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Entscheidungen: Rituale stärken die Selbstkontrolle

Wiederholte, starre Handlungsabläufe können dabei helfen, sich vernünftig zu verhalten.
Begrüßungsritual

Ob es um die Wahl zwischen Pizza und Salat geht oder um die Frage, ob man sich am Wochenende der anstehenden Steuererklärung widmen oder sich lieber doch ein wenig Erholung gönnen sollte – das Leben ist voller Situationen, die unsere Selbstkontrolle auf die Probe stellen. Einen Schubs in die richtige Richtung könnten uns Rituale geben, schreibt nun ein Team um Allen Ding Tian von der Shanghai University of Finance and Economics im »Journal of Personality and Social Psychology«. Denn Rituale scheinen uns dabei zu helfen, vernünftiger zu entscheiden, selbst dann, wenn sie lediglich aus bedeutungslosen Gesten bestehen.

Das schlussfolgern die Wissenschaftler aus insgesamt sechs Experimenten mit mehr als 500 Probanden. Für einen Versuch rekrutierten sie 93 Frauen, die gerne ihr Gewicht reduzieren wollten und zu diesem Zweck über mehrere Tage hinweg ihre Ernährung genau dokumentierten. Während die Hälfte der Teilnehmerinnen zusätzlich die Anweisung bekam, jede Mahlzeit besonders achtsam zu sich zu nehmen, brachten die Forscher den übrigen ein spezielles Ritual bei, das sie vor jedem Essen vollführen sollten: Dabei mussten die Frauen ihr Essen zunächst klein schneiden und anschließend symmetrisch auf dem Teller anordnen. Dann sollten sie mit Messer und Gabel dreimal von oben auf die Speisen klopfen. Wer das tat, so entdeckten die Wissenschaftler, nahm im Schnitt weniger Kalorien zu sich als die Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe ohne Ritual.

In einem anderen Experiment baten die Forscher ihre Versuchspersonen, Karotten zu testen. Manche Probanden mussten vor dem Verzehr jeweils mit ihrer rechten Hand auf den Tisch klopfen; andere vollführten ähnliche Gesten, die sich jedoch nicht ritualisiert wiederholten, sondern jedes Mal wechselten. Eine dritte Gruppe durfte die Möhren dagegen einfach so verspeisen. Nach mehreren Testdurchläufen konnten sich die Versuchsteilnehmer dann entscheiden, ob sie zum Abschluss eine weitere Karotte essen wollten – oder aber eine teure Schokopraline. Auch hier blieben die Probanden der Ritualgruppe deutlich häufiger bei der gesunden Kost als diejenigen der beiden anderen Gruppen.

Wie anschließende Befragungen ergaben, hatten die Versuchspersonen nach dem Durchführen der Rituale das Gefühl, selbstbeherrschter zu sein. Diese könnten auf einer ähnlichen Ebene wirken wie die ritualisierten Handlungen, die zahlreiche Menschen mit einer Zwangsstörung ausführen, um sich zu beruhigen und das Gefühl der Kontrolle wiederzuerlangen. Noch sei allerdings vieles über den Zusammenhang zwischen Ritualen und Selbstkontrolle unklar, schränken die Forscher ein. So können wiederkehrende Handlungen etwa nachweislich auch den gegenteiligen Effekt haben und uns beispielsweise dazu verleiten, unvernünftigere Entscheidungen zu treffen. Wer sich etwa jeden Abend ein Stückchen Schokolade gönnt, bevor er sich auf die Couch setzt und den Fernseher anschaltet, bekommt bald die Schattenseiten von Ritualen zu spüren. Unklar ist zudem, ob manche Rituale effektiver sind als andere – und wie es um ihre Langzeitwirkung bestellt ist.

4/2018 (Oktober/November)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 4/2018 (Oktober/November)

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