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News: Rauschhafte Bewegungsmotivation

Computerspiele und Haschisch, Kokain und Fernsehkonsum, Marathonlaufen, Ecstasy und Schuheinkauf: Die Liste der Dinge, die angeblich süchtig machen, ist lang und extrem bunt gemischt. Gibt es bei den Reaktionen auf all diese "Rauschmittel" tatsächlich wissenschaftlich belegbare Parallelen?
Maus im LaufradLaden...
Höchstleistungen sind fast immer das Resultat zweier alter Bekannter: Zuckerbrot und Peitsche. Für letztere sorgen dabei oft äußere Zwänge – ein drängelnder Chef in Kombination mit näher rückenden Terminen etwa –, die süße Belohnung dagegen liefert sich unser Körper dankenswerterweise auch schon einmal selbst. Zuständig dafür sind im Gehirn fest verdrahtete Belohnungsroutinen – eine Art interner Zuckerbäcker.

Für eine Gehirnregion mit so freundlichen Aufgaben scheint das neuronale Belohnungszentrum in unseren Köpfen allerdings mitunter eine recht schlechte Presse zu haben. Der Grund: Es ist leicht von seinen nützlichen Auswirkungen abkoppelbar; und eben hier setzten die fatalen, suchtfördernden Wirkungen von allerlei Drogen an. Kokain etwa, Ecstasy oder Morphine lösen über die körpereigenen Belohnungsschaltkreise Leerlauf-Wohlgefühle aus, die man bald nicht mehr missen möchte und durch regelmäßigen Drogennachschub einfordert.

Fatale Endstation einer solchen Spirale nach einer längeren zunehmenden Desensibilisierung des Körpers gegen das Rauschmittel ist das so genannte "Craving", ein Zustand, in dem die Gier nach der Droge völlig vom scheinbaren Genuss des Konsums abgekoppelt ist. Nur noch Peitsche eben, ohne Aussicht auf Zuckerbrot.

Craving als Folge körpereigener Umbauprozesse der neuronalen Schaltkreise scheint dabei ein nicht nur als Folge chronischen Drogenkonsums aufzutreten, sondern eigentlich immer wenn die für interne Belohnung zuständige Gehirnregionen häufig und längerfristig gereizt werden. Logische Schlussfolgerung: Erfolg könnte tatsächlich süchtig machen. Oder auch Sport, schließlich steht auch regelmäßiges motiviertes Training im Verdacht, neuronale Belohnungsroutinen zu aktivieren.

An der Universität von Wisconsin in Madison wollten Justin Rhodes und seine Kollegen darüber Näheres erfahren. Sie untersuchten dazu Mäuse – mit ähnlichen gehirneigenen Belohnungsregionen ausgestattet wie Menschen – , die durchaus als Sport-Junkies bezeichnet werden könnten: einen Mäusestamm, der seit Generationen nahezu besessen in Laufrädern turnt und dazu mittlerweile wohl eine genetische Veranlagung erworben hat.

Die Laufleistung dieser Jogging-Junkie-Mäuse ermittelten die Wissenschaftler zunächst über sechs Tage in einem Fitness-Studiokäfig mit dauerhaftem Zugang zum Laufrad: Wie erwartet, rannten die genetisch dem Laufen zugeneigten Nager durchgehend viel länger und ausdauernder als durchschnittliche Kontrollmäuse.

Am siebten Tag verwehrten die Forschen dann einer Hälfte der Renn-Mäuse den gewohnten Zugang zum Laufrad und ermittelten fünf Stunden später – die rennende Mäusehälfte war da gerade auf dem Höhepunkt ihres täglichen Laufpensums – bei beiden Versuchsgruppen das Aktivitätsniveau verschiedener Hirnregionen, ausgewiesen durch die jeweilige Konzentration der bei neuronaler Aktivität vermehrt exprimierten Fos-Genprodukte.

Eigentlich sollte bei den rennenden Mäusen das Belohnungszentrum angeregt sein – stattdessen aber zeigten sich gerade bei den gezwungenermaßen ruhig gestellten Tieren hektische Gehirnaktivität. Besonders stark war diese in jenen Gehirnregionen, die auch bei drogenabhängigen Ratten und Mäusen auf Entzug ihres Suchtmittels ansprechen. Ganz eindeutig also war der Stamm der Renn-Mäuse massiv "sportabhängig" und zeigte zudem deutliches craving: rennverhinderte Mäuse waren offensichtlich Getriebene, rennende wurden im Laufrad aber nicht länger ordentlich durch ihr Belohnungszentrum beglückt.

Ob ähnliche Konstellationen auch bei Menschen möglich sind, müsse nun noch eingehender erforscht werden, meint Rhodes. Zumindest beim Sport ist es im übrigen bei Menschen ein weiter Weg bis zur unsinnigen Entkoppelung von Gier und Genuss, die nur noch zur Belastung des Einzelnen und seiner Umgebung führt: Ein Jogger, der täglich um fünf Uhr morgens im Park seine Runden dreht, mag manchem merkwürdig erscheinen, stört aber wohl nur seinesgleichen und tut seiner Gesundheit meist doch eher Gutes. Und schließlich spürt die Mehrzahl aller Sportler am Ende eines Dauerlaufs im Grünen, dass das Belohnungszentrum durchaus arbeitet, wie es soll: mit einem zufriedenen Kick in den Tag. Na, wenn das nun süchtig macht – sei's drum.

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