Direkt zum Inhalt

Raumfahrt: Das Debakel der Rakete New Glenn

Bei einem Triebwerkstest am 29. Mai 2026 explodierte die Rakete New Glenn von Blue Origin. Neben der Rakete selbst wurde auch die Startrampe durch die gewaltige Explosion weitgehend zerstört. Das hat weitreichende Folgen für die NASA und das Artemis-Programm.
Eine Rakete hebt von einer Startrampe ab, umgeben von Rauch und Flammen. Im Vordergrund ist Wasser zu sehen, auf dem mehrere Boote schwimmen. Der Himmel ist klar, und die Szene zeigt den Moment des Starts mit sichtbarem Schubstrahl.
Am 29. Mai 2026 verging das vierte Exemplar der Großrakete New Glenn bei einem Triebwerkstest in einer mächtigen Explosion. Was sind die Folgen für die NASA und das Artemis-Mondprogramm?

Eine Trägerrakete des Typs New Glenn von Blue Origin befand sich am 29. Mai 2026 auf dem Startkomplex 36 (LC-36) der Cape Canaveral Space Force Station in Florida, um sich einer Kombination aus Test-Countdown (wet dress rehearsal) und einem direkt anschließenden statischen Prüflauf der Triebwerke von etwa 20 Sekunden Dauer zu unterziehen. Die New Glenn war vollbetankt; an Bord befanden sich mehr als 1000 Tonnen an flüssigem Methan, flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff. Der Test-Countdown war nicht problemfrei verlaufen, aber gegen 3 Uhr MESZ (21 Uhr Ortszeit am 28. Mai) war er am Zeitpunkt T-Zero angelangt und der Probelauf der Triebwerke setzte ein.

Was dann genau schiefging, ist bis dato noch unklar. Zunächst kam es zu einer Explosion an der Basis der Rakete. Weniger als eine Sekunde später folgte eine weitere Detonation im Bereich der zweiten Stufe. Sekundenbruchteile später wurde die Rakete vollständig von einer Flammenwand eingehüllt. In der feuchten Luft Floridas war die Stoßwelle deutlich sichtbar. Als die gleißende Helligkeit zurückging, war die Rakete verschwunden. Auch der Transporter-Erector – das System, mit dem die Rakete auf die Rampe transportiert und aufgerichtet wird – war nicht mehr da, genauso wie einer der mehr als 100 Meter hohen Blitzableitertürme.

Die ungeheure Explosion war für einen kurzen Moment in weiten Teilen Floridas sichtbar. Selbst im 250 Kilometer entfernten Fort Myers an der Golfküste flammte der Lichtschein am Osthimmel auf. Es war die energiereichste Einzelexplosion, die Cape Canaveral jemals erlebt hatte.

Die Explosion der Rakete New Glenn am 29. mai 2026

Schlimmer konnte es kaum kommen …

Für Blue Origin ereignete sich der Unfall zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, machte sich das Unternehmen doch gerade daran, die erste von 24 äußerst zeitkritischen Missionen für das Leo-Projekt von Amazon abzuarbeiten. Hier müssen knappe Termine eingehalten werden, sonst verfällt womöglich die Lizenz für Amazons Internet-Satellitenkonstellation.

Aber auch für das Artemis-Mondprogramm der NASA hätte die Detonation der New Glenn zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Gerade einmal 48 Stunden nachdem die NASA neue Details zur Umsetzung der im März verkündeten Pläne für eine Mondbasis veröffentlicht hatte, musste die Behörde jetzt diesen Rückschlag hinnehmen.

Die NASA peilt derzeit das Jahr 2027 für die Durchführung der Mission Artemis III an. Diese führt in einen niedrigen Erdorbit, bei dem die Astronauten an Bord des Orion-Raumschiffs Rendezvous- und Andockmanöver entweder mit dem Lunar Starship von SpaceX oder dem Lander Blue Moon Mark 2 von Blue Origin, am besten jedoch mit beiden, durchführen sollen. Letzterer muss mit der New Glenn in die Umlaufbahn transportiert werden. Neben diesem bemannten Einsatz sind im Vorfeld des Flugs Artemis IV, bei dem im Jahr 2028 die erste Mondlandung des Programms erfolgen soll, noch eine Reihe unbemannter Missionen zu absolvieren. Auch da spielt Blue Origin mit der New Glenn eine entscheidende Rolle.

Eine New Glenn kurz vor dem Start |

Im November 2025 lief alles glatt: Die zweite New Glenn transportierte die NASA-Marssonden des Programms ESCAPADe ins All.

Bei diesen Vorbereitungsflügen werden neben der Landefähre Blue Moon Mark 1 von Blue Origin auch der Griffin-1-Lander von Astrobotics und ein weiterer Lander von Intuitive Machines eingesetzt. Um deren Bedeutung für das Artemis-Programm zu betonen, hatte der NASA-Administrator Jared Isaacman die Missionen dieser Sonden als Moon Base 1, 2 und 3 genannt. Mit Abstand wichtigstes Element dieser Dreiergruppe ist dabei Moon Base 1. Die ist nichts anderes als ein Testflug des unbemannten Landers Blue Moon Mark 1, der im Sommer oder Frühherbst 2026 mit der New Glenn zum Mond fliegen sollte. Der Lander Mark 1 ist zum einen ein Frachter, mit dem ausgewählte Komponenten im Vorfeld von Artemis IV in deren zukünftiges Landegebiet verbracht werden sollten. Zum anderen ist er aber auch der Vorläufer des Landers Mark 2, mit dem später Astronauten zur Mondoberfläche fliegen sollen.

Der Lander Mark 1 in einer Vakuumkammer zum Test |

Im Mai 2026 wurde der erste Prototyp des Landers Mark 1 von Blue Origin in einer Vakuumkammer in Houston unter Weltraumbedingungen getestet.

Den Mark-1-Lander hatte die NASA ausgewählt, um damit – nach seinem hoffentlich erfolgreichen Testflug – zwei jeweils etwa eine Tonne schwere Rover zum Mond zu transportieren. Dafür hatte die Behörde erst im Frühjahr einen Auftrag an Blue Origin im Wert von fast einer halben Milliarde Dollar vergeben. Bei einer weiteren zusätzlichen Landung soll der Lander ein komplexes, robotisch fahrendes Forschungslabor mit der Bezeichnung VIPER auf dem Mond absetzen. All das zusammen bedeutet: Die New Glenn wird für nicht weniger als vier wichtige Mondmissionen innerhalb der nächsten anderthalb Jahre dringend benötigt.

Der Mondrover VIPER der NASA |

Der Volatiles Investigating Polar Exploration Rover (VIPER) soll mit einer New Glenn und einem Mark-1-Lander von Blue Origin in der Nähe des Landegebiets der Mission Artemis IV abgesetzt werden, die derzeit für Ende 2028 geplant ist.

Ein katastrophaler Anblick

Inzwischen erfolgte eine erste Bestandsaufnahme der Schäden an der Startanlage 36. Wie zu erwarten, gaben sich die Manager von Blue Origin optimistisch. Laut Firmenchef Dave Limp will das Unternehmen noch vor Ende 2026 die nächste New Glenn auf die Startrampe bringen.

Limp erklärte inmitten der Ruinen der Startanlage 36, es gebe einige vielversprechende Neuigkeiten zu berichten. Neben dem Wasserturm der Anlage sei beispielsweise die so genannte Tankfarm mit den Treibstoffvorratsbehältern in gutem Zustand. Auch einige weitere Komponenten der Bodeninfrastruktur bezeichnete er als reparabel.

Bei anderen Elementen sieht es dagegen schlecht aus: Der sogenannte Transporter-Erector, die Kombination aus Startturm und Transporter, die die New Glenn zur Rampe transportiert und dort aufrichtet, wurde vollständig zerstört. Zusammen mit der Rakete verschwand er buchstäblich von der Bildfläche. Anstelle dieser Struktur soll nun etwas Neues kommen, das Dave Limp noch ziemlich vage als »alternatives vertikales Betriebskonzept« bezeichnete. An dem, so Limp weiter, arbeite man ohnehin schon seit einiger Zeit.

Blue Origin hat außerdem angekündigt, die Produktion von Erst- und Zweitstufen – die gerade im Hochlaufen war – unvermindert weiterzuführen. Die produzierten Fluggeräte sollen bis zur Reparatur der Startanlage 36 eingelagert werden.

Wie geht es weiter?

Angesichts der immensen Schäden an der Startrampe erscheint mir eine so schnelle Wiederherstellung der Flugbereitschaft unwahrscheinlich. Ich bin mir ziemlich sicher: Wir werden in diesem Jahr keinen weiteren Start einer New Glenn erleben. Jared Isaacman lässt derzeit untersuchen, ob der Transport des Landers Blue Moon Mark 1 auch mit einer anderen Rakete möglich ist. Doch da ist das Angebot sehr begrenzt.

Hinsichtlich der Nutzlastkapazität könnte die Falcon Heavy vom Konkurrenten SpaceX durchaus einen Blue-Moon-Mark-1-Lander in eine Mondbahn bringen; allerdings gibt es eine ganze Reihe limitierender Faktoren. Die Mark-1- und Mark-2-Lander benötigen eine Nutzlastverkleidung mit sieben Metern Durchmesser. Die Schutzhülle der Falcon Heavy verfügt aber nur über einen Durchmesser von 5,2 Metern. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Lander von Blue Origin mit flüssigem Sauerstoff und flüssigem Wasserstoff betrieben werden. Dafür ist die Infrastruktur an der Startanlage 39A des Kennedy Space Center – quasi der Heimatbasis der Falcon Heavy – jedoch nicht ausgelegt.

Mit dem Unfall an der Startanlage 36 in Cape Canaveral ist der Mond für die Amerikaner wieder ein gutes Stück in die Ferne gerückt. Und es gibt noch einen Punkt, der die NASA gehörig unter Druck setzt: Das Testprogramm für das chinesische bemannte Mondprogramm läuft derzeit wie am Schnürchen.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.