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Trinkwasser: Sauberes Wasser macht immer mehr Aufwand

Immer mehr Schadstoffe wie Pestizide, Nitrat oder Arzneimittelrückstände belasten die Wasserressourcen. Sie zu entfernen, kostet viel Geld; das Verursacherprinzip gesetzlich zu verankern, wäre nach Ansicht der Versorger besser.
WasserhahnLaden...

Trinkwasser gilt hier zu Lande als eines der am besten kontrollierten Lebensmittel – und besitzt im internationalen Vergleich hervorragende Qualität. Ob das in Zukunft so bleibt, ist fraglich. Die rund 6000 Wasserversorger in Deutschland sehen sich vor »größeren Herausforderungen denn je«. Immer mehr möglicherweise gefährliche Fremdstoffe tauchen in der Umwelt auf – auch im Wasser, wo sie Fachleuten Kopfzerbrechen bereiten.

Was in Fluss, See und Grundwasserleiter herumschwimmt, muss mit einigem Aufwand davon abgehalten werden, in die Wasserleitungen zu gelangen. 70 Prozent des Trinkwassers in Deutschland werden aus Grund- und Quellwasser gewonnen; 15 Prozent stammen aus Oberflächenwasser von Flüssen, Seen oder Talsperren, weitere 15 Prozent aus Uferfiltrat oder angereichertem Grundwasser. Zu den Verunreinigungen, die zwischen Zulauf und Zahnputzbecher herausgefiltert werden, zählen Pestizide, Pharmazeutika, Inhaltsstoffe aus Waschmitteln und Produkten zur Körperpflege, aber auch Mikroplastik, vor allem aus dem Reifenabrieb.

Die bedeutendsten Schadstoffe im Rohwasser, das die Wasserwerke erst noch in Trinkwasser verwandeln müssen, sind Nitrat, Pestizide sowie Rückstände aus Medikamenten. Letztere sind im Trinkwasser zwar bislang die Ausnahme, doch allein ihr Vorhandensein im Rohwasser bedeutet, dass diese aufwändig entfernt werden müssen. »Im Idealfall sollten die Wasserwerke nur der Verteilung des Trinkwassers dienen, in der Praxis ist aber eine mehr oder weniger komplexe Rohwasseraufbereitung notwendig«, schreibt dazu das Umweltbundesamt. Aktuell warnt es gerade vor hohen Trifluoracetat-Konzentrationen im Grundwasser, einem Abbauprodukt des Herbizids Sunfire, das in der »Trinkwasseraufbereitung kaum entfernt werden kann« und die Versorger vor Probleme stelle.

Ein ganzer Schadstoff-Zoo

Auch Mikroplastik, weltweit in Boden, Wasser und Luft zu finden, belastet als potenzieller Schadstoff die Wasserressourcen. Im Sommer 2019 warnte die WHO vor möglichen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Zwar »scheine Mikroplastik im Trinkwasser nach heutigem Stand kein Gesundheitsrisiko darzustellen«, die Datenlage sei allerdings lückenhaft und weitere Forschung notwendig. Vorsichtshalber fordert die WHO eine zusätzliche Filterung des Abwassers, wodurch nicht nur Mikroplastik, sondern auch andere schädliche Substanzen wie Chemikalien und Krankheitserreger aus dem Wasser entfernt würden.

Rund 3000 pharmazeutische Wirkstoffe sind derzeit in Deutschland zugelassen, einschließlich der Veterinärarzneimittel. Diese gelangen aus der Tierhaltung über Gülle, Weiden und Koppeln sowie Aquakulturen in die Umwelt. Die Arzneimittel aus der Humanmedizin kommen auf »natürlichem« Weg über Ausscheidungen ins Abwasser, aber auch durch die unsachgemäße Entsorgung von Arzneien über die Toilette. »So werden inzwischen nahezu deutschlandweit in Fließgewässern sowie in Boden- und Grundwasserproben Rückstände gefunden«, heißt es in einer Mitteilung des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). »Etwa 150 verschiedene Wirkstoffe konnten bislang identifiziert werden.«

Allerdings stellten sie wegen der geringen Konzentrationen von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter keine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Belegt seien dafür Umweltfolgen, zum Beispiel dass Wirkstoffe wie ein synthetisches Hormon aus der Antibabypille bereits in einer Konzentration von wenigen Nanogramm pro Liter die Fortpflanzung von Fischen erheblich stören. Ebenfalls bei Fischen schädigt das Schmerzmittel Diclofenac Leber und Niere; Antibiotika wiederum hemmen oft das Wachstum von Algen.

Wachsendes Problem: Medikamente

Bereits im Trinkwasser selbst finde man inzwischen gelegentlich Spuren dieser Arzneimittel, so das Umweltbundesamt. Dank moderner Analysemethoden sind solche Stoffe heute auch in extrem niedriger Konzentration nachweisbar. Mediale Aufmerksamkeit erregte zuletzt, dass Forscher der Jacobs University Bremen zwar kein Medikament, aber ein MRT-Kontrastmittel auf Basis von Gadolinium im Leitungswasser nachwiesen. Dessen Zulassung in der EU ruht derzeit, weil es möglicherweise schwere Nebenwirkungen verursacht.

Zwar gelten die gemessenen Konzentrationen des Kontrastmittels nach aktuellem Wissensstand nicht als gesundheitsgefährdend; sie sind jedoch nach Angaben von Michael Bau, dem Leiter der Untersuchung, ein Indikator dafür, dass auch andere chemische Substanzen aus dem Abwasser im Trinkwasser sein können. »Dies sind zum Beispiel Arzneimittelrückstände und besonders die so genannten ›endokrinen Disruptoren‹, die bei Menschen und Tieren hormonähnliche Wirkungen haben und im Gegensatz zum Kontrastmittel Gadolinium schon in sehr geringen Konzentrationen die Gesundheit beeinflussen«, erklärt der Geochemiker.

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, nicht zuletzt dank des medizinischen Fortschritts. Die Kehrseite aus wasserwirtschaftlicher Sicht ist, dass der Verbrauch von Pharmazeutika steigt, zum Beispiel von Lipidsenkern, Betablockern, Antirheumatika – und damit eben die entsprechenden Mengen in den natürlichen Gewässern, aus denen Wasserwerke das Trinkwasser bereitstellen.

Da die gefundenen Mengen weit unterhalb der für eine Wirkung nötigen Dosis liegen, stellen sie keinerlei Risiko für die menschliche Gesundheit dar, »dennoch sollte aber allein aus Sicht eines vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutzes der Eintrag von Arzneimitteln so gering wie möglich sein«, schreibt das Umweltbundesamt.

Vorsorgeprinzip

Außer mit Spurenstoffen sei das Grundwasser in vielen Regionen zudem erheblich mit Nitrat verunreinigt, warnt der DVGW. Das hat gravierende Folgen für die Trinkwassergewinnung: So wurde bei Untersuchungen für den letzten Nitratbericht der Bundesregierung an rund der Hälfte der Messstellen für Grundwasser eine erhöhte Nitratkonzentration festgestellt; bei 28 Prozent der Messstellen, in deren Einzugsgebiet eine landwirtschaftliche Nutzung dominiert, lag sie sogar über dem Grenzwert für Trinkwasser.

Der beträgt EU-weit 50 Milligramm pro Liter. Alles, was darüber hinausgeht, muss entweder aufwändig und mit hohen Kosten entfernt werden. Oder die Versorger mischen belastetes mit unbelastetem Wasser, bis die Nitratkonzentration unter den Richtwert fällt. Zwar ist Nitrat für Erwachsene kaum gesundheitsgefährdend; es kann aber durch Bakterien im Körper in Nitrit umgewandelt werden. Dieses gilt als Krebs erregend und kann darüber hinaus bei Säuglingen den Sauerstofftransport im Blut hemmen.

Davon abgesehen hat Nitrat an der falschen Stelle unerwünschte Folgen wie Algenblüten im Meer. Wenn sich dann Blaualgen, die giftige Toxine produzieren, oder krank machende Bakterien (zum Beispiel Vibrionen) vermehren, muss das Gewässer für Badende gesperrt werden.

Hauptursache seien die industrielle Tierhaltung und die dabei anfallende Gülle. Deren Menge übersteige bei Weitem das, was auf die Felder ausgebracht werden darf. Wenn mehr Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird, als die Pflanzen aufnehmen können, versickern die Stickstoffverbindungen als im Wasser gelöstes Nitrat im Erdreich – bis sie schließlich ins Grundwasser gelangen.

Gülle und Mais belasten das Wasser

Das Problem der Überdüngung und der daraus resultierenden hohen Nitratkonzentration im Grundwasser ist seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem hat sich die Lage nicht gebessert, sondern verschlimmert: durch den massiven Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen. Etwa in Form von Maismonokulturen, die stark gedüngt werden. Nicht nur Umweltschützer kritisieren das seit Langem.

»Intensive Landwirtschaft belastet vielerorts die natürlichen Wasserressourcen. Durch den übermäßigen Einsatz von Dünger verschlechtert sich zunehmend die Qualität des Grundwassers in Deutschland«, moniert der DVGW. Auch das Umweltbundesamt weist darauf hin, »dass Reparaturmaßnahmen teurer wären als vorbeugende Maßnahmen. Deshalb ist es wichtig, Nitrateinträge in das Grundwasser zu vermeiden und die Stickstoffüberschüsse deutlich zu reduzieren.«

Der Verband selbst engagiert sich nach eigenen Angaben für eine Gewässer schonende Landwirtschaft, um eine nachhaltige Wasserversorgung sicherzustellen. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert von der Politik strengere Auflagen für Dünger und warnt angesichts demonstrierender Landwirte: »Geht Deutschland nicht entschieden gegen die Nitratbelastung des Grundwassers vor, kann das für die Steuerzahler teuer werden: Strafzahlungen von 850 000 Euro täglich und damit mehr als 310 Millionen Euro im Jahr drohen, wenn Deutschland nicht endlich die EU-Nitratrichtlinie in nationales Recht umsetzt.« Verbraucher könnten dann doppelt belastet werden. Steige die Nitratbelastung weiter an, werde sich das auch in den Trinkwasserpreisen niederschlagen.

Beide Verbände fordern seit Jahren die Anwendung des Vorsorge- und Verursacherprinzips: »Wir müssen an der Quelle der Verschmutzung ansetzen. Denn Stoffe, die gar nicht erst in den Wasserkreislauf gelangen, müssen auch nicht aufwändig entfernt werden.« Zudem müsse der Grundsatz gelten: Wer zur Verschmutzung der Gewässer beiträgt, darf die Kosten für die anfallende Reinigung nicht zu Lasten der Allgemeinheit sozialisieren.

46/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 46/2019

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