Cereulid in Säuglingsmilch: Das steckt hinter dem Rückruf von Babynahrung

In mehr als 60 Ländern haben Hersteller von Säuglingsnahrung, darunter Danone und Nestlé, Chargen ihrer Produkte zurückgerufen, auch in Deutschland. Die betroffenen Chargen enthalten möglicherweise das Bakteriengift Cereulid. Das Toxin führt innerhalb weniger Stunden zu Erbrechen und Durchfall, in seltenen Fällen kann es lebensbedrohliches Organversagen verursachen.
Bislang sind in Deutschland keine Fälle bestätigt, bei denen Säuglinge nach dem Verzehr der beanstandeten Produkte krank wurden. Laut dem EU-Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gibt es europaweit allerdings erste Berichte über Babys, die nach dem Verzehr von Milch aus den betroffenen Chargen unter Durchfall litten. In einem Fall sei der kleine Patient daraufhin positiv auf Cereulid getestet worden, sei aber mittlerweile genesen.
Bereits Ende November 2025 soll dem internationalen Konzern Nestlé bekannt gewesen sein, dass von ihm hergestellte Babynahrung möglicherweise mit Cereulid verunreinigt war. Die Firma informierte die Behörden am 10. Dezember 2025. Nach eigenen Angaben wurde der Stoff bei der hauseigenen Qualitätskontrolle eines Öls gefunden, das in Babynahrung eingesetzt wird.
Das Bakteriengift Cereulid und das »Fried Rice Syndrome«
Cereulid ist das Toxin einer Gruppe von Bakterien, die emetische Bacillus cereus genannt wird (»emetisch« für »Brechreiz erregend«). Man kennt diese Mikroben vor allem als Verursacher des »Fried Rice Syndrome«: Magen-Darm-Beschwerden nach dem Genuss aufgewärmter Speisen, der im seltenen Extremfall tödlich enden kann. Die Erreger kommen in vielen Lebensmitteln vor, vom erwähnten Reis über Milchprodukte und Süßigkeiten bis zu Gemüse und Fleisch. Entsprechend ist die Gruppe von Bakterien wohl für die meisten Fälle der klassischen »Lebensmittelvergiftungen« verantwortlich. Überwiegend verlaufen diese glimpflich.
Die Sporen solcher Bakterien wurden zwar in der Vergangenheit schon in Säuglingsmilchpulver gefunden, nicht jedoch das Toxin. Denn im trockenen Milchpulver können sich die Sporen nicht vermehren, und solange sie das nicht tun, bilden sie auch kein Cereulid. Magen-Darm-Beschwerden durch Cereulid in Babymilch wurden daher bislang erst dann zum Problem, wenn Eltern die mit Wasser angerühte Milch längere Zeit stehen ließen. Denn mit genügend Wasser und bei Zimmertemperatur – beziehungsweise der bevorzugten Trinktemperatur von Babymilch bei 40 Grad Celsius – können sich die Bakterien gut vermehren. Daher gilt: Fläschchenmilch direkt nach dem Anrühren geben und nicht stehen lassen.
Angesichts der aktuellen Cereulid-Funde hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA einen Grenzwert in Säuglingsanfangsnahrung festgelegt – bislang gab es keinen. Die Fachleute ermittelten, dass Säuglingsanfangsmilch nach dem Zubereiten höchstens 0,054 Mikrogramm Cereulid pro Liter enthalten darf. Der neue Grenzwert basiert auf einer Abschätzung, welche Menge des Stoffs ein Baby ohne Risiko an einem Tag aufnehmen darf und wie viel es trinkt.
Arachidonsäure als verdächtige Quelle
Dass nun das Toxin selbst nachgewiesen wird, ist also neu. Eine Vermutung lautet, dass es über ein Öl in die Säuglingsnahrung gelangt ist, das hauptsächlich Arachidonsäure enthält. Diese Omega-6-Fettsäure brauchen Säuglinge unter anderem für eine gesunde Hirnentwicklung, weshalb man sie der Anfangsnahrung zusetzt. Weltweit gibt es lediglich eine Handvoll Hersteller von Arachidonsäure, jährlich werden nur rund 20 000 Tonnen davon produziert. Davon gehen rund 70 Prozent in die Säuglingsnahrungsindustrie, ein weiterer Abnehmer sind Firmen, die die Fettsäure als Nahrungsergänzungsmittel anbieten. Der größte Hersteller von Arachidonsäure ist die im chinesischen Wuhan ansässige Firma Cabio, sie gewinnt die langkettige Fettsäure durch bakterielle Fermentation.
Wer eine der zurückgerufenen Chargen gekauft habe, solle damit auf keinen Fall Säuglingsmilch zubereiten, schreibt die EFSA. Das BfR hat die wichtigsten Fragen und Antworten rund um Cereulid zusammengestellt. Das Portal lebensmittelwarnung.de listet laufend auf, welche Säuglingsmilchpulver vom deutschen Markt zurückgerufen wurden.
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