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Verhaltensforschung: Scheinwerferscheu, nicht unfähig

Groß, stark und vergleichsweise wenig clever - Gorillas schneiden beim Primaten-Vergleich zu Mensch, Schimpanse und Orang-Utan nicht ganz so gut ab. Zu Unrecht, denn offenbar sind im Krongeäst der Schöpfung ein paar Fähigkeiten doch nicht ganz so exklusiv verteilt.
Gorilla Efi mit StützastLaden...
Alle tun es, meint Cole Porter im Liedtext: Birds do it, Bees do it, even educated fleas – also Flöhe nach ein wenig Training – do it: they fall in love! Es folgen viele Strophen über viele Tiere, die alle laut Mister Porter Kompetenz in Liebesdingen mit Homo sapiens teilen. Stilwechsel: Hätten Verhaltensforscher vor ein paar Jahren ein Lied über den Werkzeuggebrauch gedichtet, es wäre kürzer ausgefallen: Humans do it. Punkt. Liebe ist in Schlager und Biologie offenbar verbreiteter als die Fähigkeit, sich das Leben mit geschickt gewähltem Instrumenteneinsatz zu erleichtern.

Allerdings kamen in den letzten Jahren wohlwollender wissenschaftlicher Feldforschung auf die kurze Liste hinter den Menschen doch noch ein paar tierische Werkzeugspezialisten-Spezies: ein paar schlaue Vögel (Raben etwa), zudem manche Delfine, Otter und Kraken, sowie natürlich unsere nächsten Affen-Verwandten. Wobei letzterer Fall zwiespältig begutachtet wird, denn nur Schimpansen und Orang-Utans gelten als wirklich findige Werkzeugnutzer, nicht allerdings Gorillas.

Dabei fehlt es Gorilla gorilla wohl kaum an geistiger Fähigkeit: In Zoos und anderen eher künstlichen Umgebungen kann auch er lernen, "Form, Position und Zustand eines Objektes durch ein anderes, bewegliches Objekt seiner Umwelt gezielt zu verändern" – die klassische Definition des Werkzeuggebrauchs, die zudem noch sechs Unterkategorien kennt, etwa die Disziplin "Objekte werfen" oder "Objekte zur eigenen Körperhygiene einsetzen". Nur gefangene Gorillas, so die Fachwelt, erreichen beim Herumwerkzeugen annähernd so hohe Punktzahlen wie geschickte Orangs und Schimpansen, die ihre Fähigkeiten aber eben durchaus auch in freier Wildbahn anwenden.

Warum aber legen Gorillas in Freiheit auf den Werkzeugeinsatz offenbar keinen Wert? Thomas Breuer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und seine Kollegen machten sich in den Sumpfwäldern des Kongos auf die Suche nach Antworten. Verzichten die Tiere vielleicht auf Geschicklichkeit, weil ihr imposanter Körperbau sie mit Gewalt genauso viel erreichen lässt? Denn anders als der Durchschnitts-Schimpanse können sie schließlich auch auf der Suche nach Nahrung Termitenhügel einschlagen und Nüsse zerbeißen – wozu also mühsam mit Stöckchen Termiten angeln oder per Steinhammer Fruchtschalen zertrümmern.

Zumindest zwei Gorillaweibchen bewiesen den überraschten Verhaltensbeobachtern um Breuer nun, dass Werkzeuggebrauch durchaus nicht nur etwas für Schwächlinge sein muss. Beide Affendamen gehören zu Gorillahorden, deren mehr oder weniger ereignisreiches Leben Forscher bereits seit mehreren Jahren aus rücksichtsvoller Distanz beobachten. Dann kam der Herbst 2004, und Aufsehenerregendes konnte auf Film gebannt werden.

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Gorilla Leah stakst durch trügerische Untiefen | Das Gorillaweibchen Leah benutzt einen Spazierstock, um die Wassertiefe eines von ihr durchquerten Tümpels auszuloten. Davor hatte sie sich ohne Stock ins Wasser gewagt, es aber offenbar als unvorhersehbar tief empfunden.
9. Oktober, Auftritt Gorillaweibchen Leah, Klappe die erste: Das erwachsene Tier stiert eine Weile ins dunkle Wasser eines Tümpels, stakst dann zweibeinig ein paar vorsichtige Schritte hinein und stellt fest, dass es hier doch wohl tiefer ist als gedacht. Nur – wie tief? Keine unlösbare Aufgabe für vorsichtige und einfallsreiche Gorillaweibchen, beweist Leah: Sie schnappt sich einen ein Meter langen Taststock und beprobt mit diesem, langsam vorwärts tastend, die voraus liegenden Untiefen rund zehn Meter weit – bis sie schließlich ein Schrei des Nachwuchses zurück zum Ufer ruft. Eindeutig Gorilla-Werkzeuggebrauch, Kategorie "Fernerkundung". Ein Einzelfall?

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Gorilla Efi mit Werkzeugast | Das Gorillaweibchen Efi benutzt einen eigens herangeschafften Ast zur Stabilisierung beim einhändigen Nahrungssammeln. Das Tier verwendete den Stab auch, um im Wasser treibende Kräuter anzulanden, sowie später als Brücke, mit der sie trügerisch sumpfiges Gelände überwand.
21. November 2004, anderer Ort, andere Gorillagruppe: Auftritt Efi. Zunächst ziemlich gorillatypisch grob rupft sie sich einen blattlosen, knapp eineinhalb Meter langen Ast beidhändig aus dem nahen Totholz, rammt diesen dann aber senkrecht in den sumpfigen Boden – als Stützstab, an dem man sich gut einhändig festhalten kann, während die andere Hand nach allerlei schmackhaftem Blattwerk buddelt. Dann beweist sie, dass ein Ast auch vom Stützstab zur Fußstütze werden kann: um das vor ihr liegende Sumpfgelände sicher zu überqueren und nicht einzusinken, legte sie den Stecken als Brücke flach über den Boden und läuft dann auf und an diesem entlang auf festen Boden. Das könnte schon fast als Werkzeugrecycling durchgehen.

Eins ist nach diesen dokumentierten Beobachtungen sicher, meinen Breuer und Kollegen: Auch Gorillas sind in freier Wildbahn des Werkzeuggebrauches fähig. Dazu allerdings verlangen sie offenbar nach einer ökologischen Notwendigkeit: Während Schimpansen die Nahrungsgewinnung vor Herausforderungen stellt, die mit Werkzeugen in den Griff zu bekommen sind, zwingt Gorillas eher ein schwieriges Lebensumfeld zu technischen Innovationen – also etwa ein sumpfiges Gelände wie im nördlichen Kongo, das die Fortbewegung erschwert.

Werkzeug verschmähen die großen Affen also in freier Wildbahn nicht per se – wenn es denn einen guten Grund dafür gibt. So gesehen haben vielleicht nicht Menschen Gorillas, sondern Gorillas den Menschen beim effektiven Werkzeuggebrauch etwas voraus. Die ökologische Notwendigkeit zum Gebrauch von Apfelsinenschäler, Tischstaubsauger oder mitkochendem Pasta-Timer erschließt sich ja zumindest nicht auf den ersten Blick.

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