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Alexander Gerst und Josef Aschbacher: »Der Weltraum ist ein großes Projekt«

Europas Astronauten starten bisher in Russland oder den USA. Ein Modell ohne Zukunft. Warum Europa ein eigenes Raumschiff braucht, erzählen Astronaut Alexander Gerst und ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher im Interview.
Die Illustration zeigt den Weltraum.

Immer mehr Menschen reisen in den Erdorbit. Neben der Internationalen Raumstation gibt es eine neue Raumstation aus China, hinzu kommt ein wachsendes Angebot für touristische Flüge ins All. Auch Europa möchte weiterhin im Weltraum vertreten sein. Nach mehr als zwölf Jahren schrieb die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) im Frühjahr 2021 erstmals wieder Stellen für Astronautinnen und Astronauten aus. Die Resonanz war historisch hoch.

In dieser Umbauphase des europäischen Astronautenkorps diskutiert der ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher bereits den übernächsten Schritt: Auf der Europäischen Weltraumkonferenz im Januar 2022 hat er den versammelten Vertretern aus Politik und Raumfahrtindustrie in Brüssel die Zukunftsfrage präsentiert. Von wo aus sollen Europas Astronauten künftig starten? Wie international wird die Zusammenarbeit? Und warum braucht es eigentlich die Raumfahrt? Im Interview liefern Aschbacher und der deutsche Astronaut Alexander Gerst Antworten.

»Riffreporter.de«: Herr Gerst, Sie sind im Dezember 2018 von Ihrer zweiten Mission Horizons auf der ISS zurückgekehrt. Was machen Sie zurzeit?


Alexander Gerst: Ich trainiere weiterhin, halte mich fit und einsatzbereit für neue Missionen. Dann habe ich noch zwei weitere Jobs, und zwar kümmere ich mich für die Strategieabteilung der ESA um die Zukunft der Raumfahrt. Das ist die längerfristige Strategie für die Zeit nach 2030 im niedrigen Erdorbit, im Rahmen des Terrae-Novae-Programms.
Alexander Gerst | Der deutsche Geophysiker und Vulkanologe ist als Astronaut Teil der ISS-Expedition 56.

Dazu bin ich für das Lunar Gateway der Crew-Repräsentant des europäischen Astronautenkorps. Wir entwickeln das Europäische Service Modul ESM sowie die beiden großen Module ESPRIT und I-HAB für das Gateway. I-HAB ist ein Habitatmodul, in dem ebenso Wissenschaft stattfinden soll. Ich arbeite dafür eng mit unseren Ingenieurinnen und Ingenieuren zusammen, damit auch eine Crew darin leben kann. Es hilft ungemein, wenn dabei das Feedback von den Astronautinnen und Astronauten mit einfließt.

Die Ziele für die nächsten Jahre sind also abgesteckt: Das Lunar Gateway soll ab 2024 errichtet werden, während die Internationale Raumstation aus Europa weiter intensiv genutzt wird. Derzeit ist Ihr Kollege Matthias Maurer an Bord, der den Franzosen Thomas Pesquet abgelöst hat. Im April folgt dann die Italienerin Samantha Cristoforetti. Ende des Jahres könnte der ESA-Ministerrat der Verlängerung der Station bis 2030 zustimmen. Es läuft also eigentlich ganz gut?

Gerst:Im Moment sind wir Partner auf Augenhöhe. Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnten sehr erfolgreich mit unseren internationalen Partnern auf der ISS kooperiert. Wir haben dafür viele Beiträge geleistet, wie den Raumtransporter ATV, das europäische Columbus-Labor und zukünftig das neue Modul für das Lunar Gateway. Wir konnten dadurch die große Schwäche kompensieren, dass wir keine Menschen in den Weltraum schicken können, weil wir kein eigenes Trägersysteme dafür weiterentwickelt haben.

Josef Aschbacher | Der gebürtige Österreicher ist seit März 2021 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), deren Sitz sich in Paris befindet.

Herr Aschbacher, genau diese Frage sprechen Sie gerade gegenüber der Politik offensiv an. Warum braucht Europa aus Ihrer Sicht eine eigene Startgelegenheit für Astronautinnen und Astronauten?

Josef Aschbacher: Wir haben momentan ein Abkommen mit der NASA, um auch weiterhin Astronauten zur ISS zu fliegen sowie drei Astronauten auf das Gateway. Und das ist toll. Aber wenn man in die nächste Dekade schaut, das heißt, in die 2030er Jahre, stellt sich die große Frage: Wie geht es weiter? Die Internationale Raumstation in der heutigen Form wird es ja dann nicht mehr geben.
Von der NASA ist bereits angekündigt worden, dass kommerzielle Firmen Raumstationen oder Dienstleistungen der Raumstation im Erdorbit anbieten sollen. Und die Frage ist: Was macht Europa? Wird Europa dann sozusagen ein Zimmer im Weltraumhotel mieten und seine Experimente durchführen? Wird Europa etwas Eigenständiges machen? All diese Fragen sind Teil der Diskussion, die ich gerade mit Politikern anstoße. Ich habe noch keine Antworten, aber ich will, dass man sich mit diesen Fragen beschäftigt. Das ist meine Pflicht, und das will ich durch meine Aktivitäten erreichen.
»Wir sind als Europäer bei der Raumstation sehr, sehr, sehr gut weggekommen«
(Alexander Gerst, Astronaut)

Bisher hat Europa Flüge mit der NASA oder Russland mit eigens entwickelter Hardware bezahlt, mit der die ISS ausgestattet wurde, vereinbart über so genannte Barter-Verträge. Ist dieses Modell, die astronautische Raumfahrt in Europa zu organisieren, denn schlecht gewesen?

Gerst: Für die vergangenen 20 Jahre war es eine sehr gute Strategie. Man muss es einfach sagen: Wir sind als Europäer bei der Raumstation sehr, sehr, sehr gut weggekommen mit unserer Beteiligung von 8,2 Prozent des amerikanisch geführten Teils der Raumstation. Das ist ein kleiner Teil, und wir konnten dennoch viel Sichtbarkeit für die Raumfahrt und auch sehr viele wissenschaftliche Ergebnisse daraus abschöpfen.

Bei der ESA sorgen wir uns, dass diese Strategie leider nicht geradlinig weiterführt. Dadurch, dass sich die internationale Raumfahrtlandschaft ändert, müssen wir die Strategie anpassen. Da kommen wir gar nicht umhin. Wir müssen jetzt diese Entscheidung treffen, ob wir zurückfallen wollen oder ob wir vorne mit dabeibleiben. Wenn wir nichts tun, dann fällen wir diese Entscheidung zu Ungunsten von Europa. Das ist eben die neue Situation, auf die wir uns einstellen müssen.

Aschbacher: Die Barter-Verträge sind meiner Meinung nach ein sehr guter Deal für Europa gewesen, weil wir die Technologieentwicklung bei uns behalten, die Industrie in Europa fördern und dafür im Gegenzug Astronautenflüge bekommen. Wenn jetzt aber eine kommerzielle US-Firma eine Raumstation baut, dann wird sie die Station lieber komplett in Amerika bauen. Eine Beteiligung in Form von Hardware aus Europa ist da nicht mehr erwünscht.

Welche Optionen gibt es?

Aschbacher: Es geht von der Null- bis zur Maximaloption und alles dazwischen. Diese Diskussion will ich mit den Entscheidungsträgern im nächsten Jahr führen, natürlich in der Hoffnung, dass das zu einem Prozess führt, der dann in eine bestimmte Richtung geht. Heute kann ich Ihnen jedoch noch nicht sagen, was diese Entscheidung sein wird, aber ich hoffe, dass wir schon bald den Auftrag bekommen, die Fakten zu sammeln und die Optionen auf den Tisch zu legen.

Die Nulloption bestünde darin, die astronautische Raumfahrt aus Europa ganz aufzugeben. Auch dafür gibt es ja Argumente: Raumfahrt hat in unserer Zeit schon viele wichtige Aufgaben zu erfüllen, den Klimawandel mit Satelliten zu beobachten oder sichere Internetverbindungen herzustellen, wie es die Europäische Kommission derzeit mit einer eigenen Megakonstellation plant und in deren Entwicklung ebenfalls Mittel der ESA fließen dürften. Müsste man da nicht sagen: Andere Dinge sind wichtiger als der Flug von Astronautinnen und Astronauten?

Aschbacher: Es ist wahr, es ist eine Frage der Prioritäten. Ganz klar gehören Erdbeobachtung, Navigation oder Telekommunikation zum täglichen Bedarf, und die kann man eigentlich nicht anzweifeln. Die brauchen wir absolut. Die andere Frage ist natürlich, wie weit eine eigene Startgelegenheit in Europa wirklich das Budget verändern würde. Denn es wird sicher nicht so sein, dass das nur aus öffentlichen Geldern finanziert wird. Da müsste man sehr starke kommerzielle Partner hinzuziehen.

Eine europäische Raumfahrt ohne Astronauten würde bedeuten, Sie würden zu den Letzten ihrer Art gehören, Herr Gerst. Unvorstellbar?

Gerst: Man muss die Raumfahrt als Gesamtpaket sehen. Wir können auf der ISS Sensoren testen, bevor wir sie auf teuren komplexen Satelliten installieren. Wir haben zum Beispiel während meiner letzten Missionen den DESIS-Sensor für die Erdbeobachtung auf der ISS installiert. Den kann man auf diese Weise sehr viel günstiger testen und auch noch modifizieren, bevor er später auf einem Satelliten eingesetzt wird.

Man kann nicht einfach die Speerspitze der Raumfahrt abschneiden und hoffen, dass sich der Rest darunter noch weiterentwickelt. Das geht vielleicht eine Weile lang gut, aber es wird nicht auf Dauer gut gehen. Momentan gehören wir zu einem Klub von ambitionierten Nationen, der die astronautische Exploration betreibt. Wenn wir weiter am Tisch sitzen wollen, dann müssen wir auf Augenhöhe agieren und uns weiterhin den Respekt erarbeiten, indem wir eigene Entwicklungen in diese Kooperation mit einbringen. Das haben wir erst kürzlich wieder bei der NASA gesehen. Wir haben in Europa das Servicemodul für das Orion-Raumschiff entwickelt, mit dem Menschen zum Lunar Gateway fliegen werden. Das hätten wir nicht gekonnt, wenn wir uns diesen Respekt nicht jahrelang in der astronautischen Raumfahrt erarbeitet hätten.

Und da wir über Investitionen sprechen: Es ist von unabhängigen Wirtschaftsprüfern gezeigt worden, dass jeder Euro, den wir in die astronautische Raumfahrt investieren, um den Faktor zwei in die Gesellschaft zurückfließt. Man müsste also eher fragen: Können wir uns das leisten, nicht in astronautische Raumfahrt zu investieren?

»Die Vereinigten Staaten wären heute nicht da, wo sie ohne Mondlandung stünden«
(Josef Aschbacher, ESA-Chef)

Aber wofür ist astronautische Raumfahrt gut? Das müssen Sie sicher in den nächsten Monaten gegenüber der Gesellschaft und der Politik sehr genau erklären.

Gerst: Viele Wissenschaftsdisziplinen haben verschiedene Lücken, die man auf der Erde nicht füllen kann. Dafür braucht man Labore in Schwerelosigkeit. Da geht es um neue Materialien, das Verständnis von Pflanzenwachstum, unser Immunsystem oder die Quantenphysik. Wenn wir diese Lücken nicht schließen, dann geht es in der Wissenschaft auf der Erde nicht weiter.

Dazu kommt die internationale Zusammenarbeit, die sich daraus ergibt, dass man mit Partnern auf anderen Kontinenten zusammenarbeitet und dabei so manchen ideologischen Abgrund überbrücken kann. Mein erster Flug war 2014 während der ersten Ukraine-Krise. Wir haben im Erdorbit trotzdem gut zusammenarbeiten können. Damit ist die Raumfahrt auch ein Stabilitätsanker. Sie verhindert vielleicht, dass man wirklich Verbindungen trennt und es dann auf der Erde zu Schlimmerem kommt.

Der letzte und eigentlich wichtigste Grund ist die Inspiration. Das erlebe ich jeden Tag, wenn ich mit Schulklassen arbeite. Ich sehe das in den großen Augen der Mädchen und Jungen, wenn ich sage: »Ich bin in den Weltraum geflogen, das könnt ihr schon lange.« Sie erkennen dadurch ganz neue Möglichkeiten und werden so vielleicht inspiriert, wie ich damals auch, Wissenschaftlerin oder Ingenieur zu werden, Pilotin oder Mediziner und dann irgendwann sogar Astronautin oder Astronaut. Wir sind darauf angewiesen, dass wir die junge Generation inspirieren, damit die sich weiterbildet und ein Ziel hat.

Wie realistisch ist es, dass sich die ESA-Mitgliedsstaaten entscheiden, ein eigenes Raumschiff für astronautische Flüge zu entwickeln?

Aschbacher: Wir sind die Weltraumagentur Europas und koordinieren schon heute die technologische Zusammenarbeit zwischen einzelnen Ländern. Um die Optionen zu diskutieren, haben wir Mitte Februar einen Space Summit in Toulouse anberaumt.

Ein gestaffeltes Treffen der für die Raumfahrt relevanten Vertreter in der EU-Kommission und des Ministerrats der ESA.

Aschbacher: Genau. Von dort wird es sicher wichtige politische Signale geben. Ich hoffe, dass wir dann vielleicht ein Jahr Zeit haben, um uns mit den verschiedenen Partnern Gedanken zu machen. Alle Länder sind in diesem Prozess bedeutsam, und ich werde mit jedem Land einzeln diskutieren. Was sind die Vorstellungen? Was sind die Erwartungen? Was sind die Einschränkungen? Und dann müssen wir ein Konzept erarbeiten, das wirklich für alle passt und das dann zum Vorschlag bringen.

Man darf darüber nicht vergessen, dass der Weltraum ein großes Projekt ist. Wir haben das beim Apollo-Programm und der Mondlandung in den 1960er Jahren deutlich gesehen. Die Vereinigten Staaten wären heute nicht da, wo sie ohne Mondlandung stünden. Genauso erwarte ich einen enormen Einfluss auf die Politik Europas. Auch wenn Europa sich entscheidet, nicht mitzumachen, wird das einen Einfluss auf den Kontinent haben. Und all das müssen wir abwägen. Deshalb will ich genauso Experten heranziehen, die nichts mit dem Weltraum zu tun haben, sondern sich mit Geschichte oder Wirtschaft befassen, um das Thema wirklich von allen Seiten zu beleuchten.

Das Interview ist während zweier Einzelgespräche auf der European Space Conference in Brüssel entstanden und wurde zur besseren Lesbarkeit bearbeitet.

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