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Leben mit Kind: »Ich habe wahnsinnig um meine verlorene Freiheit getrauert«

Kinder gelten als großes Glück – doch nicht alle Eltern empfinden so. Einige bereuen ihre Elternschaft und kämpfen mit Druck oder Schuldgefühlen. Wie kann ein guter Umgang mit der Situation gelingen?
Eine Frau hält ein Baby auf dem Arm und schaut nachdenklich aus einem Fenster. Die Szene ist in warmem Licht gehalten, das durch das Fenster fällt.
Eltern zu werden, ist für viele überwältigend – und mitunter auch überfordernd.

Bianca Ebers* sitzt auf einem Sessel inmitten ihres Wohnzimmers. Auf dem Arm hält sie ihr wenige Wochen altes Baby. Es schreit und weint, die winzige Faust an die Brust der Mutter gedrückt. Ebers’ Körper ist erschöpft, Tränen rinnen über ihre Wangen, tropfen lautlos auf das weiche Köpfchen ihres Kindes. Sie trägt Kopfhörer, hört Musik, um zumindest ein wenig abschalten zu können und sich an ihr altes Leben zurückzuerinnern.

Es ist dieses Bild, an das sich Ebers rund 13 Jahre später erinnert. »Ich habe sehr früh Reuegefühle bezüglich meiner Mutterschaft entwickelt. Eigentlich bereits während der Schwangerschaft«, sagt die heute 47-Jährige. Vor allem der Verlust ihrer Autonomie habe ihr zugesetzt. »Ich habe wahnsinnig um meine verlorene Freiheit getrauert. Das Leben verändert sich so sehr, wenn man Mutter wird. Man kann es kaum in Worte fassen.«

Besonders in den ersten Monaten nach der Geburt fühlte sie sich oft überstimuliert. »Ich habe gestillt, mein Baby lag immer auf mir, war wahnsinnig fixiert auf mich. Mein Körper gehörte nicht mehr mir. Ständig klebte jemand an mir.«

»Das Leben verändert sich so sehr, wenn man Mutter wird. Man kann es kaum in Worte fassen«Bianca Ebers*, Mutter

Nachts kuschelte sich die Tochter an sie. Und sie habe dabei ständig den Gedanken gehabt: »Ich will das gerade nicht«. »Manchmal schob ich sie weg, hatte dann aber ein schlechtes Gewissen«, erinnert sie sich.

Auch die Partnerschaft habe sehr darunter gelitten. »Ich habe versucht, mit meinem Mann über meine Reuegefühle zu reden, aber er hatte leider nur wenig Verständnis für mich.« Die Hormone spielten verrückt, zusätzlich übte ihr Partner Druck auf sie aus. »Nur drei Wochen nach der Geburt sagte mein Mann zu mir: Wann siehst du eigentlich wieder so aus wie früher? Wann können wir mal wieder was unternehmen? Das hat mich wahnsinnig verletzt«, sagt Bianca Ebers, die seit inzwischen zwei Jahren getrennt vom Vater ihrer heute 13-jährigen Tochter lebt.

Dennoch lenkte sie ein und machte die Ausflüge mit – für die ihr erschöpfter Körper gar keine Energie hatte. »Ich war so vulnerabel und hatte Angst, sitzengelassen zu werden mit dem Kind.« Rückblickend betrachtet sei das ein Fehler gewesen. »Ich hätte mit der Trennung nicht so lange warten sollen. Der Großteil der Sorgearbeit blieb ohnehin an mir hängen. Ich war bereits in meiner Ehe einsam.«

Rückfall in alte Rollenmuster

Vor der Geburt lebte das Paar sehr gleichberechtigt. Das habe sich mit Kind drastisch geändert. »Wir sind in alte Rollenmuster gefallen. Er verdiente mehr, und ich blieb deswegen zu Hause. Ich dachte mir damals, ich finde mich in den 50er-Jahren wieder.« Mehrfach suchte sie das Gespräch mit ihrem Mann, wollte Veränderungen im Alltag bewirken. »Aber es artete immer wieder in Streit aus. Er verstand nicht, wie viel Arbeit das Leben mit Kleinkind bedeutete.«

Eines Tages stieß sie auf das Buch »Regretting Motherhood« der israelischen Soziologin Orna Donath. Es handelt von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Zum ersten Mal fühlte sich Ebers verstanden. »Ich las das Buch in einem Café und hätte mir damals am liebsten eine Tüte über den Kopf gezogen. Es war ein Tabuthema, ich habe mich geschämt«, erinnert sie sich.

»Ich liebe mein Kind über alles, aber ich hasse die Mutterrolle«Bianca Ebers*, Mutter

Die Autorin des Buchs sorgte im Jahr 2015 mit ihrer nicht repräsentativen Studie weltweit für Aufsehen. Sie befragte 23 israelische Mütter zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle. Das Ergebnis: Obwohl sich die Mehrheit der Frauen bewusst für Kinder entschieden hatte, bereuen sie ihre Entscheidung im Nachhinein. Die Frage »Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?« beantworteten alle 23 Frauen mit »Nein«. Weltweit stieß Donath damit eine kontroverse Debatte an. Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood teilten viele Frauen ihre eigenen Erfahrungen mit.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus? Das Marktforschungsinstitut YouGov führte 2016 eine Umfrage durch. Demnach stimmten 20 Prozent der Aussage zu: »Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich keine Kinder mehr bekommen wollen.« Die Gründe reichten von der Einschränkung der persönlichen Entfaltung und der Aufopferung für die Kinder und die Familie über fehlende Betreuungsmöglichkeiten bis hin zu verpassten Karrierechancen.

Im letzten Jahrzehnt haben sich mehrere Studien aus der Psychologie, Soziologie und den Gesundheitswissenschaften der elterlichen Reue gewidmet. Das Phänomen betreffe eine beträchtliche Minderheit der Eltern und beeinflusse deren Wohlbefinden und Familiendynamik, fasst ein Team um Konrad Piotrowski von der Universität Warschau in einer 2026 veröffentlichten Übersichtsarbeit zusammen. Es sei wichtig, besser zu verstehen, wie Betroffene mit der Unumkehrbarkeit ihrer Lebensentscheidung umgehen, wie sie sich an die Situation anpassen und was ihre Belastung verringern kann.

Die Psychologinnen und Psychologen haben ein theoretisches Modell entwickelt, das erklären soll, wie Bedauern über die Elternschaft entsteht und wie es zu einer anhaltenden, die eigene Identität berührenden Erfahrung wird. Am Anfang stehen bestimmte Auslöser und Risiken, beispielsweise starker Stress oder eine Diskrepanz zwischen den vorherigen Erwartungen an die Zeit mit Kind und der tatsächlichen Situation. Auch wahrgenommene Opportunitätskosten – die entgangenen Vorteile eines kinderlosen Lebens – spielen mitunter eine Rolle. Diese Faktoren können ein vorübergehendes Bedauern erzeugen, was mit einer emotionalen Belastung und kontrafaktischem Denken (»Was wäre, wenn …«) einhergeht. Gelingt es Betroffenen nicht, die Gefühle und Gedanken zu regulieren (zum Beispiel durch eine Neubewertung der Situation und das Gefühl von Sinnhaftigkeit), verstärken und verfestigen sich diese.

Wer ambivalente Gefühle zugibt, erntet oft Kritik

Fälle wie der von Bianca Ebers begegnen Isabel Lippert häufig. Die Sozialpädagogin und systemische Therapeutin berät in ihrer Praxis in Leipzig Frauen, die bereuen, Mutter zu sein. Das Thema sei weiterhin stark tabuisiert. »Viele besuchen die Seite zu Regretting Motherhood auf meiner Website, melden sich dann aber nicht. Das ist bei anderen Angeboten anders«, sagt Lippert. Dennoch erkennt sie ein gesellschaftliches Umdenken – Ambivalenzen in der Mutterschaft werden häufiger diskutiert, auch in sozialen Medien. »Doch Frauen, die offen darüber sprechen, ernten oft Kritik und werden als ›Rabenmütter‹ diffamiert.«

»Es gibt ein völlig überzogenes Mutterbild«Isabel Lippert, systemische Therapeutin

Viele Frauen kommen mit ganz anderen Anliegen in ihre Praxis, etwa Kindheitstraumata. Manche erkennen erst spät, dass die Mutterrolle sie belastet, andere hingegen sehr früh. »Es ist sogar schon einmal vorgekommen, dass eine schwangere Frau sich zu befürchteten Reuegedanken beraten ließ, weil sie bereits so früh spürte, wie viel Raum das Thema Mutterschaft plötzlich in ihrem Leben einnimmt und ihre sonstige Rollenidentität zu schwinden beginnt«, erinnert sich Lippert.

Gesellschaftlicher Druck als entscheidender Faktor

Die Gründe für diese Reue seien vielfältig. Als entscheidenden Faktor sieht Lippert aber den gesellschaftlichen Druck: »Es gibt ein völlig überzogenes Mutterbild. Jeder hat eine Meinung dazu, wie sich eine gute Mutter zu verhalten habe«, sagt sie. Frauen berichten ihr von Gynäkologen, die sie bedrängen, weitere Kinder zu bekommen, weil der Körper so gut geeignet wäre. »Fast, als wäre es eine Verschwendung von ›Rohstoffen‹ und der Körper einer Frau sei zur Allgemeinnutzung bestimmt.« Auch die Sozialisierung spiele eine Rolle: In manchen religiösen Kreisen gilt es als Privileg, viele Kinder zu haben. Dabei hat sich der Alltag von Frauen verändert. Mütter spüren einen großen gesellschaftlichen Druck und sollen mehr verschiedene soziale Rollen ausfüllen als früher, etwa trotzdem Karriere machen. Doch das überzogene Bild der perfekten Mutter bleibt.

Das kann Ebers bestätigen. Was sie an der Debatte stört? »Manche denken, dass man sein Kind nicht lieben würde, wenn man die Mutterschaft bereut.« Doch das sei nicht so. »Ich liebe mein Kind über alles«, sagt sie, »aber ich hasse die Mutterrolle. Ich fühle mich gefangen. Das Problem ist nicht das Kind, sondern das System Mutterschaft.«

»Mutterschaft sollte weniger romantisiert und mehr als harter Job gesehen werden«Isabel Lippert, systemische Therapeutin

Vor rund drei Jahren suchte sie erneut das Gespräch mit ihrem Mann, drohte damit, sich zu trennen. »Erst dann hat es wirklich Klick bei ihm gemacht. Er las feministische Literatur, setzte sich zum ersten Mal wirklich mit dem Problem auseinander.« Doch die Verletzungen seien zu diesem Zeitpunkt bereits zu groß gewesen. Vor zwei Jahren trennte sich das Paar.

»Es ging mir nie um den Teller, der nicht in die Spülmaschine eingeräumt wurde, oder den Wäschekorb, den er stehen ließ. Mein Problem war, dass er meine Bedürfnisse nicht erkannt und respektiert hat. Er hat nicht verstanden, was mir wichtig ist, und ich habe mich nicht wertgeschätzt gefühlt«, sagt sie. »Das alles hat unsere Beziehung maximal belastet.«

Manchmal fragt sich Ebers, ob sie durch bessere Rahmenbedingungen, mehr Unterstützung oder einen anderen Partner glücklicher in der Mutterrolle wäre. »Mein Mann hat das erste Mal unsere Tochter ins Bett gebracht, als sie zweieinhalb Jahre alt war«, erinnert sie sich.

Unterschied zu postpartalen Depressionen

Im Gegensatz zu einer Wochenbettdepression entsteht Regretting Motherhood nicht durch hormonelle Veränderungen. Während die negativen Gedanken und Gefühle bei einer postpartalen Depression in der Regel wieder abebben, hält die Reue gegenüber der eigenen Elternschaft oft an. Laut Lippert haben die Frauen, die mit dem Thema in ihre Praxis kommen, zum Teil selbst keine stabile Mutterfigur kennengelernt oder hatten mit schwierigen Lebensereignissen in ihrer Kindheit zu kämpfen. Andere konnten bei ihrer Entscheidung nicht absehen, was Mutterschaft für sie bedeutet, oder hatten keine ausreichende Unterstützung.

Mögliche Lösungsansätze: Das kann betroffenen Eltern helfen

  • offene Gespräche mit Freunden, Familie und Partner
  • professionelle psychologische Unterstützung
  • Aufbau eines starken sozialen Netzwerks und Unterstützung im Alltag
  • traditionelle Rollenbilder hinterfragen und die Elternrolle neu definieren
  • Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen und Internetforen

Ein weiteres Problem: Während Männer sich eher von der Vaterrolle distanzieren können, bleibt Müttern diese Option oft verwehrt. In Lebensbereichen wie Ausbildung oder Beruf wird akzeptiert, dass Menschen sich irren oder umorientieren; bei der Mutterschaft ist das anders. »Ein Kind bekommen und damit glücklich sein müssen – diese Erwartung ist tief verankert«, so Lippert.

Die erdrückende Last des Alltags

Lippert behandelt ganz unterschiedliche Mütter in ihrer Praxis: Sie sind jung oder älter, alleinerziehend oder verheiratet, haben Kleinkinder oder schon erwachsene Kinder. Doch viele hadern mit dem Alltag, der sie erdrückt. In ihrer Praxis hört sie oft Sätze wie »Ich wünschte, ich könnte aufhören, das alles jeden Tag machen zu müssen.« Oder »Ich hasse mein Leben mit Kind!«. Manche sehnen sich nach einem Besuchsmodell, andere leiden unter Schuldgefühlen, weil sie glauben, als Elternteil versagt zu haben.

»Am meisten würde helfen, wenn Mütter ihre gesamte Gefühlspalette – also auch unglücklich, verzweifelt und erschöpft sein – neben all ihren Superkräften ausleben dürften«Isabel Lippert, systemische Therapeutin

Wie kann diesen Frauen geholfen werden? »Mutterschaft sollte weniger romantisiert und mehr als harter Job gesehen werden – ein Job, für den es keine Ausbildung gibt, aber Tausende Qualifikationen nötig wären«, betont Lippert. Die gesellschaftlichen Erwartungen erzeugen Schuld und Scham. Frauen halten die Fassade aufrecht, lächeln, spielen auf dem Spielplatz, obwohl sie eigentlich erschöpft sind. »Kaum eine Frau, die wenig Nachtschlaf hatte, einen Berg voller Papiere auf dem Schreibtisch und den Einkauf vor sich, möchte gern auf den Spielplatz gehen und Sandkuchen essen«, sagt Lippert. »Wir tun es, weil Spielen für die Entwicklung unserer Kinder enorm wichtig ist, weil wir teilnehmen an deren Welt und vielleicht manchmal auch, weil wir vermeiden wollen, dass sie ihre Bitte 200-mal wiederholen.« Die Therapeutin glaubt: »Am meisten würde helfen, wenn Mütter ihre gesamte Gefühlspalette – also auch unglücklich, verzweifelt und erschöpft sein – neben all den Superkräften ausleben dürften.« Und wenn es gesellschaftlich akzeptiert wäre, um Hilfe zu bitten.

Das Gefühl akzeptieren

»Der erste Schritt ist, die Gefühle zuzulassen. Das klingt banal, ist aber die größte Herausforderung.« Oft entstehe ein Kreislauf von Schuld und Scham. »Man will es besser machen, sich mehr anstrengen, kann es aber nicht. Dann versucht man es erneut, hasst, was man tut – und wieder kommen die Schuldgefühle hoch.« Zentral für den Umgang sei also die Bereitschaft, seine eigenen Gefühle zu akzeptieren.

Der nächste Schritt besteht darin, jemandem von seinen Reuegefühlen zu berichten. »Der Austausch mit Gleichgesinnten ist wichtig. Nur wenn Mütter sich trauen, ehrlich über ihre Gefühle zu reden, kann sich langfristig etwas ändern.« Häufig würden Frauen erst viele Jahre später offen darüber sprechen. Ein stabiles Netzwerk, um die Mutter und das Kind zu entlasten, sei ebenfalls von großer Bedeutung – auch für das Wohl des Kindes.

»Wenn ich eine Zeitmaschine hätte und noch mal vor der Frage stehen würde, ob ich Mutter werden will, würde ich mich anders entscheiden«Bianca Ebers*, Mutter

Ebers versucht, das Thema zu entstigmatisieren, indem sie offen damit umgeht. »Als die Kleine noch ein Baby war, habe ich einer anderen Mutter gesagt, wie ich empfinde, und sie hat sehr abwehrend reagiert. Erst drei Monate später gab sie zu, dass es ihr ebenfalls so ergeht.« Mit ihrer Tochter selbst redet sie jedoch nicht darüber. »Meine Angst ist zu groß, dass sie es falsch verstehen könnte und denkt, sie sei das Problem.«

Sie versucht jedoch, es bei ihrer Tochter besser zu machen. »Mädchen wird von klein auf eingeredet, dass sie eines Tages Mutter werden müssen. Ich versuche, sie nicht in eine Rolle zu drängen.« Sie könne ihre Tochter aber nicht davor schützen, was sie im Kindergarten, in der Schule und von den Medien vermittelt bekomme.

Das sind die häufigsten Gründe

Ein internationales Forschungsteam hat in einer 2025 als OSF-Preprint veröffentlichten Studie die Umstände der elterlichen Reue näher beleuchtet. Dafür hat es repräsentative Umfragedaten von rund 2800 Eltern in Deutschland ausgewertet. Wie sehen die Forschungsergebnisse aus? Ein Anruf bei der Forschungsleiterin Eva Asselmann.

»Wir haben herausgefunden, dass es etwa elf Prozent aller Eltern bereuen, Kinder bekommen zu haben«, sagt die Professorin für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University in Potsdam. Die Gründe hierfür seien vielfältig: Mehr als die Hälfte der Betroffenen mache sich Sorgen um die Zukunft des Kindes, 25 Prozent geben Karrieregründe an und jede fünfte betroffene Person klage, dass Kindererziehung stark mit dem eigenen Freiheitsbedürfnis kollidiere. Auch die Annahme, kein guter Vater oder keine gute Mutter zu sein, und die finanzielle Belastung durch Kinder spielen bei vielen eine Rolle.

»Unzufrieden sind vor allem Eltern ohne Abschluss oder Menschen in einer schlechten finanziellen Situation«, erklärt Eva Asselmann. Auch wer alleinerziehend ist, wenig Unterstützung durch den Partner erfährt, depressive Symptome aufweist und eine geringe elterliche Selbstwirksamkeit erlebt, hat ein höheres Risiko für Reuegefühle.

»Was wir besonders interessant finden: Es sind vor allem Eltern älterer Kinder, die teilweise auch schon aus dem Haus sind, die ihre Elternschaft bereuen«, sagt Asselmann. »Das hat uns überrascht.« Eigentlich war das Team davon ausgegangen, dass eher Eltern von Kleinkindern Reue empfinden – bedingt durch Schlaflosigkeit und Autonomieverlust.

Frauen, die in der Vergangenheit einen Schwangerschaftsabbruch haben durchführen lassen, bereuen ihre Kinder ebenfalls eher. »Das könnte ein Indikator dafür sein, dass man schon immer Zweifel und ambivalente Gefühle hatte, ob man das schafft – ob man dem gerecht wird«, so Asselmann.

Bereuen Mütter häufiger ihre Elternschaft als Väter? »Nein«, sagt Doktorandin Saskia Baumgardt, die die Studie durchgeführt hat. »Wir finden keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.« Auch die Gründe für die Reue seien bei Männern und Frauen größtenteils dieselben.

Allerdings sinkt für Väter die Wahrscheinlichkeit, die Elternschaft zu bereuen, mit steigender Anzahl der Kinder. »Bei Müttern konnten wir diesen Effekt nicht feststellen«, sagt Baumgardt.

Hier finden betroffene Eltern Hilfe und Beratung

Eltern, die unter ihrer Rolle leiden und ambivalente Gefühle haben, sind nicht allein. Sie können sich an Fachleute wenden, die zuhören und unterstützen – ohne zu verurteilen. Die wichtigsten Anlaufstellen im Überblick:

  • Psychologische Beratung: Therapeuten mit Schwerpunkt auf Elternschaft, Lebenskrisen oder postpartalen Belastungen bieten vertrauliche Gespräche und Hilfe beim Umgang mit belastenden Gefühlen.
  • Telefonische Beratung: Das Elterntelefon der »Nummer gegen Kummer« berät anonym und kostenlos unter der Telefonnummer 0800 111 0 550. Das Mutter-Kind-Hilfswerk leistet unter 0800 22 55 100 telefonische Beratung zu möglichen Rehabilitationsmaßnahmen für Eltern.
  • Onlineberatung: Die Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) berät Eltern anonym und kostenlos.
  • Vor-Ort-Hilfe: In größeren Städten gibt es Erziehungsberatungsstellen, organisiert von Verbänden wie der Caritas oder ProFamilia.
  • Hilfe speziell für Väter bietet die Community Vaterwelten.

Eine mögliche Erklärung: »Für Mütter bedeutet das Zusammenleben mit mehreren Kindern häufig mehr Betreuungsverpflichtungen und eine erhöhte mentale Belastung, was das Risiko für elterlichen Stress und Regretting Parenthood erhöhen könnte«, sagt die Psychologin. Gleichzeitig könnten tiefe emotionale Bindungen und Intimität zu den Kindern diese Belastung ausgleichen.

Väter hingegen, die oft weniger in die alltägliche Betreuung eingebunden sind, erleben möglicherweise überwiegend die positiven Aspekte eines größeren Familienlebens, wie stärkere emotionale Nähe zu den Kindern oder gesellschaftliche Anerkennung für den »familiären Erfolg«, ohne dabei dieselbe Belastung wie Mütter zu erfahren.

»Einige Väter fühlen sich überflüssig, als reine Versorger oder Zaungäste im Familienleben«Heiner Fischer, Väterberater

Worin besteht der Unterschied zwischen reuevollen Vätern und Müttern? Heiner Fischer, Väterberater und Coach aus Krefeld, setzt sich mit der Sicht der Väter auseinander. »Oft wird nicht das Kind bereut, sondern die eigene Rolle als Vater, wie sie von außen erwartet wird.« Viele Väter würden innerlich einen großen Druck erleben, da solche Gedanken gesellschaftlich kaum akzeptiert sind. »Wichtig ist, diese Gefühle ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben«, betont auch Fischer. Hilfe finden betroffene Väter in der psychologischen Beratung von Fachleuten, die sich mit Männerthemen und Vatersein auskennen, und in Vätergruppen und -foren. Auch offene Gespräche mit der Partnerin oder eine Paarberatung können hilfreich sein, falls das Reuegefühl in Verbindung mit der Beziehung steht.

Nur ein bedeutungsloser Zaungast?

Für Väter gäbe es kaum kulturelle oder gesellschaftliche Vorbilder für eine reflektierte, moderne Vaterschaft. »Viele Männer werden emotional unvorbereitet in die Vaterschaft katapultiert«, sagt Fischer. Zudem sei die gesellschaftliche Erwartung an Väter häufig widersprüchlich. »Einerseits sollen sie emotional präsent, partnerschaftlich engagiert und gleichberechtigt sein, andererseits stehen sie unter wirtschaftlichem Druck und erleben wenig Rückhalt, wenn sie sich tatsächlich Zeit für Familie nehmen wollen.«

Einige Väter würden ihre Rolle in den ersten Lebensjahren des Kindes als bedeutungslos oder rein funktional empfinden. »Sie fühlen sich überflüssig, als reine Versorger oder Zaungäste im Familienleben.« Dieses Gefühl der Entfremdung könne sich tief in das emotionale Erleben eingraben. Während Frauen häufig unter der Überforderung durch die ständige Verantwortung leiden, erleben Männer oft eine existenzielle Leere und Unsicherheit in Bezug auf ihre Rolle. »Sie leiden weniger unter zu viel Nähe, sondern eher unter fehlender Bindung und mangelnder emotionaler Zugehörigkeit.«

Auch Väter erleben Überforderung, Zweifel und Reue

Fischer sieht es problematisch, dass beim Thema »Regretting Parenthood« fast nur über Mütter gesprochen wird. So entstehe das Bild, dass bloß Frauen an der Elternschaft litten und Männer gut damit klarkämen. »Das stimmt aber nicht«, betont er. Auch Väter erleben Überforderung, Zweifel oder Reue. Wird darüber nicht gesprochen, bleiben sie allein. »Sie finden keine Sprache für ihr Erleben und keine Räume, in denen sie gehört werden. Das kann krank machen und Beziehungen belasten.« Fischers Fazit: »Die feministische Debatte über Mutterschaft war wichtig. Sie hat Tabus gebrochen. Jetzt ist es Zeit, auch die Perspektive der Väter einzubeziehen.«

Bianca Ebers’ Reuegefühle sind nun, da ihre Tochter in der Pubertät und zunehmend selbstständiger ist, weniger geworden. »Ich habe jetzt wieder mehr Freiraum für mich. Die Reuegefühle sind dadurch nicht mehr so präsent«, betont sie. Dennoch ist sie sich sicher: »Ich muss zugeben: Wenn ich eine Zeitmaschine hätte und noch mal vor der Frage stehen würde, ob ich Mutter werden will, würde ich mich diesmal anders entscheiden.«

* Name von der Redaktion geändert

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  • Quellen

Baumgardt, S. et al., Parental regret in a population-based sample: associations with contextual, childrelated, and psychosocial factors, 10.31234/osf.io/jnu4b_v1, 2025

Donath, O., Journal of Women in Culture and Society 10.1086/678145, 2015

Mundlos, C., Wenn Mutter sein nicht glücklich macht: Das Phänomen Regretting Motherhood, mvg, 2015

Piotrowski, K., Trends in Cognitive Sciences 10.1016/j.tics.2026.02.004, 2026

YouGovReports, Regretting Parenthood, Ursachen und Demografie bereuter Elternschaft, 2016

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