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»Dark Tourism«: Reise ins Grauen

Auschwitz, Verdun, Ground Zero: Auf der Liste von Reise- und Ausflugszielen stehen oft auch Schauplätze von Krieg, Völkermord und anderen Katastrophen. Warum suchen wir Orte auf, die an fürchterliches Leid erinnern?
Bahngleise ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (2014)Laden...

Ein gepflegtes Hotel, wenige Schritte bis zum Meer und jede Menge Sonne. So sieht für viele Menschen der perfekte Urlaub aus. Aber längst nicht für alle. Manche zieht es an jene düsteren Orte, an denen in der Vergangenheit Grauenhaftes geschehen ist: die Konzentrationslager Auschwitz oder Buchenwald, die Atomkatastrophe von Tschernobyl oder die Schlacht von Verdun. Das Reisen an die schrecklichen Schauplätze der Geschichte bezeichnen Forscher als »Dark Tourism«. Besonders Sozialwissenschaftler interessieren sich dafür, warum Menschen freiwillig an Orte reisen, die an Leid und Tod erinnern. Ist das gedankenloses Sightseeing, Lust auf Gänsehautgefühle – oder steckt etwas anderes dahinter?

Ein weit gereister deutscher »Dark Tourist« ist der Linguist Peter Hohenhaus: Auf seiner Website bietet er einen Überblick über rund 700 Reiseziele in 90 Ländern. Viele davon hat er selbst besucht, etwa die »Killing Fields« der Roten Khmer in Kambodscha, die Sperrzone um den Atomkern von Tschernobyl sowie Ruanda, wo Angehörige der Hutu-Mehrheit 1994 drei Viertel der Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu töteten. Schätzungen zufolge starben bei dem Völkermord bis zu eine Million Menschen. Eingeschlagene Schädel und Haufen noch sichtbar blutdurchtränkter Kleidung erinnern an das Grauen. »Die Gedenkstätten sind sehr drastisch«, sagt Hohenhaus. Dass jemand sie aus Lust am Grusel aufsucht, hält er für abwegig, an der Grenze zur Beleidigung.

Bei ihm, Jahrgang 1963, liege der Schlüssel in der eigenen Biografie: Die Eltern sind Vertriebene; als Kind besuchte er mit seiner Familie Kriegsrelikte im Hamburger Hafen. Mit elf Jahren stand er an der Berliner Mauer, fuhr durch die Geisterbahnhöfe der geteilten Stadt. Zu den Stätten des Kalten Kriegs fühlt er sich bis heute am stärksten hingezogen. Noch immer treibe ihn das Interesse an authentischen Orten, das Bedürfnis, »den eigenen Horizont zu erweitern«.

Schädel von zivilen Opfern der Roten Khmer 1978 in Ba Chuc, VietnamLaden...
Opfer der Roten Khmer in Ba Chuc, Vietnam | 1978 ermordeten Rote Khmer Zivilisten in Ba Chuc, Vietnam. Heute erinnert diese Gedenkstätte an die Opfer.

Obschon es auch an Orten wie Tschernobyl inzwischen geführte Touren gibt, ist »Dark Tourism« noch längst nicht im Massengeschäft angekommen. Eine wachsende Nachfrage nach entsprechenden Destinationen lasse sich anhand von Zahlen nicht belegen, sagt eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands.

Auf die Frage, warum jemand zum »dunklen Touristen« wird, gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Erst in jüngerer Zeit hat das Phänomen überhaupt größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit erlangt. Der Begriff »Dark Tourism« wurde 1996 von den britischen Tourismusforschern John Lennon und Malcolm Foley geprägt. Schon drei Jahre zuvor hatte der Soziologe Chris Rojek vom University College London historische »Black Spots« (schwarze Flecken) zusammengetragen, an denen Berühmtheiten eines gewaltsamen Todes starben, etwa John F. Kennedy in Dallas 1963.

Seit 2012 existiert an der University of Central Lancashire in Großbritannien ein eigenes Institut zur Erforschung von »Dark Tourism«. Leiter Philip Stone versteht darunter »das Besichtigen von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, welche Tod, Leid oder das scheinbar Makabre als Hauptthema haben«. Das habe eine lange Tradition, darunter die Gladiatorenspiele im Römischen Reich oder öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter. Doch heute, schreibt Stone, in der westlichen säkulären Gesellschaft, finde der Tod nur abgesondert hinter medizinischen und professionellen Fassaden oder aber als inszeniertes popkulturelles Ereignis statt. »Dark Tourism« hole den Tod zurück ins Leben, biete die Möglichkeit, sich mit dem Thema in sozial akzeptierter Weise zu befassen. Die Stätten erinnerten die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit, böten einen Ort der Besinnung, der Beschäftigung mit existenziellen und moralischen Fragen. Das mindere die Furcht vor dem unvermeidbaren Ende und schaffe so letztlich ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden, schließen Philip Stone und sein Kollege Richard Sharpley in einem Aufsatz.

Das Außergewöhnliche durchbricht das gewohnte Denken und Empfinden

Dass sich hinter dem Phänomen lediglich Voyeurismus verbergen könnte: Dafür hat auch Tourismusforscher Duncan Light von der Bournemouth University keine Hinweise gefunden. Nachdem er Forschungsarbeiten aus zwei Jahrzehnten wälzte, stellt er 2017 fest: »Die meisten Besucher der düsteren Schauplätze erklären, etwas über die Schattenseiten der Geschichte lernen und die Vergangenheit verstehen zu wollen. Einige fühlten sich dazu, anders als beim Besuch anderer Sehenswürdigkeiten, auch moralisch verpflichtet, wollten ihr Mitgefühl ausdrücken. Doch manchmal, schreibt Duncan Light, sei eine solche Gedenkstätte auch lediglich eine Station auf einer längeren Reise, die vor allem dem Vergnügen oder der Erholung diene, etwa im Rahmen einer geführten Tour, ein »Must-see«.

Da sich die wahren Motive von Menschen schwer erschließen lassen, erfassen einige Studien lediglich, was die Reisenden an düsteren Stätten denken, fühlen und tun. Manche von ihnen hinterlassen Blumen oder Botschaften, und die meisten fühlen sich nach eigener Auskunft tief berührt, erleben die Orte als verbindend und sinngebend, denken über moralische Fragen, ihre Werte und ihr Handeln nach. Das Außergewöhnliche eines solchen Orts durchbricht das gewohnte Denken und Empfinden, bietet Raum für tiefe Erfahrungen.

Ground Zero, Gedenkort für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001Laden...
Ground Zero in New York | Wo einst die Zwillingstürme des World Trade Center standen, erinnern heute mit Wasser gefüllte Becken an die Opfer der Anschläge.

Und noch etwas ziehe Menschen an Orte mit leidvoller Geschichte, so schließt Duncan seine Diskussion möglicher Motive ab. Ein Reiseziel könne die eigene Identität festigen, das Selbstbild bestätigen oder ein gewünschtes Bild vermitteln, zum Beispiel, ein gebildeter, anteilnehmender Mensch zu sein. Einen Ort aufzusuchen, etwa Ground Zero, kann außerdem die kollektive Identität, das kollektive Gedächtnis bewahren.

Die meisten Menschen, glaubt Peter Hohenhaus, sind sich gar nicht bewusst, dass sie »Dark Tourism« betreiben und es einen Begriff dafür gibt. In der deutschen Wissenschaft findet das Phänomen bislang kaum Beachtung. Zu den wenigen Studien zählt die Abschlussarbeit der Wirtschaftspsychologin Katalina Ketschau von der Hochschule für Management in Berlin. Sie untersuchte tiefenpsychologische Motive für »Dark Tourism«. Bei den Recherchen sei sie auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen, sagt Ketschau. »Wer das macht, ist doch psychisch gestört«, habe sie immer wieder gehört. Sie führte Tiefeninterviews mit sechs Menschen, die im vergangenen Jahr bewusst an einen düsteren Ort gereist waren. Ketschau schloss aus den Berichten: »Dark Tourism« integriere die Schattenseiten der menschlichen Existenz. In ihm zeige sich »die Unfähigkeit der postmodernen westlichen Gesellschaft, ihre Ängste und Schmerzen wahrzunehmen, ebenso wie ihre Sehnsucht danach«.

Vielleicht erklärt das auch, warum sich mancher an Gedenkstätten nicht angemessen verhält. Peter Hohenhaus findet es respektlos, »wenn Leute an Orten von dunkler Geschichte Fotos machen, als wären sie in Disneyland«. Besonders problematisch sei das bei jüngeren Katastrophen wie dem Feuer im Grenfell Tower in London. Als dort Schaulustige Selfies machten, erregte das viel Kritik. »Voyeurismus« nennt Hohenhaus das; »Slum-Tourismus« zählt er ebenfalls dazu. Vom respektlosen Verhalten einzelner Besucher dürfe man aber nicht auf die Mehrheit der »Dark Tourists« schließen: »Sie sind in aller Regel gut informiert und verhalten sich angemessen.« Er selbst will als Nächstes die ehemaligen Kolonialgefängnisse in Französisch-Guyana und das Museum des »Roten Terrors« in Äthiopien besuchen. Die Ziele werden ihm wohl nicht so schnell ausgehen. An guten Gründen fehlt es auch nicht.

29/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29/2018

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