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Navigation: Rotkehlchen werden zu Rechtsäugigen

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Der alljährliche Vogelzug von Nord nach Süd verlangt große Anstrengungen von den Tieren. Um ans Ziel zu kommen, müssen die Vögel teils extreme Sinnesleistungen abrufen – beispielsweise um sich an winzigen Veränderungen des Erdmagnetfelds zu orientieren. Um beides unter einen Hut zu bekommen, legen Rotkehlchen (Erithacus rubecula) ihren Magnetsinn auf ihr rechtes Auge fest: Dadurch sparen sie Energie und erreichen dennoch sicher ihr Brut- oder Winterquartier. Doch diese Gabe ist ihnen nicht ins Nest gelegt, wie eine Arbeit von Dennis Gehring von der Universität Frankfurt und seinen Kollegen zeigt. Denn Jungvögel blicken noch in Stereo auf diese für den Menschen normalerweise unsichtbaren Feldlinien – erst in späteren Jahren reicht ihnen ein Auge.

Wie die Biologen entdeckten, nutzen junge Rotkehlchen auf ihrem ersten Herbstzug noch den in beiden Augen funktionsfähigen Magnetsinn, um sich auf dem Weg zurechtzufinden. Wenn sie dann im folgenden Frühling aus dem Süden zurückkehren, konzentriert sich diese Wahrnehmung bereits auf das rechte Sehorgan, wenngleich die Einschränkung noch umkehrbar ist. Als Gehrings Team einigen Testvögeln das rechte Auge zeitweise verdeckte, verschwand diese Monosicht wieder, und die Stereofähigkeit kehrte zumindest für gewisse Zeit zurück. Im folgenden Herbst verfestigte sich der Fokus auf das rechte Auge bei den Rotkehlchen dann weiter: Konnten sie dieses nicht nutzen, so waren sie orientierungslos. Ihr linkes Sehorgan taugte nunmehr nicht länger als Träger des Magnetsinnesorgans.

Im Gegensatz zum Sehen oder Hören, wo das rechte und linke Ohr beziehungsweise Auge zum Teil sehr subtile Unterschiede von Geräuschen oder Bewegungen erfassen und so Zusatzinformationen ans Gehirn liefern, kann der Magnetsinn stets nur identische Signale weiterleiten: Die Richtung der Magnetfeldlinien ist für beide Augen gleich. Da die Nervenimpulse von rechtem und linkem Auge in der jeweils anderen Hirnhälfte verarbeitet werden, setzt die Konzentration auf nur eine Seite entsprechende Kapazitäten im Denkorgan der Vögel frei. Sie können von den Tieren dann für andere Sinneswahrnehmungen genutzt oder Energie sparend heruntergefahren werden. Was aber die Monopolisierung des Magnetsinns auslöst und warum er sich auf das rechte Auge festlegt, können die Forscher noch nicht sagen.

35. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35. KW 2012

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