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Depression

Schaltzentrale im Hirn sorgt für Symptomvielfalt

Depression
Menschen, die an einer schweren Depression leiden, bilden offenbar an einer bestimmten Stelle in ihrem Gehirn eine zentrale Verknüpfungsstelle aus, die auf drei wichtige funktionale Netzwerke einwirkt. Dafür sprechen jedenfalls Hirnscanbilder, die Forscher um Yvette Sheline und ihre Kollegen von der Washington University School of Medicine in St. Louis anfertigten. Der Befund könne womöglich zum Teil erklären, wie eine Depression verschiedene, scheinbar voneinander unabhängige Leistungen des Gehirns beeinträchtigen kann.

Die Wissenschaftler ließen ihre 18 Patienten in der Scannerröhre ruhen, ohne ihnen – wie üblich – spezielle Aufgaben zu stellen. Dabei tritt das default mode network (Ruhestandardnetz) in Aktion. Es besteht aus einer Anzahl von Hirnregionen, die im Ruhezustand besonders aktiv werden. Es spielt den Forschern zufolge eine Vermittlerrolle für viele weitere Hirnbereiche. Unter anderem hält es das Gehirn für schnelle Reaktionen in Bereitschaft, könnte aber auch am Abruf von Gedächtnisinhalten und vielem mehr beteiligt sein.

Neben der Aktivität in diesem Ruhestandardnetz beobachteten Sheline und Kollegen noch zwei weitere funktionale Netze: das "ausführende" System im Frontalhirnbereich, dem höhere kognitive Funktionen obliegen, sowie ein "emotionales" System von Hirnarealen, die vorrangig mit der Verarbeitung von Emotionen beschäftigt sind. Alle drei Funktionsbereiche waren über eine Hirnregion verknüpft, die die Wissenschaftler auf den Namen "dorsaler Nexus" tauften. Sie befindet sich in beiden Hirnhälften gleichermaßen und liegt versteckt im Inneren des Stirnlappens (im so genannten dorsolateralen Präfrontalkortex).

Bei gesunden Kontrollpersonen war diese Stelle völlig unauffällig, während bei den Patienten hier ein umso regerer Austausch der drei Netzwerke vonstattenzugehen schien, je ausgeprägter die Krankheit war. Möglicherweise, so Sheline und Kollegen, könne dies erklären, warum Depressive Symptome in so unterschiedlichen Leistungsbereichen zeigen – dazu zählen laut den Autoren der Studie etwa mangelnde Konzentration auf kognitiv anspruchsvolle Aufgaben, Grübelei, ausgeprägte Selbstbezogenheit und übersteigerte Wachsamkeit sowie Störungen in der Emotionskontrolle. (jd)
22. KW. 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22. KW. 2010

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  • Quellen
Sheline, Y.I. et al.: Resting-state functional MRI in depression unmasks increased connectivity between networks via the dorsal nexus. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073/pnas.1000446107, 2010.

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