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Amerikanische Revolution: Die US-Unabhängigkeit war eine Kriegserklärung

Als die Briten 1776 gegen die amerikanischen Revolutionäre vorrückten, zückten die Gründerväter der USA ein mächtiges Dokument: die Unabhängigkeitserklärung. Erst sie verhalf ihnen zum Sieg.
 Eine historische Gemälde-Szene zeigt eine Gruppe von Männern in einem großen Raum, die sich um einen Tisch versammelt haben. Einige stehen, während andere sitzen. Im Hintergrund sind Fahnen und ein großes Symbol an der Wand zu sehen. Die Männer tragen Kleidung aus dem 18. Jahrhundert. Der Raum ist mit roten Vorhängen und Holzvertäfelungen dekoriert. Die Szene vermittelt den Eindruck einer wichtigen Versammlung oder Unterzeichnung.
Das Komitee um Thomas Jefferson überreicht am 28. Juni 1776 den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung an den Kontinentalkongress. In Wirklichkeit hat sich die Szene des Malers John Trumbull (1756–1843) nicht so zugetragen. Er malte das Bild erst in dieser kleinen Version, 1817/18 dann in einer monumentalen Fassung.

Im Sommer 1776 drängte sich eine Menschenmenge am Ufer von New York. Was sie dort sah, war Furcht einflößend. Die größte Expeditionsstreitmacht der britischen Geschichte lief in den amerikanischen Hafen ein. Mehr als 300 Schiffe brachten 32 000 Berufssoldaten und hessische Söldner, um einen Aufstand niederzuschlagen.

Unweit davon versammelten sich die Truppen von General George Washington (1732–1799) und lauschten, wie ihr Befehlshaber ein Dokument verlas, das den Grund ihres Kampfes für immer verändern sollte: die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Und anders, als die Amerikaner dieses Dokument heute sehen – als ermutigende Erklärung, in der die Klagen der Kolonisten gegen den britischen König einzeln aufgeführt sind und die Unabhängigkeit von Großbritannien verkündet wurde –, war das, was Washington seiner Armee vorlesen ließ, noch etwas anderes.

Die Unabhängigkeitserklärung war Amerikas erste formale Kriegserklärung. Sie pflanzte ein symbolisches Banner, um das sich die Patrioten (Revolutionäre) scharen konnten. Vor allem aber machte sie aus rechtlosen Rebellen – ohne Aussicht auf Hilfe von außen – staatlich legitimierte Freiheitskämpfer, die militärische Bündnisse mit anderen Mächten eingehen konnten.

Der amerikanische Gründungstext war demnach nicht einfach ein philosophisches Scheidungspapier, sondern ein strategischer Schachzug, um essenzielle Unterstützung für die amerikanischen Kriegsanstrengungen zu sichern. Amerikas erste Kriegserklärung war ein geopolitisches Wagnis, das die Erlangung der Unabhängigkeit erst bedingte.

Revolutionäre zu Soldaten machen

Wie ich zusammen mit weiteren Militärhistorikern in einer Ende Juni 2026 erscheinenden Essaysammlung »America’s First War: The Military History of the Declaration of Independence« zeige, wurde die Erklärung im Rahmen jener Rechtsnormen des 18. Jahrhunderts verfasst, die Diplomatie und Kriegsführung genau regelten.

250 Jahre amerikanische Unabhängigkeitserklärung

Am 4. Juli 1776 verkündeten 13 britische Kolonien in Amerika den Bruch mit dem Mutterland. Als sie sich von Großbritannien lösten, standen sie bereits im Krieg mit der Kolonialmacht. Die »Declaration of Independence« empörte und begeisterte zugleich. Für die damaligen Menschen in Amerika, aber auch lange danach, wurde sie zum wirkmächtigen Dokument. Drei namhafte Amerika-Historiker berichten, was es mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf sich hat.

Die US-Unabhängigkeit war eine Kriegserklärung, von Christopher Magra

Als Großbritannien die Kündigung bekam, von Michael Hochgeschwender

Wie gleich ist gleich?, von Volker Depkat

Thomas Jefferson (1743–1826), Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung, stützte seinen Text maßgeblich auf die 1758 erschienene Abhandlung »Le droit des gens« des Schweizer Juristen Emer de Vattel (1714–1767). Vattel betonte, dass es nach Ansicht europäischer Gerichtshöfe die Souveränität eines Landes verletzte und einen gefährlichen Präzedenzfall darstellte, sollten Rebellen Hilfe von außen erhalten. Wollten ausländische Mächte rechtmäßig in einen Konflikt eingreifen, so argumentierte Vattel, müsste die unterjochte Partei formal ihre Unabhängigkeit erklären und den Status eines Staates annehmen. Während Jefferson an der Unabhängigkeitserklärung arbeitete, ließ er Vattels Abhandlung stets aufgeschlagen: Er wollte sichergehen, dass er die erforderliche und spezifische Terminologie verwendete, um die amerikanische Revolution in einen gerechten Krieg zu verwandeln.

Landung der Briten |

Im September 1776 gingen britische Truppen im Hafen von New York an Land. Der Stich von Franz Xaver Habermann aus der Zeit um 1778 zeigt allerdings eine fiktive Ansicht der Stadt.

Jefferson gab sich nicht einfach philosophischen Betrachtungen hin, als er im Text der Erklärung die Unabhängigkeit als »notwendig« bezeichnete. Sondern er erfüllte die von Vattel formulierte Rechtsauflage, dass alle friedlichen Wege zur Aussöhnung ausgeschöpft worden waren, was wiederum gegenüber den »Mächten der Erde« eine Legitimation zum Krieg lieferte.

Eine formale Kriegserklärung, gebilligt vom Kongress, stärkte im eigenen Land den Rückhalt für das amerikanische Militär. Sie mobilisierte eine gespaltene und misstrauische Bevölkerung. Noch im Jahr 1776 gab es Amerikaner, die unentschieden waren – unsicher darüber, wie riskant ein vollständiger Bruch mit dem British Empire wäre. Die Erklärung fungierte wie ein Banner, um das sich die Amerikaner scharen und als rechtmäßige sowie geeinte Gruppe identifizieren konnten. Ähnlich wie das weithin bekannte Pamphlet »Common Sense« von Thomas Paine (1737–1809) sollte die Unabhängigkeitserklärung den Unentschlossenen klarmachen, dass es zwingend notwendig war, mit dem Empire zu brechen:

»Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich«, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung: »dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre gerechte Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wann immer eine Regierungsform sich für diese Zwecke als schädlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und sie auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es zur Gewährleistung ihrer Sicherheit und ihres Glücks geboten zu sein scheint.«

Jefferson kleidete den Kampf damit in die universelle Sprache einer Präambel und versuchte so, die zersplitterten Amerikaner durch eine gemeinsame Vision von einem besseren Leben zu inspirieren – und zu einen. Auf diese Weise trug er auch dazu bei, aus regionalen Widerstandsbewegungen eine gemeinsame nationale Mission zu bilden. In der Unabhängigkeitserklärung ist es so formuliert: »Aber wenn eine lange Reihe von Missbräuchen und Übergriffen, die stets das gleiche Ziel verfolgen, die Absicht erkennen lässt, [die Menschen] absolutem Despotismus zu unterwerfen, so ist es ihr Recht, ist es ihre Pflicht, eine solche Regierung zu beseitigen und neue Garanten für ihre künftige Sicherheit einzusetzen.«

Die Unabhängigkeitserklärung und die amerikanische Armee

Diese psychologische Verschiebung war vor allem ausschlaggebend für die einfachen Soldaten der Kontinentalarmee. Deshalb befahl Washington am 9. Juli 1776, seinen Truppen in New York die Unabhängigkeitserklärung vorzutragen. Sein Ziel dahinter: die Männer für die bevorstehende Auseinandersetzung anzuspornen.

Die öffentliche Ansprache sollte das Wesen ihres Wehrdienstes verändern. Sie galten nicht länger als illoyale Untertanen, die sich gegen einen legitimen Souverän auflehnten, sondern als Soldaten einer neuen Nation, die ihr eigenes Land verteidigten. Durch Jeffersons Worte und Washingtons Ansprache konnte die Unabhängigkeitserklärung Hingabe für ein neues politisches System entfachen und die amerikanischen Soldaten für eine Sache verpflichten, die längst noch nicht entschieden war. Washington tat seinen Truppen kund, er hoffe, »dieses wichtige Ereignis werde für jeden Offizier und Soldaten ein neuer Ansporn sein, mit Treue und Mut zu handeln – im Wissen, dass nun der Frieden und die Sicherheit seines Landes (unter Gott) allein vom Erfolg unserer Waffen abhängen«.

Amerikas erste Kriegserklärung stärkte die Truppenmoral zu einem entscheidenden Zeitpunkt im Konflikt mit den Briten. Im Sommer 1776 stand die Kontinentalarmee der größten Expeditionsstreitmacht der britischen Geschichte gegenüber. Washingtons Truppen bestanden aus etwa 19 000 Milizionären. Die britische Armee hingegen verfügte über die Royal Navy. Washington hatte nur minimale Unterstützung zur See. Die Landung der ersten Wellen hessischer Söldner – deutscher Hilfstruppen unter britischem Befehl – im Juli 1776 bestärkte nur die Entschlossenheit der Amerikaner, auch ihrerseits Militärverbündete im Ausland zu suchen.

Die Amerikaner schmiedeten Allianzen

Die Unabhängigkeitserklärung half, ausländische Regierungen für die dringend benötigte Unterstützung der eigenen Kriegsanstrengungen zu gewinnen. Das vorrangige strategische Ziel der Erklärung war es, die Hauptrivalen Großbritanniens, die Monarchien der Bourbonen in Frankreich und Spanien, auf die eigene Seite zu bringen. Der Kontinentalkongress war sich bewusst, dass die noch jungen Vereinigten Staaten der britischen Militärmacht nicht standhalten konnten, ohne Lieferungen von Gold und Schießpulver aus Übersee zu erhalten, zusätzlich zu Kriegsschiffen, Seeleuten und Soldaten.

Thomas Jefferson |

John Trumbull porträtierte zahlreiche Menschen aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Das Bildnis von Thomas Jefferson malte er im Jahr 1788.

Als erster geheimer Gesandter der Amerikaner traf Silas Deane (1737–1789) im Juli 1776 in Paris ein. Er hatte den Auftrag, Ausrüstung für ein Heer von 30 000 Mann zu beschaffen und ein formales Bündnis zu ersuchen, sobald die Unabhängigkeit erklärt worden war.

In Zusammenarbeit mit dem französischen Dramatiker Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799) gründete Deane die Scheinfirma Roderigue Hortalez et Cie, die unbemerkt Hilfsmittel der französischen Regierung nach Amerika schleusen sollte. Die geheime Lieferkette versorgte Amerika schließlich mit Tausenden Musketen, mit Feldartillerie und Millionen Pfund an Schießpulver. All das ermöglichte den wichtigen Sieg von Saratoga 1777 und im Anschluss ein offizielles Bündnis mit Frankreich.

Hilfe aus Europa

Frankreich steuerte den Großteil der Kriegsmarine bei; ebenso entscheidend für die amerikanischen Kriegsanstrengungen war Spanien. Nach der Unabhängigkeitserklärung hatte der Kontinentalkongress verstärkt Gesuche an das Land gerichtet. Bernardo de Gálvez (1746–1786), der Gouverneur von Spanisch-Louisiana, übernahm eine bedeutende Rolle in dem geheim geführten Krieg. Schon bevor Spanien 1779 offiziell in den Krieg eintrat, schickte Gálvez Medikamente, Waffen und Uniformen im Wert von über 70 000 Dollar den Mississippi hinauf weiter nach Pittsburgh und Philadelphia. Diese Verbindung aus dem Süden hielt die amerikanischen Anstrengungen am westlichen Kriegsschauplatz am Leben und zwang die Briten an mehreren Fronten in die Defensive.

Die Unabhängigkeitserklärung als strategische Kriegsmaßnahme auszugeben, offenbart das kluge Machtverständnis der Gründerväter. Sie hatten erkannt, dass die »unveräußerlichen Rechte« jedes Einzelnen ohne die »Vollmacht, Krieg zu führen, Frieden zu schließen [und] Bündnisse einzugehen« illusorisch gewesen wären. Jefferson und die Mitglieder des Kongresses hatten verstanden, dass die amerikanische Freiheit die Unterstützung ihrer Kriegsanliegen aus In- und Ausland erforderte.

Mithilfe der Unabhängigkeitserklärung verwandelten sie einen regionalen Aufstand sowohl in einen staatlich sanktionierten Verteidigungskrieg im eigenen Land als auch in einen internationalen Konflikt. Das sorgte dafür, dass die amerikanische Revolution nicht als einsames Echo verhallte, sondern zu einer erfolgreichen geopolitischen Anstrengung wurde, die tatsächlich die Unabhängigkeit von Großbritannien herbeiführte.

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  • Quellen

Allen G. W., A Naval History of the American Revolution, 1913

Ferreiro, L. D., History Now 68, 2023

Magra, C. P. (Hg.), America’s First War. The Military History of the Declaration of Independence, 2026

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