tiere auch echte japanische beziehungsweise holländische Sätze, die sie zuvor nie gehört hatten. Rückwärts gesprochene Sequenzen ließen sie dagegen kalt. Irritiert zeigten sich die Tiere auch, wenn verschiedene Menschen den gleichen Satz sprachen.

Nun wollen die Forscher aus ihren Ergebnissen nicht gleich den Schluss ziehen, dass Ratten menschliche Sprachen erlernen könnten. Aber die Fähigkeit, die typischen Eigenschaften der gesprochenen Sprachen zu erkennen, gehört zu den wesentlichen Voraussetzungen, um Sprachen überhaupt zu erlernen und muss daher schon bei unseren Vorfahren angelegt gewesen sein.

Dass auch Nicht-Primaten bereits über diese Fähigkeit verfügen, zeugt nach Ansicht von Toro lediglich von der allgemein hoch entwickelten Wahrnehmungsfähigkeit von Ratten und wäre demnach ein evolutionäres Nebenprodukt. "Ich liebe dich" werden Ratten ihren Artgenossen auch weiterhin auf ihre Art mitzuteilen wissen.
11.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11.01.2005

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