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News: Schadstoffbelastete Geborgenheit

So wohlbehütet wie früher sind menschliche Embryonen heutzutage nicht mehr im Mutterleib. Amerikanische Wissenschaftler haben im Fruchtwasser Spuren chemischer Stoffe gefunden, die im Prinzip den Hormonhaushalt der ungeborenenen Kinder durcheinanderbringen könnten. Ob die Substanzen allerdings wirklich in die Entwicklung eingreifen, läßt sich beim gegenwärtigen Stand der Forschung noch nicht sagen.
In den USA erregen noch immer mißgebildete Frösche die besorgten Gemüter. Bis jetzt ist nicht restlos geklärt, was die Deformationen der Amphibien ausgelöst hat. Manche Wissenschaftler vermuten, daß Hormon-ähnliche Substanzen die Embryonalentwicklung der Tiere gestört haben. Derartige Chemikalien treten natürlich als pflanzliche Sekundärstoffe auf, werden aber auch in der Landwirtschaft genutzt oder gelangen auf anderen Wegen als Nebenprodukt unserer technisierten Zivilisation in die Umwelt. Doch zur Umwelt gehören auch wir Menschen. Und so ist es zwar nicht unbedingt überraschend, aber dennoch beunruhigend, daß sogar im Fruchtwasser schwangerer Frauen künstliche Chemikalien gefunden wurden.

Warren Foster vom Center for Women's Health am Cedars-Sinai Medical Center und seine Kollegen analysierten die amniotische Flüssigkeit von 53 Frauen aus Los Angeles, die in der 16. bis 20. Woche schwanger waren. In rund dreißig Prozent der Fälle fanden sie meßbare Konzentrationen von DDE (Dichlordiphenyldichlorethen), einem Abbauprodukt des Pestizids DDT. In dem USA selbst wird DDT nicht mehr verwandt, in einigen Entwicklungsländern ist es dagegen noch in Gebrauch.

DDE wirkt als Gegenspieler des männlichen Hormons Testosteron. Dieses kommt nicht nur bei Männern vor, sondern zirkuliert auch im Blutkreislauf von Frauen, allerdings in geringeren Mengen. Normalerweise bindet das Testosteron über sogenannte Rezeptoren an seine Zielzelle und löst dort eine spezifische Reaktion aus. DDE kann den Prozeß jedoch unterbrechen, indem es zuvor an den gleichen Rezeptor bindet. Zwar paßt das natürliche Hormon besser, aber eine entsprechend hohe Konzentration von DDE könnte sich negativ bemerkbar machen.

Ob die Entwicklung der Embryonen wirklich beeinflußt wird, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. Die Mengen im Fruchtwasser reichten von 0,1 bis 0,63 Nanogramm DDE pro Milliliter Flüssigkeit. Der höchste Wert entspricht in etwa der Testosteron-Konzentration in weiblichen Embryos und der Hälfte des Hormonspiegels in männlichen Kindern. "Die Frage ist: Kommt die Menge an DDE irgendwo in den Bereich der Konzentrationen von Androgenen [männliche Hormone] im Embryo?", meint Claude L. Hughes vom Center for Women's Health. "Im Fruchtwasser sind die Mengen von Androgenen und DDE in der gleichen Größenordnung." Ob und wie sie sich dort auswirken, hängt von einer ganzen Reihe ungeklärter Fragen ab: "Wieviel Überschneidung mit der normalen Wirkung von Androgenen in den sich entwickelnden Hoden muß bei einem Kind auftreten, bevor es als Erwachsener zu wenig Spermien hat? Wieviel Störung der Androgenaktivität im Gehirn muß vorliegen, damit Entwicklungen, die von Geschlechtshormonen gesteuert werden, bei einigen Gehirnbereichen verändert werden? Ich weiß es nicht", sagt Hughes.

Außer DDE fanden die Forscher auch polychlorierte Biphenyle (PCBs) in den Fruchtwasserproben. Die Konzentrationen dieser Stoffe waren zwar gering, aber durchaus noch nachweisbar. Die PCBs sind eine ganze Substanzfamilie, deren Mitglieder teilweise ungiftig und teilweise gesundheitsgefährdend sind. Einige greifen zum Beispiel in den Stoffwechsel der Schilddrüsenhormone ein.

Foster und seine Kollegen haben ihre bisherigen Ergebnisse am 14. Juni 1999 auf der Tagung der Endocrine Society in San Diego vorgestellt. Sie sehen sich selbst aber erst am Anfang der Arbeit. Demnächst wollen sie in einer größeren Studie überprüfen, wie die Belastung vom Wohnort abhängt, welche anderen Substanzen im Fruchtwasser auftreten, und ob diese Stoffe auch im mütterlichen Blut, der Nabelschnur sowie in der Muttermilch vorkommen.

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