Vertuschte Maul- und Klauenseuche: Was tötet die Saiga-Antilopen?

Das Unheil lässt sich sogar riechen. Bei einer Fahrt durch die Weiten der kasachischen Steppe mischt sich im Minutentakt der stechende Gestank von verwesenden Tierkadavern in den aromatischen Duft des Steppen-Wermuts. Immer wieder stehen sonst so scheue Saiga-Antilopen apathisch in der Gluthitze am Wegesrand oder schleppen sich mühsam fort, wenn sich ein Fahrzeug nähert. In manchen Gegenden sind mehr tote Saigas zu sehen als lebende. Kein Zweifel: Nahezu unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit wird das neuntgrößte Land der Erde gerade von einer Tierseuche großen Ausmaßes heimgesucht. Betroffen sind vor allem Saiga-Antilopen, die ikonischen Symbole der zentralasiatischen Graslandschaften.
Saigas sind sehr besondere Tiere. Die Antilopen mit der auffälligen Rüsselnase gelten als lebende Relikte der prähistorischen Tierwelt. Sie grasten schon in der letzten Eiszeit neben Mammuts – und flüchteten vor Säbelzahnkatzen. Während ihre Wegbegleiter aus einer anderen Zeit längst ausgestorben sind, haben sich die Saigas bis heute behauptet. Nicht zuletzt ihre knollige Rüsselnase half den Tieren, die extremen Veränderungen von Lebensraum und Klima über Zehntausende von Jahren zu überdauern. Bis heute meistern sie die Temperaturextreme der kontinentalen Steppe dank dieser anatomischen Anpassung. Der aufgewölbte Nasenrüssel wärmt im Winter bei bis zu 40 Grad minus die Atemluft auf, während er bei Sommerhitze bis zu 45 Grad hilft, das Blut herunterzukühlen und zudem die immensen Staubwolken zu filtern, die die Tiere bei ihren Wanderungen beständig aufwirbeln.
Saigas waren schon einmal fast ausgerottet
Nicht nur anatomisch sind Saigas Überlebenskünstler. Anders als Przewalski-Wildpferde und die Kulan-Wildesel konnte Wilderei die Steppenantilopen nie ganz ausrotten. Allerdings standen auch die Juwelen der Steppe vor gut 20 Jahren sehr kurz vor diesem Schicksal. Zu Beginn der 2000er-Jahre war ihr Bestand von Millionen auf wenige Tausend Tiere zusammengeschossen worden. Doch einer Allianz aus internationalen und nationalen Naturschutzorganisationen, der Wissenschaft und der kasachischen Regierung gelang innerhalb weniger Jahre ein weltweit beachteter Naturschutzerfolg.
Schutzgebiete wurden eingerichtet, Wanderkorridore gesichert und vor allem: Die Wilderei auf die Antilopen wurde effektiv bekämpft. Im Jahr 2025 ermittelten Ranger wieder einen Bestand von fast vier Millionen Saigas. Nun aber bringt der massive Seuchenausbruch eines der bekanntesten Symbole für erfolgreichen Naturschutz erneut in Bedrängnis.
Die etwa schafgroßen Tiere mit dem markanten Rüssel standen kurz vor der Ausrottung, als Anfang der 2000er-Jahre ihr Bestand auf wenige Tausend Tiere zusammenschrumpfte. Dass es inzwischen wieder mehrere Millionen Tiere gibt, ist der Einrichtung von Schutzgebieten und dem Kampf gegen Wilderei zu verdanken.
Wird die Maul- und Klauenseuche vertuscht?
Darüber, welche Epidemie in der Region unter Wildtieren und Nutzvieh tobt, wird heftig gestritten. Die Behörden sprechen wahlweise von Bakterieninfektionen, Tollwut oder schlicht einer unbekannten Seuche. Internationale Tierseuchenexperten halten eine andere Ursache dagegen für naheliegender: die gefürchtete Maul- und Klauenseuche (MKS).
Für Menschen ist sie ungefährlich. Doch für Paarhufer wie Rinder, Schweine, Schafe – und eben die Antilopen – ist sie eine Katastrophe. Ebenso wie für Landwirte, die von der Viehzucht leben. Denn um die Seuche einzudämmen, verlangen die Behörden normalerweise die Keulung ganzer Bestände. Weil sich die Viren so rasant verbreiteten, sei die MKS so etwas »wie das Schreckgespenst überhaupt« in der Tierproduktion, sagt Michael Eschbaumer. Der Veterinärmediziner und Virologe leitet das MKS-Referenzlabor des staatlichen deutschen Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI). Abnehmer im Ausland untersagen alle Importe: »Jedes Land macht sofort die Grenzen dicht, wenn es von einem Ausbruch erfährt – und das hat oft massive ökonomische Folgen.«
Entsprechend zögerlich sind viele Länder, einen Ausbruch der Seuche einzugestehen. Dass MKS derzeit in Teilen Asiens wütet, ist unstrittig. Offiziell eingeräumt haben das bisher neben zahlreichen südostasiatischen Ländern nur Kasachstans Nachbar China und die Mongolei. In etlichen weiteren Ländern – allen voran in Russland – wird ein massiver Ausbruch vermutet, aber von den Behörden bestritten. In der nördlich an Kasachstan grenzenden sibirischen Region Nowosibirsk hatte es im Frühjahr sogar lautstarke Proteste gegeben, als die Behörden zahlreiche Kleinbauern zur Schlachtung ihrer Viehbestände zwangen. Das US-Landwirtschaftsministerium vermutete damals, dass es sich um verdeckte Maßnahmen gegen die MKS handelte. Russland wies dies als Propaganda zurück.
Auch die kasachische Regierung dementiert, dass es Ausbrüche der MKS im Land gibt. Noch im Mai 2026 hat sie sich von der UN-Organisation für Tiergesundheit (WOAH) den Status »MKS-frei« attestieren lassen. Das werde helfen, die Exporte weiter auszuweiten, freute sich damals Landwirtschaftsminister Aidarbek Saparow. Der Agrarsektor spielt trotz der Dominanz von Öl, Gas und anderen Rohstoffen für den Export immer noch eine wichtige Rolle für den vergleichsweise hohen Wohlstand der Post-Sowjetrepublik.
Einzige Ausnahmen: Russland und Kasachstan?
»Wir haben hier nicht die Probleme, die in den Nachbarländern auftreten«, beteuerte auch Vize-Agrarminister Amangalij Berdalin. »In Kasachstan gibt es weder bei Haus- noch bei Wildtieren Fälle von Maul- und Klauenseuche.«
Gegen die offizielle Lesart gibt es inzwischen verbreitet Widerspruch. Kasachische Medien berichten über den Tod Tausender Antilopen und vieler Nutztiere. »Die Maul- und Klauenseuche ist in den vergangenen Jahren in vielen Ländern Zentral- und Ostasiens – darunter Kasachstan – zu einem zunehmend relevanten Problem geworden«, sagt der renommierte kasachische Tierseuchenexperte Gaisa Absatirow von der Westkasachischen Universität in Oral im Gespräch mit »Spektrum der Wissenschaft«. Der Wissenschaftler hat zahlreiche Foto- und Videoaufnahmen von betroffenen Tierbeständen analysiert und dabei typische Merkmale der MKS festgestellt: »Die Maul- und Klauenseuche kursiert sowohl bei Nutztieren als auch unter den Saigas«, ist sich der Experte sicher.
Auch einen Übertragungsweg glaubt er zu kennen: Denn die Saigas aus dem Westen Kasachstans besuchen während ihrer saisonalen Wanderungen auch in größerer Zahl russische Regionen. »Im Frühjahr kehren sie zu den traditionellen Kalbungsgebieten zurück und werden dort zu einer Infektionsquelle für Nutztiere«, warnte Absatirow schon vor Monaten. In Beiträgen in sozialen Medien fordert der Experte Eindämmungsmaßnahmen von der Regierung. Als einer von wenigen Wissenschaftlern erinnerte er auch öffentlich daran, dass die kasachische Regierung einen MKS-Ausbruch vor fünf Jahren lange bestritten und erst im Nachhinein eingeräumt habe.
Der Geruch der Kadaver weht mancherorts über die kasachische Steppe. Zehntausende Tiere sind laut Fachleuten bereits erkrankt oder verendet.
FLI-Experte Eschbaumer hält es ebenfalls für plausibel, dass in Kasachstan, das Tausende Kilometer gemeinsame Grenze mit Russland und China hat, die Maul- und Klauenseuche unter den Saigas wütet. »Der mögliche Ausbruch der MKS in der Region ist wahrscheinlich nur Teil eines größeren Seuchenzugs, der gerade um sich greift«, vermutet er. »Das Virus breitet sich jetzt rasant aus und führt teilweise zu schwersten Seuchenzügen.«
Saigas seien als Wiederkäuer zudem besonders anfällig für eine Infektion über die Luft, weil sie beim Einatmen besonders viel Luft einsaugten und diese in die Bereiche des Atmungstrakts ströme, die sehr empfänglich für das MKS-Virus seien, sagt Eschbaumer. Dass sich die Infektion bei entsprechenden Wetterbedingungen kilometerweit über die Luft ausbreiten kann, ist bekannt. Zudem können Transitrouten leicht zum Infektionsherd werden. »Manchmal reicht ein Lkw-Reifen, um das Virus über große Entfernungen zu transportieren.«
Verschärft wird das Problem dadurch, dass bei denjenigen Fällen, die in der Region tatsächlich bestätigt wurden, eine Variante des MKS-Virus gefunden wurde, die zuvor nur in Afrika kursierte. Selbst wenn geimpft werde, sagt Eschbaumer, greife der Impfstoff nicht, weil er auf andere Varianten ausgerichtet sei.
Auf das »MKS-frei«-Label der UN-Behörde geben Experten nicht viel. Die WOAH müsse ihre Bewertung auf die Berichte stützen, die die einzelnen Länder ihr lieferten, sagt Eschbaumer. Sie sei keine Seuchenpolizei und habe keine eigenen Kontrolleure. »Anders als in Europa hapert es in einigen Weltregionen stark an Transparenz bei der Tierseuchenbekämpfung.«
Droht den Saigas erneut das Ende?
Wie sehr die Seuche das Überleben der gerade erst vor dem Aussterben bewahrten Saigas bedroht, ist unklar. Eschbaumer sieht eine existenzielle Gefahr für die Art als möglich an, sollte es zu einem heftigen Verlauf der Epidemie kommen. Die Populationen seien durch Wassermangel oder andere Umweltfaktoren teilweise ohnehin schon gestresst, erklärt er. »Jede Seuche macht die Lage schlimmer, und irgendwann kann auch eine ursprünglich zahlenstarke Population zusammenbrechen.«
Auch Naturschützer zeigen sich besorgt. Steffen Zuther, der das Comeback der Saigas seit vielen Jahren als Experte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) begleitet, hat den aktuellen Ausbruch im westkasachischen Zentrum der Saiga-Verbreitung erlebt. Nach seiner Einschätzung handelt es sich nicht um ein lokal begrenztes Problem. Betroffen sei wahrscheinlich ein großer Teil der verbliebenen Saiga-Populationen.
Die Verluste hält er bereits jetzt für bedeutend. Er geht von Zehntausenden kranken oder gestorbenen Tieren aus: »Die Krankheit hat sich weit verbreitet und breitet sich weiter aus.« Welche Seuche dahinterstecke, könne er nicht sagen. Der Experte arbeitet derzeit an einer genaueren Einschätzung des Ausmaßes des Saiga-Sterbens. Die Daten sollen den Behörden helfen, die richtige Entscheidung bei der Festlegung künftiger Jagdquoten auf die Antilopen zu treffen. Seit dem Jahr 2025 dürfen Saigas aufgrund ihrer starken Bestandserholung in den Jahren zuvor wieder kontrolliert bejagt werden. »Wir möchten auf den Maßstab der Katastrophe aufmerksam machen, um die Jagd in diesem Jahr erst einmal aussetzen«, sagt der Naturschützer.
Das Überleben der gesamten Art sieht Zuther trotz der vielen Todesfälle aber nicht akut gefährdet. Er habe auch Tiere beobachtet, die die Infektion überstanden hätten und sich bereits erholten, berichtet er. Als Beleg für die Widerstandsfähigkeit der Art verweist Zuther auf ein Massensterben von 2015, bei dem innerhalb weniger Wochen rund 200 000 Tiere an einer Bakterieninfektion verendeten. Seitdem hätten sich die Bestände dank der hohen Fruchtbarkeit der Art rasch wieder erholt und sogar Rekordwerte erreicht. »Es werden jetzt erst mal weniger, doch sie werden wiederkommen«, zeigt sich der ZGF-Experte optimistisch. »Saigas sind großartige Überlebenskünstler, die kriegt man nicht unter.«
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