Archäologischer Ausnahmefund: Römer waren in Germanien bis ins heutige Sachsen-Anhalt vorgestoßen

In Sachsen-Anhalt sind Fachleute auf vier Marschlager römischer Militäreinheiten gestoßen. Der Fund ist insofern überraschend, als die Region weit außerhalb der dauerhaften Einflusssphäre des römischen Imperiums lag. Die Lager aus dem frühen 3. Jahrhundert n. Chr. belegen, dass Rom auch nach der verheerenden Niederlage in der Varusschlacht 9 n. Chr. noch weit in den Osten in germanisches Gebiet vordrang.
Konkret entdeckten Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Überreste von zwei Lagern in Aken im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, eines bei Trabitz im Salzlandkreis und eines bei Deersheim im Landkreis Harz.
»Das sind die bislang nordöstlichsten römischen Lager in dieser Region«, sagte Landesarchäologe Harald Meller der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Luftbilder verraten die Lage der Lager
Auf die Lager wurden die Fachleute durch Luft- und Satellitenbilder aufmerksam. Beim Blick von oben offenbarten sich für römische Lager charakteristische Strukturen wie das Titulum, ein den Toren vorgelagertes Grabensegment mit Wall. Ebenso zeichneten sich in den Luftbildern die gerade verlaufenden Gräben an den Seiten der Lager sowie die gerundeten Partien an den Ecken ab.
Am Ende jedes Marschtages hoben die Legionäre eine Lagerumfassung aus, wobei sie den Aushub zu einem Wall aufschütteten. Diese Eingriffe lassen sich bis heute archäologisch nachweisen. Wie das Landesamt in einer Mitteilung schreibt, wurden bei Grabungen Spitzgräben von bis zu 1,8 Metern Breite und circa 1,5 Metern Tiefe gefunden.
Funde von Gewandnadeln und Münzen untermauern die römische Herkunft der Anlagen. Im Lager bei Trabitz entdeckten die Ausgräber zudem eine römische Münze aus der Zeit von Kaiser Caracalla, der von 211 bis 217 n. Chr. regierte. Eine Datierung von Fundstücken mittels der Radiokarbonmethode ergab ebenfalls ein Entstehungsdatum zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr.
Roms Expeditionen ins freie Germanien
Zu diesem Zeitpunkt lagen die ersten Pläne der Römer, sich das gesamte rechtsrheinische Gebiet bis an die Elbe einzuverleiben, schon lange in der Vergangenheit. Diese Ambitionen waren ursprünglich bereits ab dem Jahr 13/12 v. Chr. gereift. Es kam in der Folge zu mehreren Vorstößen in das Elbe-Saale-Gebiet, die archäologisch durch einzelne Münzfunde belegt sind. Nach der Varusschlacht nahmen diese Bestrebungen ein abruptes Ende. Angesichts des Verlustes dreier Legionen gab Rom seine Eroberungspläne auf.
Die Schlacht markierte aber nicht das Ende römischer Anwesenheit. Archäologische Ausgrabungen, etwa am Harzhorn, deuten auf wiederholte Stippvisiten in germanischem Gebiet hin. Die neu entdeckten Marschlager belegen den Angaben des Landesamts zufolge, dass römische Truppen auch lange nach der Varusniederlage weit über den Limes hinaus operierten.
Sie decken sich auch mit Aufzeichnungen antiker Quellen, die beispielsweise einen Feldzug unter Kaiser Maximinus Thrax (Regierungszeit: 235–238 n. Chr.) erwähnen, der mehrere Hundert Meilen in germanisches Gebiet geführt habe. Auch ein Zusammenhang mit einem Feldzug Caracallas im Jahr 213 erscheint nach Einschätzung der Forscher möglich, so die dpa.
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