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Fälschungssicher: Warum fast alle britischen Urkunden auf Schafspergament standen

Mit Labormethoden ist ein Forscherteam dem historischen Schreibmaterial nachgegangen. Die Ergebnisse geben einen kleinen, aber feinen Einblick in die historische Rechtspraxis.
In Schönschrift auf fälschungssicherem Pergament Laden...

Einer der zentralen Vorzüge von Pergament ist seine Dauerhaftigkeit. Es ist so alterungsbeständig, dass es sich in britischen Archiven über die Jahrhunderte in schieren Massen angesammelt hat und man es Anfang des 20. Jahrhunderts sogar zu Lampenschirmen recycelte. Wie ein Team um Sean Doherty von der University of Exeter nun feststellte, gewann man das Material nahezu ausschließlich aus der Haut von Schafen. Das ergaben Untersuchungen an 645 Proben, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert.

Warum überwog bei Urkunden das Schafspergament, während bei übrigen Schriftstücken auch solches vom Kalb oder der Ziege genutzt wurde? Dazu äußern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung im Fachblatt »Heritage Science« einen Verdacht: Urkunden auf Schafspergament seien besonders schwer zu fälschen, schreiben sie in ihrer Studie. Denn wer versuche, die Schrift auszukratzen, hinterlasse fast zwangsläufig sichtbare Spuren. Das Schreibmaterial besteht aus zwei Schichten, die beim Schaf nur locker verbunden sind und sich beim Radieren voneinander trennen. Grund dafür ist der ursprünglich hohe Fettgehalt der Schafshaut.

Um herauszufinden, von welchem Tier ein Pergament gewonnen wurde, identifizierten sie in den Proben Proteine, die sich einer der drei Tierarten zuordnen lassen. Nur in 23 Fällen ergab das kein eindeutiges Ergebnis, diese Proben könnten auch von Ziegen stammen. Alle übrigen waren eindeutig aus Schafshaut hergestellt worden.

Dass die Nutzer der Pergamente um die fälschungssicheren Eigenschaften von Schafspergament wussten, verraten ebenfalls einige Passagen in historischen Quellen. So wies der Schatzmeister von König Richard Löwenherz seine Schreiber an, aus genau diesem Grund nur Schafspergament zu verwenden.

Außerdem hatte das Schaf einen weiteren Vorzug als Pergamentlieferant: Seine Haut war vergleichsweise billig und jederzeit verfügbar. Während kaum Ziegen auf den Weiden der Insel grasten, kalkuliert das Team die Zahl der Schafe vom Mittelalter an auf 10 bis 17 Millionen. Im 19. Jahrhundert kletterte sie sogar noch auf einen Wert jenseits der 20 Millionen. Entsprechend viel Haut stand den Pergamentherstellern zur Verfügung. Um das besonders hochwertige Pergament aus Kälberhaut zu gewinnen, muss man dagegen das junge Rind spätestens im Alter von sechs Wochen schlachten. Die Folge war, dass Vellum, wie man Kalbspergament auch nannte, mehr als doppelt so viel kostete wie eines aus Schafshaut.

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