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Raumfahrt: Ausstieg Russlands aus der ISS doch nicht so zeitnah wie angedeutet

Die Ankündigung des Roskosmos-Chefs Juri Borissow klang, als stünde ein Rückzug Russlands von der ISS unmittelbar bevor. Doch nicht nur die vage Formulierung »nach 2024« weckt Zweifel.
ISS mit Crew Dragon, H-II Transfer Vehicle-9 und Columbus-Modul
Moskau will seine Kosmonauten so lange an Bord der ISS halten, bis ihr eigener orbitaler Außenposten gebaut und betriebsbereit ist – und das kann noch deutlich über das Jahr 2024 hinaus dauern.

Ganz so schnell wie angekündigt wird Russland sich wohl doch nicht von der Internationalen Raumstation ISS zurückziehen. Juri Borissow, seit zwei Wochen Chef der Russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, hatte am Dienstag bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erklärt, dass die Entscheidung über den Ausstieg aus der ISS gefallen sei: »Nach 2024« werde Russland die Station verlassen. Nun aber, so berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, hätten russische Raumfahrtbeamte ihre US-Kollegen bei der NASA darüber informiert, dass Moskau seine Kosmonauten so lange an Bord der ISS halten möchte, bis ihr eigener orbitaler Außenposten gebaut und betriebsbereit ist – und das kann noch deutlich über das Jahr 2024 hinaus dauern.

Mit seiner medienwirksamen Aussage ließ Borissow sich also offenbar eine Hintertür offen, denn auch eine Weiterarbeit bis zum geplanten Absturz der ISS im Jahr 2031 würde »nach 2024« enden. Derzeit sind die westlichen Partner um die NASA bei deren Betrieb auf Russland angewiesen, vor allem, wenn es um die Korrekturmanöver geht, mit denen die Station im Orbit gehalten wird. Erst vor einem Monat hatte die NASA mit einem Cygnus-Frachtschiff der US-Firma Northrop Grumman erstmals selbst den Orbit der ISS angehoben.

Laut dem Nachrichtenportal Heise gibt es an Borissows Ankündigung aber auch an anderer Stelle erhebliche Zweifel. So habe er gesagt, das erste Modul für eine eigene russische Raumstation solle bereits 2025 im Einsatz sein. Es erscheine aber unrealistisch, dass der Zeitplan angesichts der derzeitigen politischen Situation eingehalten werden kann. Als Reaktion auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine wurden harsche Sanktionen gegen das Land verhängt, die auch die Raumfahrtindustrie schwer treffen. Der mit dem Bau der Raumstation beauftragte Konzern RKK Energija habe am Dienstag direkt mitgeteilt , dass das erste Modul 2028 gestartet werden könnte – wenn die Entscheidung für deren Errichtung noch in diesem Jahr falle.

Bei der NASA gibt man sich weiter betont unbedarft. Kathy Lueders, die Leiterin der Abteilung für bemannte Raumfahrt, sagte in einem Interview mit Reuters, dass die Beziehungen zwischen der NASA und Roskosmos weiterhin »business as usual« seien. »Wir erhalten auf keiner Arbeitsebene Anzeichen dafür, dass sich etwas geändert hat.« NASA-Chef Bill Nelson hatte der Deutschen Presse-Agentur in einer ersten Reaktion am Dienstag bereits gesagt, man sei »nicht auf Entscheidungen von irgendeinem der Partner hingewiesen worden«. Nach wie vor sehe sich die NASA zum Betrieb der ISS bis 2030 verpflichtet und koordiniere ihre Arbeit deswegen mit den Partnern.

Eine formelle Vereinbarung über die Verlängerung der russischen ISS-Beteiligung über das Jahr 2024 hinaus wurde bislang aber tatsächlich noch nicht getroffen. Die NASA, Roskosmos, die ESA und die weiteren Partner der Station planen, die Anwesenheit in dem Labor bis 2030 während einer regelmäßigen Sitzung des zuständigen Verwaltungsgremiums am Freitag zu diskutieren, sagte Lueders. (kmh)

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