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Samenfresser: Klimaschutz braucht wilde Tiere

Wälder brauchen Zugvögel und Säugetiere, um sich an das sich ändernde Klima anzupassen. Scheitert der Artenschutz, scheitert der Kampf gegen den Klimawandel.
Ein Seidenschwanz mit einem Samen im Schnabel

Der Klimawandel treibt das Leben auf unserem Planeten aus seinen angestammten Orten. Immer mehr Organismen fliehen im Wettlauf mit der Erderwärmung nach Norden, um in der wärmeren Welt einen neuen Platz zum Überleben zu finden. So hat sich der Verbreitungsschwerpunkt der europäischen Vogelarten in den vergangenen 30 Jahren im Mittel um 28 Kilometer nordwärts verschoben, also um etwa einen Kilometer pro Jahr. Auch viele Pflanzen suchen ihr Heil in der Flucht in kühlere Regionen. Um weiterhin mit den wärmeren Temperaturen kompatible Lebensbedingungen vorzufinden, müssen manche ihre Verbreitungsgebiete pro Jahr im Schnitt nur um wenige Meter, andere um eine zweistellige Kilometerzahl nach Norden verlagern.

Doch anders als Vögel oder Säugetiere können Pflanzen nicht ohne fremde Hilfe umsiedeln. Sie sind auf Mitfluggelegenheiten durch Zugvögel oder auf »Mitfahrgelegenheiten« durch Säugetiere angewiesen. Diese lassen sich ihren Service in Form von Samen und Beeren bezahlen: Die Tiere fressen die Früchte der Pflanzen und scheiden die Samen andernorts wieder aus. Diese Win-win-Situation wird als Ökosystemleistung bezeichnet. Wie wichtig dieser Service auch für Menschen ist, hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES geschätzt. Er beziffert den zusammengefassten Wert durch Bestäubung und Ausbreitung von Samen allein für die menschliche Lebensmittelproduktion auf jährlich mehr als 500 Milliarden Dollar.

Aber auch im Kampf gegen den Klimawandel ist die Bedeutung der Samenverbreitung einer neuen Untersuchung zufolge kaum zu überschätzen. »Die Samentransporte durch Tiere sind entscheidend für die Widerstandsfähigkeit von Wäldern«, sagt Evan C. Fricke, einer der Autoren der Studie. Und Wälder wiederum spielten eine Schlüsselrolle im Klimaschutz, weil sie enorme Mengen Kohlenstoff speichern können. Laut dem Biologen von der Rice University in Houston ist etwa die Hälfte aller Pflanzenarten auf die Verbreitung durch Tiere angewiesen, darunter die große Mehrheit der Bäume tropischer Wälder. »Deshalb beeinflussen die Samenverbreiter auch die Kohlenstoffspeicherung der weltweiten Vegetation.«

Ausrottung von Wisent, Elefant und Auerochse verringert Klimaresistenz von Pflanzen

Durch das globale Artensterben stehen jedoch immer weniger dieser Samentaxis zur Verfügung. Macht sich der Verlust an Säugetier- und Vogelarten bereits bemerkbar? Das hat Fricke gemeinsam mit Kollegen der Universität Aarhus in einer im Wissenschaftsmagazin »Science« erschienenen Studie untersucht. Ihre Ergebnisse sind alarmierend. Auf der Basis der Auswertung von mehr als 400 Einzelfallstudien und der Modellierung der künftigen Entwicklung kommen die Fachleute zu dem Ergebnis, dass sich die Fähigkeit der Pflanzen, der Klimaentwicklung zu folgen, bereits um 60 Prozent verringert hat. In Europa und Nordamerika sei der Verlust noch ausgeprägter.

Wisent | Im polnischen Białowieża-Nationalpark gibt es noch eine Population des großen Pflanzenfressers, der einst in weiten Teilen Europas beheimatet war.

Demnach fällt vor allem ins Gewicht, dass vielerorts große Tierarten fehlen – weil sie weitgehend oder sogar vollständig ausgerottet wurden. »Die größten Vögel und Säugetiere sind besonders wichtig, weil sie viele Samen über die großen Entfernungen verbreiten können, die notwendig sind, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten«, sagt Fricke.

Der dänische Biodiversitätsforscher und Koautor der Untersuchung Jens-Christian Svenning nennt den Verlust der Megafauna, also großer, meist Pflanzen fressender Tierarten wie Wisente, Wildpferde und der im 17. Jahrhundert ausgerotteten Auerochsen als besonders gravierend für Europa. Auch das Aussterben der europäischen Elefanten vor etwa 4000 Jahren habe bis heute Spuren hinterlassen, sagt Svenning: »Die Geschichte der Ausbreitung des Menschen ist mit schweren Verlusten bei der Megafauna verbunden.« Seitdem sei der Einfluss auf die Natur nur noch stärker geworden. »Und der Prozess setzt sich im Artensterben fort, das wir heute erleben.«

Wie die Studie ergab, waren die Verluste bei der Samenverbreitung vor allem in den gemäßigten Regionen Nordamerikas, Europas, Südamerikas und Australiens massiv. Auf Basis der internationalen Roten Listen berechneten die Experten, dass im Fall des Aussterbens gegenwärtig bedrohter Arten die Fähigkeit der Natur zur Samenverbreitung um weitere 15 Prozent zurückgehen würde. »Wir haben Regionen gefunden, in denen die Samenausbreitung schon jetzt um 95 Prozent zurückgegangen ist, obwohl sie nur ein paar Prozent ihrer Säugetier- und Vogelarten verloren haben«, sagt Fricke. Svenning hält die Gefahr für realistisch, dass in besonders stark betroffenen Gebieten Kipppunkte erreicht werden, bei deren Überschreiten ganze Ökosysteme zusammenbrechen. »Der Klimawandel könnte definitiv dazu führen, dass die Verjüngung der Wälder ausbleibt, und das Fehlen der Tiere könnte die Besiedlung durch neu eingewanderte Baumarten, die das neue Klima vertragen, verhindern.«

Vogelschwund auch in Europa schwächt Ökosysteme schon jetzt

Neben dem vollständigen Verlust ganzer Arten schwächt auch der zahlenmäßige Schwund vieler Vogelarten die Widerstandskraft von Wäldern und anderer Ökosysteme gegen den Klimawandel. So stellten Ornithologen kürzlich fest, dass vor allem durch die intensive Landwirtschaft innerhalb der letzten vier Jahrzehnte europaweit 600 Millionen Vögel verloren gingen. In Deutschland schätzen Experten des Dachverbands Deutscher Avifaunisten, dass im selben Zeitraum 16 Millionen Vögel verschwunden sind – das entspricht rechnerisch einem Verlust von 40 000 Vögeln pro Tag. »Die Anzahl der Tiere spielt natürlich eine große Rolle für die Leistungsfähigkeit des ganzen Systems«, sagt Svenning. »Der massive Rückgang der Bestandszahlen vieler Vogelarten hat eindeutig deren Rolle als Verbreiter von Samen stark beeinträchtigt.«

Rotkehlchen | Singvögel, die im Süden überwintern, helfen bei ihrer Rückreise auch Pflanzen, sich nordwärts zu verbreiten.

Dass ein wenige Gramm schwerer Singvogel eine ähnlich gewichtige Rolle für die Samenverteilung spielt wie ein Wisent, mag verwundern. Doch frühere Studien haben genau das gezeigt: Überaus wichtig sind Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen und einige Drosselarten wie die Amsel, wie eine Untersuchung belegt, die im Journal »Nature« erschienen ist. Diese Arten überwintern im Mittelmeerraum und brüten weiter nördlich. Durch das Fressen von Beeren verhelfen sie vielen Pflanzenarten der vom Klimawandel besonders stark betroffenen Mittelmeerregion zur Weiterreise nach Norden.

Welche Bedeutung Tiere allgemein für den Klimaschutz haben, werde immer noch unterschätzt, glaubt Svenning. Ähnlich sieht dies der Biodiversitätsforscher Josef Settele, Koautor des eingangs erwähnten IPBES-Berichts. Erst nach und nach werde erkannt, dass Artenreichtum ein Ökosystem widerstandsfähiger gegen Einwirkungen von außen mache. »Artenreicher Wald ist beispielsweise widerstandsfähiger gegen Befall durch Schädlinge, wodurch das Absterben ganzer Waldbestände vermieden wird und damit die Fähigkeit erhalten bleibt, Kohlenstoff zu speichern.«

Neue Bundesregierung erkennt den Wert von Ökosystemen für Klimaschutz

Die neue Bundesregierung hat die Bedeutung der Biodiversität auch für den Klimaschutz offenbar erkannt. Umweltministerin Steffi Lemke sagte in ihrer ersten Rede als Ministerin vor dem Bundestag, die Krise des Artensterbens müsse und werde stärker ins Zentrum der Politik rücken. »Fruchtbare Äcker gibt es nicht ohne biologische Vielfalt. Pflanzen brauchen Bestäuber, Hochwasserschutz braucht Auen, Klimaschutz braucht Moore und alte Wälder – hier und weltweit«, sagte die Grünen-Politikerin und kündigte an, »nach Jahrzehnten der Naturzerstörung« nun »ein Zeitalter der Renaturierung« einzuläuten.

Kuh | »Fruchtbare Äcker gibt es nicht ohne biologische Vielfalt«, sagt die Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Auch Kulturlandschaft ist auf wilde Natur angewiesen.

Dazu muss nach Überzeugung der Wissenschaftler um Fricke und Svenning unbedingt auch der Schutz von Vögeln und der noch erhaltenen Bestände stark dezimierter großer Tierarten wie Adler, Bären oder Wölfe gehören. Auch die aktive Wiederansiedlung örtlich ausgerotteter Arten wie Wisente oder Wildpferde seien geeignete Maßnahmen, um die Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme gegen den Klimawandel zu fördern. In Dänemark wurde sogar bereits mit der Ansiedlung Asiatischer Elefanten als Ersatz für die ausgestorbenen Waldelefanten experimentiert.

»Die Wiederetablierung von Arten würde helfen, auch wenn das meistens nur in Teilgebieten möglich ist«, sagt Svenning. Die in zahlreichen europäischen Ländern laufenden Projekte zur Wiedereinbürgerung von Wisenten seien besonders wichtig, sagt der Forscher. Auch sein texanischer Kollege Evan Fricke wirbt für die so genannten Rewilding-Prozesse: »Die Wiederansiedlung von Arten, die im großen Maßstab Samen verbreiten, in ihren historischen Verbreitungsgebieten würde einen großen Beitrag zur Umkehrung der von uns festgestellten Verluste leisten.«

Das Thema der Renaturierung von Ökosystemen auch als Mittel des Klimaschutzes hat derzeit unter dem Stichwort »nature-based solutions« Konjunktur. Gerade verhandeln mehr als 190 Staaten darüber, den Schutz von 30 Prozent der Land- und Meeresfläche der Erde beim bevorstehenden Weltbiodiversitätsgipfel als Ziel zu beschließen. Die europäischen Staaten sind dafür. Auch Svenning begrüßt die Initiative, sieht aber eine weitere Voraussetzung für einen Erfolg im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels und die Artenkrise. »Neben dem Schutz und der Renaturierung von Lebensräumen muss auch der Schutz und die Wiederherstellung einer vielfältigen Fauna von Großsäugern und Vögeln gelingen, wenn wir Erfolg haben wollen.«

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