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Gedächtnis: Rückwärtslaufen hilft beim Erinnern

Experimente belegen ein kurioses Phänomen: Eine mentale Reise in die Vergangenheit beginnt man am besten mit einem Schritt rückwärts.
Uhr mit rückwärtslaufender Ziffernblattspirale

Man möchte es für einen Aprilscherz halten, was vier britische Psychologen da gerade im Fachblatt »Cognition« veröffentlicht haben. Zumal sie ihr Ergebnis publikumswirksam als »time-travel effect«, also als Zeitreise-Effekt bezeichnen: Rückwärtslaufen helfe dem Gedächtnis auf die Sprünge, so das Team von der University of Roehampton. So merkwürdig das klingt, schließen ihre Experimente doch an jene an, die unter dem Stichwort »Embodied Cognition« schon manche merkwürdige Verbindung zwischen Körper und Geist offenbarten. Sie gründen sich unter anderem auf bekannte Zusammenhänge zwischen Raum und Zeit in Sprache und Denken: Wir sprechen beispielsweise davon, dass künftige Ereignisse »vor der Tür stehen« oder dass wir die Vergangenheit »hinter uns« lassen.

Ob diese Assoziation eine gedankliche Reise in die Vergangenheit und somit sogar das Erinnerungsvermögen fördert, untersuchten Aleksandar Aksentijevic und seine Kollegen in einer Reihe von Experimenten. Zunächst bekamen die jeweils etwas mehr als 100 Probandinnen und Probanden entweder einen anderthalbminütigen Videoclip von einem Diebstahl präsentiert, oder sie sollten sich 20 Wörter oder 18 Farbfotografien merken. Um sie davon ein wenig abzulenken, ließen die Forscher sie danach zehn Minuten lang Sudokus lösen.

Darauf folgte der entscheidende Part, die Bewegung, in etlichen Varianten: Die Versuchspersonen liefen entweder zehn Meter rückwärts oder vorwärts (oder blieben ebenso lang sitzen), und das einmal mit offenen, einmal mit geschlossenen Augen. Ein andermal sollten sie sich die Rückwärtsbewegung lediglich vorstellen oder bekamen ein Video von einem fahrenden Zug vorgespielt, um damit die Illusion einer Rückwärts- oder Vorwärtsbewegung zu erzeugen. Direkt darauf sollten sie in ihrem Gedächtnis kramen und so so viele Wörter beziehungsweise Bilder wie möglich ins Gedächtnis zurückholen oder Fragen zur Filmszene beantworten.

Hatten sie sich real, mittels optischer Illusion oder gedanklich rückwärts bewegt, gaben sie im Schnitt rund zwei richtige Antworten mehr als nach keiner oder nach vorwärts gerichteter Bewegung. Beim Erinnern an Wörter und Bilder zeigten sich vergleichbare statistisch bedeutsame Effekte. Die Autoren schließen daraus, dass das Gedächtnis Erinnerungen räumlich geordnet ablegt, gemäß einem »zeitlichen Index« entlang einer subjektiven Timeline. Sie spekulieren außerdem, dass es eine besondere Assoziation zwischen vorgestellter Bewegung und dem Gedächtnis für dynamische Szenen geben könnte, derart, dass beide einer symmetrischen Topografie folgen und die vorgestellten Bewegungen so den Abruf erleichtern könnten. »Man kann das Gedächtnis nicht isoliert vom übrigen menschlichen Denken und Erleben betrachten«, denn es sei »untrennbar mit der Erfahrung der Gegenwart verbunden«.

Eine Verbindung zwischen Denken und Bewegung hat Aksentijevic schon vor einigen Jahren im Zusammenhang mit dem »psychologischen Doppler-Effekt« untersucht: Offenbar neigen wir dazu, die Zukunft als näher zu empfinden als eine (zeitlich gleich weit entfernte) Vergangenheit. Die Asymmetrie im Erleben, so vermuten auch andere Forscher, könnte in der subjektiven Erfahrung begründet sein, dass wir uns durch die Zeit vorwärts bewegen, wobei sich künftige Ereignisse stets nähern und vergangene von uns entfernen.

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