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Säugetiere: Winterschlaf half Nagern durch die Eiszeit

Forscher sind uneins darüber, welches Säugetier als Erstes Winterschlaf halten konnte. Am Beispiel Siebenschläfer fragen sie nun: Ist das Programm vielleicht sogar uralt?
Siebenschläfer bei dem, was er am besten kann

Wer Winterschlaf halten kann, der muss sich nicht tagtäglich mit den Widrigkeiten der dunklen und kalten Jahreszeit herumschlagen: Er verschläft sie einfach, zehrt dabei im Versteck von seinen Fettreserven und steht erst wieder auf, wenn der warme Frühling kommt. Diese Strategie ist allerdings nicht für jedes Tier geeignet. Oft – mit Ausnahmen – sind lediglich Säugetiere Winterschläfer, die ihren kleinen Körper nur mit hohem Aufwand warm genug halten könnten, um auch bei großer Kälte aktiv genug für die erfolgreiche Nahrungssuche zu sein. Unklar war bisher, welches kleine Pelzwesen als Erstes einen Winterschlaf gehalten hat. Immerhin: Es lebte wohl deutlich früher, als bisher nachgewiesen werden konnte, wie nun eine Forschungsarbeit aus der Schweiz nahelegt.

Die Forscher und Forscherinnen vom Jurassica Museum in Porrentruy und der schweizerischen Université de Fribourg stießen auf den bislang ältesten nachweislichen Winterschläfer, als sie die Familiengeschichte der Bilchmäuse rekonstruierten – jener Gruppe von kleinen Nagetieren mit buschigem Schwanz, zu der etwa der Siebenschläfer, der Gartenschläfer oder die Haselmaus gehören. Die Wissenschaftler hatten für ihre im Magazin »Journal of Systematic Paleontology« veröffentlichte Studie mehr als 500 fossile Zähne von Bilchmäusen aus Frankreich und Spanien ausgewertet, deren Größe und Form analysiert und damit den Verwandtschaftsgrad zwischen den Arten ermittelt, um so ein genaues Bild der Evolution dieser Tierfamilie zu bekommen. Dabei wurde deutlich, dass aus der Gruppe gleich dreimal im Lauf der Erdneuzeit recht plötzlich neue Seitenäste mit neuen Arten sprossen: Episoden der Diversifizierung, die stets mit Kälteperioden zusammenfielen.

So war es am Übergang zwischen Eozän und Oligozän zu einer deutlichen globalen Abkühlung gekommen, die die Polkappe in der Antarktis wachsen und den Meeresspiegel sinken ließ. Dies erleichterte es Tieren, zwischen Kontinenten zu wandern, und sorgte in Europa für eine deutliche Veränderung der Säugetierfauna. Viele davon verschwanden, wie etwa die Adapoidea (eine Gruppe von Primaten), die Palaeotherien (entfernte Cousins der heutigen Pferde) oder bestimmte Nagetiergruppen. Dafür siedelten sich jüngere Arten aus Asien an, unter anderem Hamster, Biber, Nashörner, Schweine und Tapire. Den Bilchmäusen gelang es aber, sich während der klimabedingten Umwälzungen mit verschiedenen neuen Formen auszubreiten.

Das Team um Olivier Maridet vermutet, dass der Vorteil der neuen Arten die Fähigkeit zum Winterschlaf war. Ein definitiver Nachweis dafür ließ sich in den untersuchten Nagetierfossilien zwar nicht finden – der älteste Beweis für ein eindeutig Winterschlaf haltendes Nagetier stammt von einem 2,6 Millionen Jahre alten Schneidezahn vom Anfang des Quartären Eiszeitalters, an dem ganz klar saisonale Wachstumspausen zu erkennen sind. Die Forscher vermuten aber, dass auch die neu entstandenen Bilchmausvarianten vor 34 Millionen Jahren die kalte Jahreszeit verschlafen konnten. Denkbar sei zudem, dass schon sehr alte, kleine Säugetiervorfahren die Fähigkeit mitbrachten, im Winter lange Zeit ruhig ohne Nahrung von Reserven zu leben – und dass diese dann bei vielen späteren Formen verloren ging. Die in Kälteperioden plötzlich erfolgreichen Bilchmäuse profitieren demnach womöglich von einem uralten Programm von Verhaltensanpassungen und Stoffwechseltricks, das andere Tiergruppen offenbar bei Bedarf nicht so rasch reaktivieren können.

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