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Das aktuelle Stichwort: Rauchen und Feinstaubbelastung

Ruhig ist es geworden um das Thema "Feinstaubbelastung im Straßenverkehr" – wichtiger erscheinen nun andere Themen mit Kfz-Bezug wie etwa sparsamere Motoren oder Tempolimit zur Schonung des Klimas. Dabei ist die Thematik noch lange nicht vom Tisch, wie ein Blick auf die Seiten des Umweltbundesamtes enthüllt: Allein schon während der ersten sechs Wochen des Jahres 2007 wurden beispielsweise in der Düsseldorfer Corneliusstraße die Grenzwerte der Feinstaubbelastung von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an sieben Tagen überschritten, an Münchens Landshuter Allee und in der Brackeler Straße in Dortmund je sechs Mal – 35 Tage sollten es maximal im Jahr sein. Und auch außerhalb der Städte ist die Luft nicht unbedingt besser, denn am Sonntag lagen die Messwerte rund um Ulm oder im Oberrheingraben südlich von Karlsruhe zwischen 50 und 70 Mikrogramm.

All diese Zahlen verblassen allerdings gegen die Daten, die nun das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gesammelt und veröffentlicht hat. Die beteiligten Wissenschaftler maßen die Belastung der Raumluft mit Feinstaub, Schwermetallen, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen und anderen Substanzen in insgesamt 28 Diskotheken, Kneipen, Cafés und Restaurants im Großraum München und Augsburg. Sage und schreibe über 6000 Mikrogramm Feinstaub fanden sie in einzelnen Diskos, obwohl alle getesteten Einrichtungen über ein Belüftungssystem verfügten. Nur wenig besser schnitten Kneipen ab, in denen in der Spitze ebenfalls mehr als tausend Mikrogramm pro Kubikmeter auftreten können. Und auch wenn die Durchschnittswerte bei "nur" 200 Mikrogramm in Restaurants, 220 in Kneipen und rund 800 in Diskotheken liegen, so ist der Kontrast zum Straßenverkehr überdeutlich. Dort werden bereits ab Partikelgehalten in der Luft jenseits von 50 Mikrogramm erste Fahrverbote diskutiert und angemahnt – in Nichtraucher-Wohnungen liegen sie außerdem zwischen zwanzig und dreißig Mikrogramm.

Über den Feinstaub hinaus belasten zudem noch weitere Emissionen in hohem Umfang die Raumluft: Das krebserregende Benzol lag in einer Örtlichkeit im Maximum bei 64 Mikrogramm (Durchschnitt in Kneipen 8 bis 9, in Diskotheken 20 Mikrogramm), polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe – wahrscheinlich krebserregend – im Median zwischen 215 und 375 Nanogramm pro Kubikmeter und Kadmium bei 2,6 bis 9,7 Nanogramm, während die üblichen Konzentrationen des Schwermetalls in der Außenwelt nur zwischen 0,05 und 0,3 Nanogramm pro Kubikmeter rangieren. Alle diese Werte korrelierten sehr eng mit den nachgewiesenen Nikotin-Gehalten in der Luft und damit mit einer für Tabakrauch typischen Substanz. Und die gemessenen Konzentrationen liegen in einem Bereich, die den Einsatz von Gasmasken für die betroffenen Beschäftigten ratsam erscheinen lassen, wie Martina Pötschke-Lager vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg anmahnt.

Denn laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten bereits mehr als 10 Mikrogramm Feinstaubbelastung pro Kubikmeter Luft bei dauerhaftem Einwirken als krankmachend: Partikel, die weniger als 10 Mikrometer groß sind, gelangen unbehindert durch die Filterwirkung etwa der Nasenhaare bis hinein in die Lunge und deren Bläschen, wo sie vom Körper nur sehr langsam oder gar nicht mehr entfernt werden können. Dort lösen sie Entzündungen, Bronchitis, Asthma und im schlimmsten Fall Krebs aus. Teilchen, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind, schaffen es über die Lunge sogar bis ins Blut und fördern Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da sie die Bildung von Gerinnseln auslösen können. Verschiedene Studien zum Thema legen denn auch nahe, dass bei steter Feinstaubbelastung die Lebenserwartung pro 10 Mikrogramm pro Kubikmeter um jeweils sechs Monate sinkt. Zudem geht die WHO davon aus, dass nur aus diesem Grund jährlich rund 17 000 Todesfälle vorzeitig eintreten, eine EU-Studie geht sogar von 65 000 Toten aus.

In Diskotheken kommen vor allem zwei Dinge erschwerend hinzu: Zum einen erfordert das Tanzen ein häufigeres Atmen und zwingt oft auch zum tieferen Einatmen, sodass Schadstoffe tiefer in die Lunge verfrachtet werden. Zudem befinden sich gerade im Zigarettenrauch hohe Konzentrationen an Partikeln, die kleiner sind als 2,5 Mikrometer und damit besonders gefährlich. Die Messungen des Landesamtes bestätigen damit ein weiteres Mal ältere Untersuchungen zum Thema, die weiterhin eine ähnlich hohe Belastung in Raucherabteilen und Bistros von Fernreisezügen festgestellt hatten – in letzteren gilt mittlerweile immerhin ein Rauchverbot.

Ähnliche Maßnahmen schlagen nun das DKFZ, der bayerische Gesundheitsminister Werner Schnappauf und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Sabine Bätzing von der SPD für die Gastronomie vor. Am kommenden Freitag wollen darüber die Länderminister auf einem Gipfel in Hannover beraten. Ein umfassender bundesweiter Nichtraucherschutz in Gaststätten scheint allerdings nicht in Sicht, da es in den einzelnen Landesregierungen teils erhebliche Vorbehalte gibt. Niedersachsen plädiert beispielsweise dafür, das Rauchen in Kneipen, Bars oder kleinen Restaurants zuzulassen, wenn diese nicht die Möglichkeit hätten, separate Raucherzimmer einzurichten. Ähnlich argumentiert das Saarland. Alternativ hätte der Bund allerdings auch das Recht, das Rauchen in der Gastronomie über den Arbeitsschutz zu reglementieren und den Nichtraucherschutz durchzusetzen. Im Gegensatz zum Gaststättenrecht ist dies keine Ländersache.
20.02.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.02.2007

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